Wenn die Zunge aussieht wie eine Landkarte

2. April 2015, 16:03
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Ursache einer auffälligen, aber harmlosen Anomalie der Zunge noch immer ungeklärt - israelische Forscher suchen mit physikalischem Ansatz nach Antwort

Rechovot - Der etwas beschönigende Name "Lingua geographica" bezeichnet eine Anomalie der Zunge: Es handelt sich dabei um Flecken von sehr unterschiedlicher Form, die durch den Verlust eines Teils der Papillen - also der geschmacks- und berührungsempfindlichen Fortsätze auf der Zungenoberfläche - zustandekommen.

Die so entstehenden rötlichen Flecken fühlen sich glatter als die übrige Zungenoberfläche an und sind in der Regel von einem hellgrauen bis gelblichen Saum eingegrenzt. Eine solche "Landkartenzunge" kann ungewöhnlich aussehen und lässt sich auch nicht wirklich behandeln, ist zum Glück jedoch vollkommen harmlos.

Das erregbare Medium

Die Ursache dieser Anomalie ist immer noch unbekannt, ebenso wie ihr unvorhersagbares Auftreten und Wiederabklingen Rätsel aufgibt. Forscher des israelischen Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot haben versucht, sich dem Thema von der mathematischen bzw. physikalischen Seite zu nähern.

Sie berichten im "New Journal of Physics", dass sie in Modellberechnungen die Zunge als "erregbares Medium" betrachteten - als ein System, das von einer Art Welle durchlaufen werden kann, auf die erst nach einigem zeitlichen Abstand die nächste folgt. Als Vergleichsbeispiel nennen sie einen Waldbrand, der erst dann an einer bereits betroffenen Stelle erneut auftreten kann, wenn dort die Vegetation nachgewachsen ist.

Zwei Wellenbewegungen

Die Forscher um Gabriel Seiden stellten zwei Varianten von möglichen Wellenbewegungen fest: Die eine geht von punktförmigen Läsionen aus, die sich kreisförmig ausweiten und schließlich die ganze Zunge betreffen - bis der Spuk auf gesamter Fläche wieder abklingt.

Die andere Variante zeigt sich als tendenziell spiralförmiges Ausbreitungsmuster - und das macht einen Unterschied: Bei dieser Form ergaben die Simulationen, dass hier akut betroffene und bereits abgeheilte Regionen ständig nebeneinander existieren. Der oben zitierte "Waldbrand" kann auf diese sich erholenden Regionen zurückwechseln und findet laufend neue Nahrung. Das Ergebnis: Bei dieser Ausbreitungsform hält sich das Phänomen selbst aufrecht und kann dadurch lange Zeit bestehen bleiben.

Keine Angst

Aus dem Fall eines einjährigen Jungen, der Läsionen am Rand der Zunge bekam, leiten die Forscher die Vermutung ab, dass Reibung die Anomalie auslösen könnte. Bei dem Einjährigen könnte das Zahnwachstum schuld sein - in anderen Fällen von Lingua geographica hingegen das Reiben der Zunge am Gaumen.

Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse künftig dazu beitragen können, leichte und schwere Fälle von Lingua geographica besser einzustufen. Auch wenn sich die Behandlung vorerst im Wesentlichen noch darauf beschränken muss, den Patienten zu versichern, dass sie keine Angst haben müssen. (red, derStandard.at, 2.4. 2015)

  • Ein auffälliges Beispiel von Lingua geographica.
    foto: new journal of physics/iop publishing

    Ein auffälliges Beispiel von Lingua geographica.

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