Nachkriegsidyll: Die Vier im Jeep

15. April 2015, 18:52
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"Der dritte Mann", Anton Karas' Zithermusik: Realitätsfern stellen die Erzählungen der Nachkriegszeit die Militärpatrouille in ein sentimentales Eck

Es waren keine Weicheier, die sich am 5. August 1945 in einen Jeep setzten. An diesem Tag nahm die alliierte Militärpatrouille ihre Tätigkeit in Wien auf, je ein Amerikaner, Engländer und Russe, beinharte Militärpolizisten, hockten in den Fahrzeugen, die bis zum Staatsvertrag 1955 stets von der US-Besatzungsmacht gestellt wurden. August 1945, vier Monate vorher, wurde in den Straßen Wiens noch gekämpft, fuhr im Jeep Misstrauen, Vorsicht, keineswegs Liebe zur heimischen Bevölkerung, mit. Die Franzosen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht als vierter Passagier zugelassen.

Die "Drei im Jeep" hatten laut Instruktion aus dem Hauptquartier der vier Mächte, Adresse Stalinplatz 4 (heute Gebäude der Industriellenvereinigung auf dem Schwarzenbergplatz) das Recht, in allen vier Zonen in Wien für Recht und Ordnung zu sorgen. Lokale Militärpolizei besaß nur im eigenen Besatzungssektor Eingreifsrechte. Damals von österreichischer Polizei zu sprechen wäre wohl eine Übertreibung. Ein Unikum war der erste Wiener Gemeindebezirk, jede der vier Mächte kontrollierte jeweils drei Monate im Jahr diesen Teil von Wien. Das Hauptquartier der Viermächtepolizei war das Palais Auersperg an der Zweierlinie, der tägliche Morgenappell wurde bald zur Attraktion für die schaulustigen Wiener, es war ja umsonst.

Der US-Jeep bot sich in der ersten Phase als ideales Gefährt an. Als Dreisitzer ausgeschrieben und von dem Deutsch-Amerikaner Karl Probst entwickelt, zogen rund 650.000 Fahrzeuge in den Zweiten Weltkrieg, sie fanden sich auf allen Kriegsschauplätzen, sogar bei den Deutschen als Beutefahrzeuge. Der anspruchslose 2,2-Liter-4-Zylinder mit 60 PS wurde über ein Dreigang-Getriebe geschaltet, die Platzverhältnisse bedeuteten selbst bei einer Drei-Mann-Belegung Enge.

Drei Riesen

Im September 1945 stieg der Franzose als Nummer vier in den Jeep, jetzt herrschte auf der Rücksitzbank Platzangst, das fast lächerliche Stoffdach war bei Regen nur Dekoration. Heiterkeit bei der Waffenkontrolle: Die Franzosen verfügten nur über deutsche Beutewaffen, Pistole P38, Maschinenpistole MP40. Die unbequeme Tour im Jeep dauerte immerhin bis September 1946, dann gab es ein Einsehen, die Amerikaner stellten die bequemen viersitzigen Dodge Commander zur Verfügung, mit 3,7 Liter, sechs Zylindern und 90 PS, vom Fahrersitz zuschaltbarer Frontantrieb, ein Modell, in dem US-Generäle wie Douglas McArthur, Mark Clark oder Dwight Eisenhower siegten.

Zum Zeitpunkt der Umstellung auf Dodge kam übrigens auch meine Familie in Kontakt mit der alliierten Militärpolizei. Sturmläuten um vier Uhr früh an der Wohnungstür meines Großvaters, er lebte im amerikanischen Sektor nahe dem USFA-Hauptquartier (United States Forces in Austria), heute wieder Nationalbank. Vor der Türe standen drei Riesen - Russe, Franzose, Engländer - mit Griff an die Pistole, der Amerikaner wartete im Wagen. "Wo ist russischer Offizier?", lautete die barsche Frage, und sofort wurde mit Durchsuchung der Wohnung begonnen. Ergebnis: keiner da, nix Ruski, grußlos verschwanden die drei wieder.

Steigender Wohlstand

Vorgeschichte: Tatsächlich brachte einige Monate zuvor ein Verwandter, der im unter Sowjetverwaltung stehenden Nibelungenwerk in St. Valentin arbeitete, seinen perfekt Deutsch sprechenden Freund zu uns mit, einen russischen Offizier in Zivil. Gastgeschenk war ein großer Karton Lebensmittel, so was war damals heißbegehrt, nach zwei Nächten zogen die beiden wieder ab. Mein Großvater zerbrach sich noch lange nachher den Kopf, wie diese Tatsache bis ins Palais Auersperg gedrungen war.

Der steigende Wohlstand der Nachkriegszeit fand 1952 auch Eingang bei der Militärpolizei. Die offenen Dodge-Commander-Cabrios mit ihrem bescheidenen Stoffdach, aber ohne Seitenfenstern hatten ausgedient. Blau-weiß-lackierte Chevrolet-Special-Six-Limousinen, 4 Door Sedan, 92 PS stark, ein 3,548-Liter-Motor unter der Haube, Drei-Gang-Schaltung, verströmten ein Lüftchen von Luxus. Dieses Gefühl hielt bis 1955 an, dem Ende der Besatzungszeit.

Die "Vier im Jeep" erfreuten sich erstaunlich großer Beliebtheit. Sie verkörperten selbst in Jahren des Kalten Krieges durch das Verhältnis drei zu eins Westen gegenüber Russland für die Österreicher ein Stück Sicherheit. 1951 drehte der Schweizer Regisseur Leopold Lindtberg einen Spielfilm über die Viermächtepatrouille (Die Vier im Jeep), natürlich durfte dabei Herz, Schmerz und Liebe nicht fehlen. Die Konstellation war ein Unikum, nur in Wien möglich - und es funktionierte. (Peter Urbanek, DER STANDARD Rondomobil, 11.4.2015)

  • Zur Besatzungszeit 1945-1955 stand Wien unter Viermächtestatus. Anfangs fuhren  die "Vier im Jeep" tatsächlich noch im Jeep, und am Steuer saß immer der Ami.
    foto: picturedesk/imagno/votava

    Zur Besatzungszeit 1945-1955 stand Wien unter Viermächtestatus. Anfangs fuhren die "Vier im Jeep" tatsächlich noch im Jeep, und am Steuer saß immer der Ami.

  • Herein fuhren die Besatzer mit dem engen Jeep,  hinaus mit dem Chevrolet.
    foto: picturedesk/imagno

    Herein fuhren die Besatzer mit dem engen Jeep, hinaus mit dem Chevrolet.

  • Special Series Six (auf dem Bild verabschieden sich die "Vier" aus dem  nunmehr freien Österreich), und dazwischen, September 1946 bis Ende 1951, war  der halbwegs bequeme Dodge WC 56 Commander erste Mobilitätswahl.
    foto: picturedesk/önb

    Special Series Six (auf dem Bild verabschieden sich die "Vier" aus dem nunmehr freien Österreich), und dazwischen, September 1946 bis Ende 1951, war der halbwegs bequeme Dodge WC 56 Commander erste Mobilitätswahl.

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