"Komplizen des Glücks": Wie ebenfalls schon erwähnt

3. April 2015, 17:44
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O. P. Zier erzählt langwierig konventionell die Geschichte einer scheinbar unkonventionellen Familie im Salzburgischen

Familienromane haben anhaltend Saison. Als ob es dauernd die neuen Buddenbrooks zu schreiben gelte, wird gehäuft die große Welt in der kleinen gespiegelt und derart die Besichtigung des Zeitalters unternommen. Das Genre bietet den Vorteil bekannter Zusammenhänge - eine Familiengeschichte hat jeder Mensch - und möglicher Vielfalt; zudem schätzen es offenbar die Preisjurys. Selten jedoch verlassen solche Romane das Genrehafte.

Nun ist der Salzburger Schriftsteller O. P. Zier auf diesen ausgetretenen Pfaden unterwegs. Er setzt ein paar Unangepasste im kleinen Milieu der salzburgischen Provinz in Szene, von den Achtzigerjahren bis in die Zeit der Schüssel-Regierung. Allerdings ist das Außenseiterleben dieser Komplizen des Glücks, wie sie der Titel des Romans bezeichnet, wiederum nur ein Mainstream der anderen Art.

Wie wird ein Rock-Opa aussehen? Wenn er Peter Wirring heißt, hat er als Pete Wire mit seiner Gang in den Sechzigern die Mädels im Ländlichen zum Kreischen gebracht; vierzig Jahre später hat er eine kleine Karriere hinter sich, fährt immer noch einen bunt bemalten Kleinbus, trägt Haarschwanz und Westernhut, raucht Joints auf dem Balkon. Wie stelle man sich eine kühne Kämpferin gegen "schreiendes Unrecht" vor? Schreiend angekettet, wo es gerade nottut, Missstände anprangernd, für Humanitäres dauerspendend wie Opas Tochter Claudia. Und wie wird sich ihr Mann, ein gewesener Werbeguru aus Wien, auf dem Land verhalten? Hypochondrisch, müßiggängerisch, philosophierend gibt er sich der "Lebensforschung" hin, rezitiert Gedichte und fernöstliche Denker.

Geheimnis vom Dachboden

Ein Widerstandsnest in einer spießigen Kleinstadt sei sein Heim, meint Sohn Rolf. Auf seine Kindergartentasche klebt die Mama Rosa Luxemburg und Che, mit zwölf gibt er sich der Fiktion seiner weltberühmten Radioshow hin, in der Pubertät brüllt er zu Hause herum. Dann fällt sein Protest gegen die Protestler spießig aus, mit Anzug und Krawatte.

Das Räderwerk einer Familiengeschichte braucht ein Überraschungsmoment. Also taucht zu Beginn des Romans ein todkranker Mann auf, der erklärt, er sei der leibliche Sohn von Rock-Opa. Das ist der Anlass, der Familie auf den Grund zu gehen und, dem Genre gemäß, ein Geheimnis vom Dachboden der Zeit ins Licht der Tage zu holen.

Zu große Schuhe

Das Problem des Unterfangens ist aber, dass O. P. Zier einen umständlichen Erzähler geschaffen hat, der mitunter zum Kitschige tendiert ("Erneut überkam ihn große Rührung"). Rolf arbeitet an seiner Dissertation mit dem passend unoriginellen Titel "Aufklärung, Widerstand, Witz. Intellektuelle Opposition in der österreichischen Literatur". Als Pubertierender hat er Thomas Mann gelesen; das ließ ihn nicht nur ein großbürgerliches Gehabe annehmen, sondern auch die neuen Buddenbrooks angehen. Dieses "Die Wirrings. Geschichte einer Familie. Erzählt von (k)einem der Ihren" soll er in späteren Jahren abgeschlossen haben: Es ist nun der Roman, dem Zier diese Genese anhängt und damit seinem Ich-Erzähler viel zu große Schuhe verpasst, ohne ihn mit leichtfüßiger Ironie auszustatten.

Posaune der Redundanz

Die Geschwätzigkeit, die banalen Erläuterungen zum Lauf der Zeiten und die simplen Kommentare lassen keine Ironie zu, sie ziehen den Witz einzelner Episoden so in die Länge, dass er platt wird. Es stören die Füllsel "eigentlich", "irgend", "gewissermaßen", diese Signale der Ungenauigkeit, und vor allem dröhnt die Posaune der Redundanz "wie erwähnt" oder gar: "wie in dieser Erzählung ebenfalls schon erwähnt".

Es zeugt nicht vom Esprit dieses Rolf, wenn er die Präzision seines Rückblicks schülerhaft beteuern muss: "An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich mir erstaunlich viel von dem, was ich schon in jungen Jahren - auch an nicht für meine Ohren Bestimmtem! - gehört habe, verblüffend genau eingeprägt habe." Natürlich bleibt dennoch der Verweis auf die Ungewissheit aller Berichte nicht aus: "Wie viel stimmt überhaupt von dem, was ich hier als meine eigenen Erinnerungen berichte?" Also was jetzt?

Deutlich in die Tiefe

Der Germanist Rolf befleißigt sich eines schwerfälligen Stils, dem übermäßige Substantivierungen nicht guttun. Er gebraucht den hierzulande üblichen, jedoch logisch falschen Konjunktiv: "so würde ich das heute als Erwachsener formulieren" (als Gegenmittel sei der Beginn von Hader muss weg empfohlen). Seiner Figur schreibt Zier so viele Phrasen zu, dass auch Claudias Klagen über die politischen Zustände phrasenhaft klingen wie die Metapher, der Staat sei ein "Selbstbedienungsladen der Parteien".

So vermittelt die Erzählung weder eine Authentizität, wie sie Zier in seinem frühen Roman Schonzeit beeindruckend gelungen ist, noch Tiefgang oder ironische Verve. Es bleibt Rolfs Behauptung, er habe in seiner Doktorarbeit der Überlegung "Rechnung getragen", dass "inzwischen der als Fiktion deklarierten Erzählung häufig ein erkennbarer höherer, weil deutlich in die Tiefe gehender Gehalt an Authentizität zukommt".

Dafür für hat O. P. Zier leider den Falschen zum Erzähler gemacht. Dieser präsentiert das scheinbar Unkonventionelle mühsam konventionell. (Klaus Zeyringer , Zu große Schuhe , Posaune der Redundanz , Deutlich in die Tiefe, DER STANDARD, 4.4.2015)

O. P. Zier, "Komplizen des Glücks". Roman. 354 Seiten / € 22,90. Residenz, St. Pölten 2015

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    foto: residenz-verlag
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