Nach Terrorakten Kritik an türkischer Polizei

3. April 2015, 09:34
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Einer der Geiselnehmer im Justizpalast war den Behörden bekannt

Ankara/Athen - Polizeiexperten, Behördenvertreter und lokale Medienberichte zeichnen ein diffuses Bild der Stunden, die dem Tod des türkischen Staatsanwalts Mehmet Selim Kiraz vorausgingen. Der 46-Jährige, der in einem heiklen Fall ermittelte, war am Dienstag in seinem Büro im Istanbuler Justizpalast von zwei polizeilich bekannten Mitgliedern einer linksextremen Terrorgruppe als Geisel genommen worden und starb später an seinen schweren Schussverletzungen.

An einem Punkt der sechs Stunden dauernden Verhandlungen mit den beiden Geiselnehmern ließ die Polizei einen Anästhesisten aus einem Krankenhaus holen, der Betäubungsgas in das Büro von Kiraz leiten und die Terroristen damit ausschalten sollte. Der Plan wurde verworfen, weil Kiraz' Büro im sechsten Stock des neuen Justizgebäudes für diesen Zweck zu groß gewesen sein soll.

Kugeln der Terroristen

Die Geiselnehmer der Terrorgruppe Revolutionäre Volksbefreiungsfrontpartei (DHKP-C) erschossen nach offiziellen Angaben den Staatsanwalt und wurden dann selbst bei der Erstürmung des Büros durch eine Sondereinheit getötet. Die Kugeln, die aus Kiraz' Körper entfernt wurden, stammten aus den Pistolen der Terroristen, hieß es. Damit trat die türkische Polizei Mutmaßungen entgegen, der Staatsanwalt sei auch von Kugeln der Einsatzbeamten getroffen worden.

Ehemalige Polizeibeamte zweifelten, ob die Strategie richtig war, die vom Krisenstab im Justizgebäude verfolgt wurde: erst angreifen, als die Verhandlungen gescheitert waren und die Täter nicht mehr überrascht werden konnten. Ein anderer Ex-Polizist identifizierte noch während der Geiselnahme einen der Terroristen anhand des Handyfotos, das die Entführer mit ihrer Geisel aufnahmen und veröffentlichten. Das warf die Frage auf, warum andere Beamte nicht über das Tun des bereits einmal festgenommenen Terroristen informiert waren.

Keine Durchsuchungen

Die beiden Männer waren gegen Mittag als Anwälte verkleidet getrennt durch verschiedene Eingänge in den Justizpalast gelangt. Türkische Anwälte in der Standeskleidung werden im Istanbuler Justizpalast nur oberflächlich oder gar nicht durchsucht, stellte sich heraus. Damit sei ab sofort Schluss, verkündete Staatspräsident Tayyip Erdogan.

Auch eine dritte Terroristin der DHKP-C, die am Mittwoch allein das Feuer auf Wachbeamte am Eingang zum Hauptsitz der Polizei in Istanbul eröffnete und darauf erschossen wurde, war den Behörden bekannt.

Elif Sultan Kalan hatte bereits am 30. Jänner dieses Jahres am Taksim-Platz auf Polizisten geschossen, konnte damals aber entkommen. Ihren Namen hatte die Terrorgruppe aber auch am beim Selbstmordanschlag auf eine Polizeiwache im Stadtteil Sultanahmet am 6. Jänner genannt, was sich als falsch erwies. Die Attentäterin wurde später als eine russische Staatsbürgerin identifiziert.

Die türkische Polizei organisierte am Donnerstag den zweiten Tag in Folge Razzien gegen mutmaßliche Anhänger der marxistisch-leninistisch inspirierten Gruppe. Im Istanbuler Viertel Okmeydani wurden mindestens 24 Personen festgenommen. Dort wurde im Sommer 2013 auch der 14-jährige Schüler Berkin Elvan von einer Gaskartusche der Polizei am Kopf getroffen: Elvan starb später, Staatsanwalt Kiraz ermittelte in dem Fall.

Bei Zugriffen in zwei anderen Städten wurden 15 weitere mutmaßliche Mitglieder der DHKP-C verhaftet. Die Sicherheitskräfte beschlagnahmten demnach Schusswaffen, Munition, Dokumente und Computer. (Markus Bernath, DER STANDARD, 3.4.2015)

  • Beamte an der Absperrung nach einem Anschlag auf das Hauptquartier der Istanbuler Polizei am Mittwoch.
    foto: ap / akin celiktas

    Beamte an der Absperrung nach einem Anschlag auf das Hauptquartier der Istanbuler Polizei am Mittwoch.

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