Die falschen Bilder und Klischees

13. April 2015, 09:00
348 Postings

Dass nur wenige Frauen an technischen Unis studieren, liegt auch am Image von "Technik ". Vorlesungen über Gender gibt es selten - für Bente Knoll vom Büro für nachhaltige Kompetenz eine verpasste Chance

Ölverschmierte, männliche Hände, schwere Maschinen, Schweiß und Lärm - das Bild, das viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an Technik denken. "Das Gegenüber wird mit solchen Werbungen nicht wirklich angesprochen", sagt Bente Knoll, Geschäftsführerin vom Büro für nachhaltige Kompetenz, wo sie unter anderem Organisationen bei gender- und zielgruppengerechter Mediengestaltung berät und begleitet. Ganz so schlimm ist es aber nicht mehr, denn in den vergangenen Jahren habe sich einiges zum Positiven verbessert: "Universitäten und Schulen verwenden etwa Bilder aus dem Alltag, um die technischen Studiengänge zu bewerben." Und dennoch: Wenn Unis beispielsweise mit Hörsaalbildern werben, wo 50 Prozent Frauen drinnen sitzen, entspreche das nicht der Realität - und die gelte es abzubilden.

Anwendungskontext zentral

Um mehr Frauen in technische Studiengänge zu bringen, sei es wichtig, die Anwendungskontexte darzustellen, sagt Knoll - zurück zu den ölverschmierten Händen: "Es sollte wirklich darauf heruntergebrochen werden, was man mit der Ausbildung später alles machen kann." Die Frage sollte lauten, wo diese Berufe überall gebraucht werden - gerade in der Technik herrsche hier eine unheimliche Vielfalt. Gelingen könnte das etwa mit "role models": "Ihre Lebensgeschichten und beruflichen Kontexte müssen sichtbar sein", sagt Knoll, die ihr Doktorat an der Fakultät für Bauingenieurwesen an der TU Wien absolviert hat. Möglichkeiten für mehr Frauen in technischen Studien gebe es verschiedenste.

Viele der Rezepte kennt man schon seit Jahren - die Zahlen an den technischen Unis haben sich dennoch nicht stark verändert. An der TU Wien sind die Verhältnisse nur in der Architektur, der Raumplanung und in Biomedical Engineering einigermaßen ausgeglichen. In der Elektrotechnik und in Maschinenbau sind beinahe 90 Prozent der Studierenden dieses Sommersemesters männlich, mehr als 80 Prozent sind es auch in der Informatik oder in Wirtschaftsingenieurswesen. Ähnlich sieht es auch in Graz und an der Montanuni Leoben aus.

Wenn auch mehr investiert wird in Initiativen, um mehr Frauen in die Technik zu holen - die Sensibilität für Gender in den Ingenieurwissenschaften sei an den Unis noch nicht groß, sagt Knoll. Vor fünf Jahren verfasste sie gemeinsam mit Brigitte Ratzer, Leiterin der Abteilung Genderkompetenz an der TU Wien, ein Lehrbuch: Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften thematisiert, was Gender mit Technik zu tun hat und wieso Gender-Studies auch ihren Platz in technischen Ausbildungen haben sollten. "Es geht beispielsweise auch um ethische Fragen wie die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Technik auf Umwelt und Gesellschaft, um Wissenschaftstheorie und Forschung - kritische Reflexionen, die alle Absolventinnen und Absolventen im Studium erleben sollten", sagt Knoll.

Nicht nur das Binnen-I

Auf einer zweiten Ebene würde auch die Auseinandersetzung mit geschlechterpolitischen Strategien während des Studiums viel für die berufliche Zukunft bringen, da diese Strategien in der Praxis sehr wichtig seien.

Das Lehrbuch entstand 2010 vor dem Hintergrund, dass Vorlesungen über Diversity und Geschlecht in den meisten Studiengängen nicht verpflichtend angeboten wurden - anders als beispielsweise in den Sozialwissenschaften. Geändert hat sich das bis heute an der TU Wien - außer in der Architektur - nicht. Für Knoll eine vertane Chance, denn aus ihren Erfahrungen als Lektorin für Gender-Studies in den Ingenieurwissenschaften wisse sie, dass Studierende in den Vorlesungen einen Mehrwert erkennen.

In Unternehmen sei die Sensibilität für Gender-Aspekte oft größer. "Die Hierarchien sind dort nicht so steif, wie oft auf universitärer Ebene", weiß Knoll aus ihren Beratungen. Noch immer würden beim Wort Gender zunächst viele sofort an das Binnen-I denken, die Sprache stelle sie deshalb bewusst nicht an den Anfang von Seminaren. Dabei sei es ein Glück, dass es in der deutschen Sprache die Möglichkeit zu differenzieren gebe - "eine Frage der Fairness". (DER STANDARD, 04./05.04.2015)

Share if you care.