Väterkarenz ist noch die Ausnahme

Interview9. April 2015, 09:00
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"Vielfalt macht uns stark", sagt Bosch-Personalleiterin Johanna Hummelbrunner. Wie sie das Unternehmen für Frauen attraktiv macht und warum sie bei der Väterkarenz nicht lockerlässt

STANDARD: Wie entwickelt sich die Väterkarenz bei Bosch?

Hummelbrunner: Wir beobachten einen starken Trend hinsichtlich der Väterkarenz. Waren es 2012 vier Männer bei Bosch in Österreich, die dieses Modell in Anspruch genommen haben, waren es 2014 schon 18 - mit einer durchschnittlichen Dauer von 2,2 Karenzmonaten. Heuer wurden bisher zwölf Väterkarenzen mit einer Durchschnittsdauer von 2,8 Monaten gemeldet. Ab dem Zeitpunkt, wo unsere Mitarbeiter ihren Karenzwunsch äußern, haben sie Kündigungsschutz. Das ist auch ein Erfolgsfaktor für die Entwicklung des Väterkarenzmodells bei uns. Zusätzlich implementieren wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner ABZ Austria ein neues Karenzmanagementtool, das den Zugang zu Informationen rund um das Thema Karenzierung erleichtert.

STANDARD: Was ist top down im Unternehmen notwendig, damit Väterkarenz kein Makel, sondern ein Asset ist? Was ist da die Rolle des Personalmanagements (HR)?

Hummelbrunner: Der Erfolg einer etablierten Väterkarenz im Unternehmen hängt von zwei Faktoren ab: erstens von Strukturen, die das Modell ermöglichen, zweitens von positiver Kommunikation. Wir begleiten Mitarbeiter während ihrer Karenz und berichten intern und extern darüber. Dadurch schaffen wir Rolemodels, und die Thematik bleibt im Unternehmen aktuell und präsent. HR kommt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Aufgabe zu: Wir beraten die interessierten Mitarbeiter vor der Karenz und binden sie während der Väterkarenz laufend ein, um einen reibungslosen Wiedereinstieg zu ermöglichen. Es ist auch Aufgabe von HR, Akzeptanz im Unternehmen zu schaffen. Bei uns wird interessierten Mitarbeitern die Möglichkeit geboten, diese einzigartige Chance bedenkenlos zu nutzen.

STANDARD: Stimmt es, dass junge Männer quasi selbstverständlich in Väterkarenz gehen möchten?

Hummelbrunner: Selbstverständlich ist es leider noch nicht. Das Thema ist leider noch immer auch eine wirtschaftliche Entscheidung für die betroffenen Paare. Wir bemerken jedoch ein steigendes Interesse junger Mitarbeiter an einer Karenzierung. Dieses wird gefestigt, wenn die notwendigen Rahmenbedingungen ermöglicht und die Karrierechancen auch nach der Väterkarenz aufgezeigt werden. Eine Verschmelzung des beruflichen und familiären Lebens ist stärker denn je erkennbar.

STANDARD: Väterkarenz und Diversity bei Bosch: Wie greift das ineinander?

Hummelbrunner: Wir leben Diversität auf vier Ebenen: international, generationenübergreifend, kulturell und geschlechterspezifisch. Das Geschlechterbild unserer Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren verändert. Unsere Teams bestehen unter anderem aus begeisterten Technikerinnen und jungen Vätern in Karenz, aber auch aus Mitarbeitern jeder Altersklasse, in Altersteilzeit, mit und ohne Migrationshintergrund oder beispielsweise aus solchen, die sich für ein Sabbatical-Jahr entscheiden. Wir sind überzeugt, dass uns diese Vielfalt stark macht, deshalb investieren wir in sie und stärken sie durch alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen. Die Väterkarenz ist nur eine davon und trägt somit zu unserem ganzheitlichen Ansatz von Diversität bei.

STANDARD: Weiblichkeit bei Bosch - wie gelingt sie?

Hummelbrunner: Um Technikerinnen für unser Unternehmen frühzeitig zu begeistern, investieren wir beispielsweise in enge Kooperationen mit Schulen: So ermöglichen wir interessierten Schülerinnen neben Besichtigungen unserer Standorte und dem Einblick in unser vielseitiges Betätigungsfeld das Sammeln erster Berufserfahrung im Rahmen von Ferialpraktika. An unserem Standort in Wien freuen wir uns, in diesem Jahr rund 50 Ferialpraktikantinnen in der Technik begrüßen zu dürfen. Daneben kooperieren wir auch eng mit Universitäten und Fachhochschulen und steigerten unser Engagement für Studierende und Absolventen, wie beispielsweise durch die Einführung des speziell auf diese Zielgruppe abgestimmten Programms "Discover Bosch". Technikerinnen für Bosch zu interessieren gelingt aber besonders durch unser gutes Image am Arbeitsmarkt und unser Arbeitsklima, indem sich unsere vorhandenen Mitarbeiterinnen wohlfühlen und das auch vermitteln. (Karin Bauer, DER STANDARD, 4./5.4.2015)

  • Bosch-Personalleiterin Johanna Hummelbrunner.
    foto: christian fischer

    Bosch-Personalleiterin Johanna Hummelbrunner.

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