KTM & Co: Die idealen Reiseeisen

15. April 2015, 07:53
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Der Frühling bringt Sonne, PS und Grip. Mit dem Schotter aus den Kurven weichen auch die Folgen des winterlichen Eisenmangels. Die Medikamente für die Kur sind bereits angerichtet

Während er redet, trommelt Sebastian nervös mit den Fingern auf dem Tisch. Zweimal bereits hätte er den Kaffee vor sich fast umgeschüttet. Um den Kaffee wäre es weniger schade gewesen als um das Tischtuch, das in der Sonne noch weißer strahlt. Als wollte es mit dem Sebastian einen Wettkampf im Strahlen ausfechten. Sebastian blickt aus dem Fenster, erzählt seine schönsten Liebesgeschichten aus dem letzten Jahr, um sich auf das einzustimmen, was demnächst folgen wird. Sebastian hat die Adventure, die er sich letztes Jahr geleistet hat, über den Winter abgemeldet, und nächste Woche holt er die Tafel wieder, schraubt sie aufs Bike und wird was gegen den Eisenmangel tun, der wie Entzugserscheinungen wirkt. Vor allem, wenn draußen die Sonne scheint.

"Da hinter der Villa biegst ein", zeigt er aus dem Fenster, "und keine drei Minuten später beginnen die Kurven, bald darauf die Berge, kurz danach bist über die Tauern drüber ...", schildert er, wie er Wochenenden und Sommernachmittage verbringen wird, träumt vom Fahrtwind, der sich ihm gegen die Brust stemmt, dem Geruch der Nadelbäume auf den Bergen und vom Druck aus den beiden Zylindern seiner Adventure. Dann stockt er. Das Trommeln hört auf. Seine Miene verfinstert sich. "Oder sollte ich heuer schon nachbessern?"

Neu auf dem Markt

Auswahl gibt es ja genug. Gleich eine ganze Reihe von Adventure-Bikes, Big Enduros und Cruisern kam heuer neu auf den Markt, um den Reisefiebrigen Linderung zu verschaffen. Für richtig viel Aufsehen sorgte Honda, als sie mit der True Adventure Prototype eine potenzielle Nachfolgerin für die legendäre Africa Twin präsentierten. Die kommt aber erst frühestens Ende des Jahres. Um die Spannung zu halten, geben sich die Japaner verschlossen, was Details oder Daten des neuen Motorrads angeht.

Dafür kennen wir alle Details zur neuen Crossrunner, die nun, nach vier Jahren, die Vorgängerin ablöst. Als Antrieb dient der V4-Motor aus der aktuellen VFR800F, der jetzt 106 PS bei 10.250 Touren leistet und 75 Newtonmeter Drehmoment hat. Die Federn wurden länger - und damit die Crossrunner noch komfortabler, ABS und eine abschaltbare Traktionskontrolle gehören zur Serienausstattung. Optisch lehnt sich die 13.790 Euro teure Crossrunner nun an die größere Crosstourer an, hat eine schärfer gezeichnete Front, und sogar LED-Technik hat bei dem 800er-Tourer nun Einzug gehalten.

Eine ganze Liga höher spielt die Ducati Multistrada 1200. Das merkt man auch schon beim Einstiegspreis von 19.495 Euro. Dafür bekommt man bei Ducati zwar keinen gut ausgestatteten Kleinwagen, aber immerhin eine Big Enduro, die alle technischen Stückerln spielt, von der Traktionskontrolle, die unterschiedliche Modi anbietet, bis zum Kurven-ABS. Full-LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht hat Ducati bei der neuen Multistrada Sport serienmäßig verbaut. Dort gibt es dann auch das adaptive Fahrwerk und das Multimediasystem mit dem TFT-Display. Wichtiger aber: Mit der neuen Multistrada stellt Ducati abermals die stärkste Big Enduro auf die Räder.

Reisestandard 160 PS

Doch die Italiener sind nicht die einzigen Hersteller, die 160 PS aus zwei Zylindern kitzeln und in eine Reisemaschine packen. Mit der 1290 Super Adventure bringt KTM nicht nur ein neues Flaggschiff, sondern die direkte Konkurrentin zur Multistrada. Rot gegen Orange. Das ist Brutalität.

Denn die beiden Bikes schenken sich nichts. KTM hat um vier Newtonmeter mehr Drehmoment, dafür ist die Ducati ein paar Kilo leichter. Die Duc hat mit 30.000 Kilometern doppelt so lange Service-Intervalle - obwohl die Italienerin nach 15.000 Kilometern trotzdem in die Werkstatt muss, weil sie gerne frisches Öl hätte, während die Mattighofenerin zum Service geht.

Die KTM kostet mit 20.998 Euro auf den ersten Blick mehr als die Ducati - beim genauen Hinschauen merkt man aber, dass die Super Adventure um diesen Preis bereits vollausgestattet ist. Kurven-ABS, LED-Kurvenlicht, Heizgriffe, Tempomat, Traktionskontrolle und Reifendrucksystem sind bei der großen KTM schon ab Werk dabei.

Wenn es ein oder zwei Nummern kleiner sein darf, bietet KTM übrigens auch die 1190 Adventure mit 150 PS um 18.298 Euro an oder, heuer neu, die 1050 Adventure mit 95 PS um 14.698 Euro. Damit deckt KTM alle Wünsche von Zweiradreisenden ab. Egal ob jemand den A2-Führerschein hat oder die Idee zu einer Weltreise, deren Route allein der Kompass bestimmt, oder das Bedürfnis nach einer gehörigen Portion Luxus beim Abenteuer.

Im Grunde könnte man ja sagen, dass die BMW R 1200 GS mit den Big Enduros von KTM und der Multistrada um die gleichen Kunden rittert - zwei Zylinder, 1,2 Liter Hubraum, lange Federwege -, aber seit heuer hat BMW den Zweizylindern auch einen Vierzylinder entgegengestellt. Denn die wahre Heimat von Multistrada und Super Adventure ist die Straße. Dort fühlt sich die GS zwar auch wohl, hat aber ihre Stärken im Geländeeinsatz, was Abstriche beim Handling auf der Straße mit sich bringt. Die idealere Mischung aus Sportler und Stelzen bietet nun die S 1000 XR.

Die Ergonomie kommt von der GS, der Motor von der nackten S 1000 R. Mit 160 PS Leistung ist BMW also genau dabei bei der Musik. Beim Drehmoment haben die V2-Motoren natürlich die Nase vorne - dafür erlaubt der Vierzylinder höhere Drehzahlen. Auf vier Zylinder setzt man auch bei Kawasaki, wo heuer die Versys 1000 neu aufgelegt wird. Mit 120 PS und 102 Newtonmetern bespielt sie souverän die gehobene Mittelklasse und ist mit 14.999 Euro deutlich günstiger als die BMW S 1000 XR, die bei 17.950 Euro startet. ABS und eine Traktionskontrolle gibt es bei beiden Modellen, ein Kurven-ABS hat allerdings weder die eine noch die andere.

Cruiser und Freiheit

Neben dem Tourplan, der Vorliebe für zwei oder vier Zylinder, den finanziellen Möglichkeiten und der Markenpräferenz wird vor allem wieder einmal der persönliche Geschmack entscheiden. Was gefällt einem am besten, von welchem Bike verspricht man sich den höchsten Endorphinausstoß, welches Motorrad definiert Freiheit am ehesten?

"Hör mir auf mit der Freiheit", poltert Sebastian. "Allein wenn ich das Wort höre, wünsche ich mir meinen Hintern auf eine fette Harley, vor mir der Sonnenuntergang, hinter mir die Sintflut." Im Vergleich zu den Cruisern, die einem den Druck nehmen, als Erster am Berg sein zu müssen, jede Zwischenetappe als Schnellster hinter sich zu bringen, wirken die Adventure-Bikes wie SUVs - derzeit wahnsinnig modern, im Grunde aber komplett überzogen.

Letzteres sind auch die Harley-Davidson Road Glide Special oder die Moto Guzzi Audace. Wenn die Reise-Enduros die fetten SUVs sind, sind die Cruiser die amerikanischen Straßenkreuzer der 60er-Jahre, die mit Chrom und selbstbewusster Breite wirken, statt mit eiskalter Performance zu überzeugen. Man sitzt tief im Bike, weit zurückgelehnt, extrem lässig, fast schon entspannt. Unter einem werkt kein Motor, sondern ein Kraftwerk, das den Berg aus Eisen bewegt, den man sich zwischen die Beine geklemmt hat.

Im Fall der Harley-Davidson Road Glide Special ist das Kraftwerk der luftgekühlte 103 Twin-Cam Motor, der aus 1,7 Litern keine 100-PS-Leistung, aber fast 140 Newtonmeter Drehmoment schöpft. Das reicht, um ein 385 Kilogramm schweres Motorrad so zu beschleunigen, dass man sich ganz fürchterlich zu fürchten beginnt, weil einem die ganze Freiheit mit einem Mal so vehement entgegendrängt. Aber um 30.730 Euro ist das auch ihr gutes Recht, oder?

Mit der California MGX-21 hat Moto Guzzi eben erst einen Prototyp vorgestellt, der im Bagger-Style der Road Glide Konkurrenz machen wird. Bis die allerdings wirklich auf den Markt kommt, fahren wir eben eine andere Cali. Die Audace vielleicht, die schwarze italienische Schönheit, deren Herz der längsverbaute 1,4 Liter große V2 mit 96 PS und 120 Newtonmeter ist. Mit 318 Kilogramm ist sie nicht nur ein Leichtgewicht im Vergleich zur Harley - sondern um 18.999 Euro ist sie sogar ein Schnäppchen.

Sebastians Miene hat sich allerdings schon wieder verfinstert. Er starrt nicht mehr aus dem Fenster, sondern lümmelt über seinen Kontoauszügen. Und als seine Katze auf den Tisch springt, an ihm vorbeischmiert, streichelt er ihr über den Rücken und sagt: "Auf uns kommen harte Zeiten zu, wir müssen den Gürtel enger schnallen. Die Freiheit hat einen ziemlich hohen Preis." (Guido Gluschitsch, DER STANDARD Rondomobil, 11.4.2015)

  • KTM räumt im Segment der Big Enduros auf und bietet gleich drei Bikes an: von  der Mittel- bis zur Oberklasse.
    foto: ktm

    KTM räumt im Segment der Big Enduros auf und bietet gleich drei Bikes an: von der Mittel- bis zur Oberklasse.

  • Cruiser wie Moto Guzzi California ...
    foto: moto guzzi

    Cruiser wie Moto Guzzi California ...

  • ... oder Big Enduros wie die neue BMW S 1000 XR sind die idealen Reiseeisen.
    foto: bmw

    ... oder Big Enduros wie die neue BMW S 1000 XR sind die idealen Reiseeisen.

  • Harley-Davidson knallt einen mächtigen Wandverbau vor die Road Glide.
    foto: harley-davidson

    Harley-Davidson knallt einen mächtigen Wandverbau vor die Road Glide.

  • Dagegen sind die Masken der Ducati Multistrada ...
    foto: ducati

    Dagegen sind die Masken der Ducati Multistrada ...

  • ... und der Honda VFR ja geradezu zierlich.
    foto: honda

    ... und der Honda VFR ja geradezu zierlich.

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