Odyssee einer Reiterstatuette

3. April 2015, 15:52
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Den Verlust eines Kunstwerks bemerken Museen oftmals erst dann, wenn es über den Kunsthandel auf den Markt kommt - wie im Falle einer Bronzefigur aus dem Bestand des Kunsthistorischen Museums (KHM)

Die Zahl der im Laufe des vergangenen Jahrhunderts aus Bundesmuseen verschwundenen Objekte geht in die Tausende. Teils handelt es sich um Karteileichen, die über Täuscheleien zwischen Museen entstanden, teils um tatsächliche Fehlbestände, auch solche, deren Verlust Jahrzehnte unbemerkt blieb. Entlarvt werden solche Abgänge oftmals erst dann, wenn das betreffende Kunstwerk im Handel auftaucht.

Eine der Ursachen liegt in der historischen Verleihpraxis, worauf 2010 auch der Rechnungshof in einem Bericht verwies. Entgegen den rechtlichen Bestimmungen war in der Vergangenheit Sammlungsgut des Bundes auch an Private verliehen worden. Beispielhaft dafür standen etwa Vorkommnisse rund um eine Dauerleihgabe an die Wiener Sängerknaben, die das Profil 2013 öffentlich machte.

Dabei ging es um Gemälde, die das KHM dem Privatverein seit 1968 zur Verfügung gestellt hatte - etwa auch für die Dienstwohnung des später pensionierten Direktors, schildert Franz Pichorner (Stv. Generaldirektor KHM) auf aktuelle Anfrage. Als Walter Tautschnig verstarb, gelangte im Zuge der Haushaltsauflösung über die Erben eines der Gemälde Anfang 2009 in den Handel. Die Episode endete glimpflich, sämtliche Leihgaben kamen zurück.

Schwieriger wog die Situation dagegen im Falle einer Reiterstatuette aus dem 17. Jahrhundert, die das KHM über Jahren beschäftigte. Der Verlust war zwar zwischen 1986 und 1996 vom damaligen Direktor der Kunstkammer entdeckt, jedoch nicht gemeldet worden. Auch als die von Caspar Gras geschaffene Bronzefigur im November 2005 bei einer Auktion "im Kinsky" auftauchte (und unverkauft blieb), unternahm das KHM nichts. Versäumnisse, die erst 2011 über STANDARD-Recherchen bekannt wurden.

Mittlerweile gilt die abenteuerliche Reise der von Caspar Gras geschaffenen Bronzefigur als rekonstruiert: 1908 hatte man sie zu Ausstattungszwecken der Burghauptmannschaft überlassen. Bei Revisionen in den Jahren 1932 und dann auch 1942 war sie noch da, zuletzt vollführten Ross und Reiter auf einem Pietra-dura-Schrank in den Zeremonialappartements der Wiener Hofburg eine Levade, wie historische Fotos belegen. Dann verlor sich die Spur. Bei der Generalinventur 1976 wurde bei der zugehörigen Inventarnummer nichts vermerkt und war demnach der Verbleib nicht überprüft worden.

Depot in London

Derweilen schmückte das Objekt eine Wiener Privatsammlung: jene der Familie Schmiedl, Inhaber einer seit dem Jahr 1919 auf die Innenausstattung für Film- und TV-Produktionen spezialisierten Firma. Zu den von Schmiedl 1955 betreuten Filmen gehörten etwa Die Deutschmeister, zu der exakt in jenem Raum Dreharbeiten stattfanden, in dem die Reiterstatue zuletzt protokolliert war. Nach dem Dreh war sie mit anderen Requisiten abtransportiert worden.

Schließlich landete die Statuette über Peter Schmiedl in den 1990er-Jahren im Kunsthandel: Giese & Schweiger versuchten 1999 erfolglos dem KHM das Objekt zu verkaufen, traten es an Stephan Andreéwitch ab, bei dem es 2003 gegen Barzahlung von 31.000 Euro in den Besitz Herbert Sandberg wechselt.

Nach dessen Tod versuchte seine Witwe Fryderyka Sandberg das Erbe zu "versilbern". Vergeblich. Im Juli 2010 hatte Sotheby's umgerechnet etwa 150.000 Euro Erlös in Aussicht gestellt, nur kam es nicht zur Versteigerung: Denn das KHM hatte erstmals interveniert. Seither lagerte die Statuette in einem Depot in London und liefen hinter den Kulissen Verhandlungen zwischen dem KHM und der Besitzerin.

Mittlerweile einigte man sich, wie der druckfrische KHM-Geschäftsbericht 2014 offenbart. Demnach befindet sich die Bronze nun wieder im Bestand und wird künftig auf Schloss Ambras zu sehen sein. Wie hoch die "Ablöse" war? Der einstige Kaufpreis zuzüglich Rechtsanwaltskosten der Gegnerin, erklärt Franz Pichorner, konkret 60.000 Euro. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 4.4.2015)

  • In den 1940ern zierte die Figur noch einen Pietra-dura-Schrank in der Hofburg und verschwand dann Mitte der 1950er bei Dreharbeiten.
    foto: bundesmobilienverwaltung (archiv)

    In den 1940ern zierte die Figur noch einen Pietra-dura-Schrank in der Hofburg und verschwand dann Mitte der 1950er bei Dreharbeiten.

  • Nach einer abenteuerlichen Reise kehrte die Reiterstatuette von Caspar Gras nun in den KHM-Bestand zurück.
    foto: "im kinsky"

    Nach einer abenteuerlichen Reise kehrte die Reiterstatuette von Caspar Gras nun in den KHM-Bestand zurück.

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