"Nordkorea will aus der Abhängigkeit von China herauskommen"

Interview8. April 2015, 09:00
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Lars-André Richter, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung, über zerstörte Tempel, westliche Investitionen und die Frage, was Touristen an Nordkorea lieben könnten

derStandard.at: Im Gegensatz zum weitverbreiteten Glauben hat Nordkorea seine monatelange Ebola-Quarantäne nicht aufgehoben, sondern nur gelockert. Mit wie viel Risiko sind Sie ins Land gereist?

Richter: Das war relativ entspannt. Von der nordkoreanischen Botschaft in Berlin haben wir die Zusage für unsere Reise bereits im Jänner bekommen. Die Einreisebestimmungen wurden aber erst Mitte März gelockert. So lange gab es auch eine Reisewarnung vom Auswärtigen Amt. Die Flugtickets haben wir tatsächlich erst zweieinhalb Wochen vor Reiseantritt gebucht. Als wir einreisten, gab es noch ein paar Bedingungen. Dazu gehörte, dass man bei Fieber oder Unwohlsein unter medizinische Beobachtung gestellt wird. Vor Ort war das aber kein Thema mehr. Wir sind während der Reise nicht beeinträchtigt worden.

derStandard.at: Wirtschaftlich gesehen war die Ebola-Quarantäne eine Katastrophe für Nordkorea. Wieso tut sich ein Land das an?

Richter: Da mag es vielleicht auch einen rationalen Kern gegeben haben: die Sorge, dass, falls eine Epidemie ausbricht, man die nicht in den Griff bekommt. Ich schließe mich aber eher der Position an, dass die Quarantäne politische Gründe gehabt hat. Ich denke schon, dass es auch innerhalb des Führungszirkels Diskussionen darüber gegeben hat. Man schneidet sich letztlich natürlich ins eigene Fleisch.

derStandard.at: Hat sich das Land seit der Ebola-Sperre verändert?

Richter: Was Pjöngjang anbelangt, habe ich keine gravierenden Veränderungen gesehen. Allerdings gibt es nach wie vor einen ausgedünnten Flugplan. Gleichzeitig scheint es durchaus einen Nachholbedarf an Reiseverkehr zu geben. Am Flughafen fiel auf, dass einiges an Konsumgütern von Peking ins Land gebracht wurde – mehr als sonst. Andererseits gab es sichtbar weniger Ausländer.

derStandard.at: Sie haben neben Pjöngjang erstmals auch Wonsan besucht, eine Hafenstadt an der Ostküste. Wie hat das Ihr Nordkorea-Bild verändert?

Richter: Wonsan liegt etwa dreieinhalb Stunden mit dem Auto von Pjöngjang entfernt, wir haben also auch etwas vom Land gesehen. Dort fällt natürlich die Agrarwirtschaft ins Auge. Was man sowohl für Pjöngjang als auch für die Provinz feststellen kann, ist der geringe Mechanisierungsgrad: Es wird noch sehr viel per Hand gemacht, sowohl auf der Baustelle als auch auf dem Acker. Während jedoch in Wonsan Fahrräder das alles bestimmende Transportmittel sind, gibt es in Pjöngjang zunehmend Autoverkehr. Das ist schon ein Indikator, dass sich etwas tut.

derStandard.at: Der thematische Schwerpunkt Ihrer Reise lag auf dem Tourismussektor. Provokant gefragt: Wieso sollte man an einen Ort wie Nordkorea reisen wollen?

Richter: Kulturtourismus ist schwierig, denn viel wurde im Koreakrieg zerstört: die Palastanlagen, Grabmäler und buddhistische Tempel. Authentisch ist leider nur noch sehr wenig. Das Potenzial liegt vor allem in der Landschaft. In der Gegend um Wonsan gibt es etwa das Diamantgebirge, das mit seinen markanten, rauen Flusstälern vielleicht sogar das Potenzial zum Weltnaturerbe hätte. Außerdem gibt es rund um Wonsan Strände – und auch ein Skiresort.

derStandard.at: In der Berichterstattung wurde dieses häufig als Sinnbild für das Luxusleben einer korrupten Elite verurteilt. Läuft Tourismus in Nordkorea nicht immer auch Gefahr, das Regime zu stabilisieren?

Richter: Natürlich gibt es sowohl Argumente dagegen als auch dafür. Für uns bedeutet Tourismus aber vor allem gegenseitigen Austausch für neue Ideen und Impulse. Zudem wage ich zu bezweifeln, dass die Summen, die man dort als Tourist lässt, sehr viel an Stabilität ausrichten – zumindest bei derzeit lediglich 6.000 Besuchern aus dem Westen pro Jahr.

derStandard.at: Ausländische Investoren schwärmen bei Nordkorea zwar oft von einer gewissen Goldgräberstimmung, fürchten jedoch die fehlenden Sicherheiten. Wie ist das Investitionsklima derzeit?

Richter: Nordkorea ist sehr an Investitionen aus dem Ausland interessiert. Man ist nach wie vor stark von China abhängig, und aus dieser einseitigen Abhängigkeit möchte man herauskommen. Daher hat das Land bereits gut 20 Sonderwirtschaftszonen ausgewiesen. Der Wille ist also durchaus vorhanden, aber natürlich sind die Rahmenbedingungen nicht optimal. Vor zwei Jahren hat Pjöngjang etwa Kaesong geschlossen, die gemeinsam mit Südkorea betriebene Wirtschaftszone. Solche Maßnahmen tragen natürlich nicht gerade zur Vertrauensbildung bei, ebenso wie die Ebola-Quarantäne. Das dürfte aber auch vielen Entscheidungsträgern in Nordkorea durchaus bewusst sein.

derStandard.at: Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung unterstützt vor allem liberale Ideen, Freiheit und Marktwirtschaft. Wie äußern sich die Konflikte zwischen Ihren Interessen und denen der Nordkoreaner?

Richter: Die Nordkoreaner dürften wissen, wofür wir stehen. Sie kennen unsere Homepage und unsere Publikationen. Wenn Nordkorea mehr marktwirtschaftliche Ansätze zulassen will, dann greifen wir das gerne auf. Das ist unsere Schnittmenge. Zu diesem Thema können wir arbeiten.

derStandard.at: Wie frei können Sie sich im Land bewegen?

Richter: Wir haben stets zwei Begleiter bei uns, darunter einen Dolmetscher. Unser Programm ist meist recht straff, aber sobald wir Lücken haben, fragen wir immer auch, ob wir einen Stadtrundgang machen oder mal einfach so in ein Restaurant gehen können. Manchmal schließen sich uns die Begleiter an, allerdings haben wir bereits auch einige Stadtrundgänge alleine gemacht.

derStandard.at: Sie bereisen das Land seit 2012. Wie hat sich Nordkorea unter Kim Jong-un verändert?

Richter: Das ist schwierig zu sagen. Natürlich gibt es ein paar Autos mehr, auch sind Mobiltelefone mittlerweile Standard, zumindest in Pjöngjang. Vor drei Jahren war das noch nicht ganz so. Wirtschaftliche Öffnung war jedoch schon immer ein Thema. Zudem sind Sonderwirtschaftszonen ausgerufen worden. Was die Investorenwerbung anbelangt, sind bislang jedoch keine großen Fortschritte erkennbar. (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 3.4.2015)

Lars-André Richter leitet seit 2012 das Büro der FPD-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Zuvor war er unter anderem für den Deutschen Akademischen Austauschdienst und den Axel-Springer-Verlag tätig.

  • Lars-André Richter, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.
    fabian kretschmer

    Lars-André Richter, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.

  • Richter reiste mit einer deutschsprachigen Delegation nach Nordkorea.
    friedrich-naumann-stiftung

    Richter reiste mit einer deutschsprachigen Delegation nach Nordkorea.

  • Bei der Reise gab es zwar ständige Begleiter und ein recht straffes Programm. Aber es waren auch Stadtrundgänge ohne Aufsicht möglich, erzählt Richter.
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    Bei der Reise gab es zwar ständige Begleiter und ein recht straffes Programm. Aber es waren auch Stadtrundgänge ohne Aufsicht möglich, erzählt Richter.

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