Die geschätzte Ruhe des Ivica Vastic

3. April 2015, 09:03
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Der SV Mattersburg scheint in der Lage zu sein, ins Oberhaus des österreichischen Fußballs zurückzukehren. Die Hierarchie in der Mannschaft stimmt

Mattersburg - In Mattersburg wird, das ist durchaus nicht selbstverständlich, in Fußball und Gastgewerbe immer so heiß gegessen wie gekocht. Das liegt daran, dass nur selten Heißluft zum Einsatz kommt. Passt man bei ihr nicht auf - davon kann zum Beispiel der LASK herzzerreißende Balladen singen -, kommt man schnell in des Teufels Küche.

Beide Aufstiegskandidaten der zweiten Bundesliga haben vor der Länderspielpause ein wenig geschwächelt. Der LASK, als Tabellenführer in den Winter gegangen, freilich deutlich mehr, die Linzer haben nach fünf Frühjahrsrunden vier Punkte Rückstand auf die Burgenländer. Und sie haben in einer geradezu idealtypischen Panikattacke nach dem 0:3 im Pappelstadion Trainer Karl Daxbacher gestanzt und durch Martin Hiden ersetzt.

Martin Pucher - das ist der in der pannonischen Garküche, der überzeugt ist, dass viele Köche nur den Brei verdürben - hat sich daraufhin entspannt zurückgelehnt. Nicht, dass nicht auch er, der Präsident, Trainer stanzen würde - zuletzt 2013 Alfred Tatar. Aber nie tut er das, wenn ihm die Panik unters Hemd kriecht. Ruhe ist ihm die erste Präsidentenpflicht. Für Tatar kam dann Ivica Vastic. Und damit ein Trainer, der die Ruhe des Martin Pucher kongenial in Redefluss umsetzen kann.

Mosaiksteinchen

Seit Sommer schnurrt der SVM wieder. Nicht nur, dass die Burgenländer an der Spitze liegen. Sie tun das auch mit einem ansehnlichen Fußballspiel, das viele sich nur durch die drei Neuen erklären wollen, die im Sommer geholt wurden. Freilich wurden da nicht teure Namen an die Wulka gelotst, sondern zwei Regionalligakicker und ein Ausgemusterter aus St. Pölten: Karim Onisiwo und Michael Perlak von Austria Salzburg, vor allem aber der Spanier Alejandro Velasco Fariñas, der als Jano jene Ruhe ins Spiel zu bringen versteht, die der Trainer und der Präsident auch abseits des Spielfeldes ausstrahlen. Vastic zählt weitere Mosaiksteinchen für den momentanen Lauf auf. "Thorsten Mahrer zum Beispiel, der von den Amateuren gekommen ist." Er macht den Abwehrchef, neben dem Lukas Rath gute Innenverteidiger-Figur macht. Oder U21-Teamgoalie Thomas Kuster. Und dass Markus Pink endlich gesund sei. Und überhaupt: Michael Nowak, der in sein Rollenfach des defensiven Linken gewachsen sei. Also insgesamt, so der bei der Wiener Austria einst so geschurigelte Brieskicker Vastic: "Es passt."

Tageszimmer

Und das meint er - ganz im Gegenteil - nicht nur für die Angelegenheiten auf dem Platz. Der Sportdirektor - Langzeitcoach Franz Lederer - hat in sein Rollenfach gefunden, wie er nicht zuletzt mit den Transfers gezeigt hat. Auch die Ölung der Kupplung mit Akademie und Amateuren scheint zu funktionieren, ein Scharnier, das fürs langfristige Dasein essenziell ist. Die Erste trainiert auf dem Akademiegelände, im Internatsgebäude hat der SVM Tageszimmer angemietet, nützt die Regenerationsmöglichkeiten. Mit der Konsequenz, so Vastic, "dass die Spieler sich hier sehr wohlfühlen, früher kommen, später gehen, mit den Jungen oft auch gemeinsam essen". Was umgekehrt auch dazu führt, dass die Vorbilder für die Jungakademiker echte Leute werden, welche die Botschaft ausstrahlen: "Das kannst du auch."

Eine Botschaft, die auch Vastics Co gesendet bekommt. Markus Karner war Assistent bei den Amateuren, rückte mit Alfred Tatar zu den Profis vor, während er parallel dazu die vorgeschriebenen Lizenz-Lehrgänge absolviert. Er ist der Mann, der - gemeinsam mit Vastic - an den taktischen Varianten feilt. Er verantwortet auch hauptsächlich die Hauptsache: das innere Funktionieren der Mannschaft. Karner ist überzeugt, dass es mittlerweile "eine aus der Mannschaft gewachsene" Hierarchie gibt. Und eine daraus gewachsene Freude am Training und am Spiel. Kurz: Wenn's laaft, dann laaft's.

Auch im Trainerteam. Vastic erzählt, "wir haben gebraucht, dass wir uns zusammenfinden". Jetzt habe man die Arbeitsteilung gefunden, auch da läuft quasi ein jeder für jeden, weshalb sowohl Ivica Vastic als auch Markus Karner darauf bestehen, dass der Standard den Namen "Ernst Moser" erwähne. Der ist Individualtrainer.

Und wenn die ersten fünf Frühjahrsrunden jenes Versprechen gewesen sind, die der SVM ab Freitag in Kapfenberg weiterhin einzulösen gedenkt, wird Martin Pucher mit zufriedener Sattheit oben stehen auf dem Pressebalkon des Pappelstadions. Ganz so wie der Koch, wenn er über sein mittäglich gefülltes, vor sich hin rülpsendes Restaurant schaut. Nein: Beisl. Darauf legt der SVM dankenswerterweise Wert: dass er vergleichsweise ein Beisl ist. Aber halt womöglich ein sehr gutes. In dem sich jetzt nur noch die eine Frage stellt: Lässt wer dann doch noch was anbrennen?

Aber diese Frage stellt sich klarerweise nie der Koch. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 3.4.2015)

  • Der 45-jährige Ivica Vastic und der SV Mattersburg sind nach einer Phase der  Annäherung eine Einheit geworden.
    foto: apa/ dietmar stiplovsek

    Der 45-jährige Ivica Vastic und der SV Mattersburg sind nach einer Phase der Annäherung eine Einheit geworden.

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