Sting und Paul Simon: In der Rezeption wurde ein Weckruf bestellt

2. April 2015, 15:43
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Zwei ehemalige Nachbarn gemeinsam auf Tour: Sting und Paul Simon spielten sich in der Wiener Stadthalle ihre größten Hits vor

Wien - Manchmal muss man in der durchgehend bestuhlten und gut geheizten Stadthalle entschieden gegen den Sekundenschlaf kämpfen. Die Musik klingt sehr edel und wird, qualitativ im Hochgebirge angesiedelt, ausschließlich von Menschen produziert, die einen Jazz-Führerschein besitzen. Gott sei Dank tätigt Sting regelmäßig einen seiner markanten Weckrufe: "Iiiieeeeoooo! Iieeeh-o-o!"

Der 63-jährige Brite hat sich vom ehemaligen Posterboy der New-Wave-Ära mit seiner Band The Police in den 1980er-Jahren schon bald zum edlen Kunsthandwerker zwischen schwerer Rotweinballade und flauschigem Flokatiteppich entwickelt. Deshalb mutet die nach 20-jähriger Nachbarschaft in einem Apartmenthaus in Manhattan beim gemeinsamen Teetrinken geborene Idee auf den zweiten Blick auch gar nicht so wahnsinnig an, ausgerechnet mit dem zehn Jahre älteren US-Kollegen Paul Simon auf gemeinsame Tour zu gehen - und damit durchzukommen.

Im Gegensatz zum ursprünglich aus dem eisigen Neonlicht des Londoner Nachtlebens kommenden Sting ist Paul Simon seit Generationen der König jenes Liederbuchs für die gedimmten Lagerfeuer dieser Welt, das gern in den Sack mit der taiwanesischen Schulgitarre gepackt wird, wenn es auf Jungscharlager geht.

Immerhin komponierte er als Hälfte des ewig zerstrittenen Beste-Feinde-Duos Simon & Garfunkel ewige, selbstverständlich in Wien zu hörende Klassiker des Ohrwurmgenres wie The Sound of Silence, The Boxer oder Bridge over Troubled Water. Danach folgte eine tolle Solokarriere mit dem Album Graceland und diversen sanften Hits wie The Boy in the Bubble, You Can Call Me Al oder 50 Ways to Leave Your Lover.

DNA der Popmusik

Wir hören während dreier langer Stunden abwechselnd diverse Soloblöcke, in denen Sting und Paul Simon jeweils ihre größten und erwartbarsten Hits routiniert und zwischendurch aufgeweckt abspulen: Roxanne, So Lonely, Walking on the Moon, Englishman in New York, Still Crazy after All these Years, Me and Julio Down by the Schoolyard. Dabei geben die Protagonisten ihren Bands reichlich Anlass, ihr solistisches Können im Bereich Spielfreude unter Beweis zu stellen. Es wuselt und gniedelt, es tiriliert und soliert, bis gerade noch rechtzeitig Sting aus der Rezeption anruft: "Iiiieeeeoooo! Iieeeh-o-o!"

Das eigentliche Interesse der 11.000 Besucher gilt allerdings dem gemeinsamen Vortrag der alten, zur DNA der Popmusik zählenden Hadern Simon & Garfunkels. Immerhin ist es nicht unbedingt naheliegend, Art Garfunkels warme Kopfstimme durch den ins Asthmatische kippenden Diskant Stings zu ersetzen. Insgesamt 16 Musiker stehen dann im Rücken der beiden Sänger.

Dankenswerterweise aber halten die Melodien die Überladung mit vier, fünf Gitarristen gleichzeitig, zwei Keyboardern, drei Perkussionisten, Bläsersatz und Geigerich halbwegs gut aus. Bei Mrs. Robinson und The Boxer fliegt zwar kurz das Blech weg und pfeift das Schwein. Aber Paul Simon möchte zumindest an diesem Abend nicht zu sehr an sein altes Duo erinnert werden und vertraut lieber seinem Soloschaffen.

Im großen gemeinsamen Zugabenblock dann noch Cecilia, Every Breath You Take und das The-Everly-Brothers-Cover When Will I Be Loved?, Letzteres dargebracht im schlanken Duo. Allgemeine glückliche Erschöpfung. Eine Bitte an die Rezeption: Morgen früh nicht anrufen. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 3.4.2015)

  • Einmal alles, bitte: Sting und Paul Simon bieten in der Stadthalle solo und gemeinsam ihre größten Hits.
    foto: apa / herbert neubauer

    Einmal alles, bitte: Sting und Paul Simon bieten in der Stadthalle solo und gemeinsam ihre größten Hits.

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