Gesünder googeln

Blog24. April 2015, 14:04
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Die Suche nach vertrauenswürdigen Medizin-Websites gleicht jener nach der Nadel im Heuhaufen - hier einige Empfehlungen

Den Müll durchsucht man für gewöhnlich nicht nach medizinischen Informationen. Es sei denn, man hat extreme Schmerzen und hält ein Schmerzmittel in der Hand, das bei einer Überdosierung schwere Folgen haben kann, für das man aber dummerweise den Beipackzettel weggeworfen hat. Vorausgesetzt, es gibt aufgrund einer Naturkatastrophe gerade keinen Strom, kein Telefon und keine Möglichkeit, einen Arzt zu kontaktieren.

Eine Internetsuche nach vertrauenswürdigen Gesundheitsfakten ist vom Durchwühlen des Mülls nur wenig entfernt. Kaum die Anfrage in Google eingetippt, poppen ominöse Seiten wie Zentrum der Gesundheit, Gesund24h oder gar die Seite des für esoterische und rechtslastige Verschwörungstheorien bekannten Kopp-Verlags auf.

Stundenlange Suche

Wie die Hauptstadt der Mongolei heißt, ist nach zehn Sekunden Internetsuche klar, auch den Tageskurs des US-Dollars erfährt man über eine kurze Anfrage in einer Suchmaschine rasch. Ob jedoch Sägepalmenextrakt bei Problemen mit einer gutartigen Prostatavergrößerung hilft, wird auch nach stundenlangem Durchforsten der Suchergebnisse nicht klar.

Medizinisch gefährlich ist das langsame Wachstum der Prostata bei vielen älteren Männern nicht, die Probleme beim Wasserlassen und nächtlicher Harndrang können aber ganz schön belastend sein. Welche der Seiten sind nun vertrauenswürdig, und welche Teil der digitalen Mülldeponie?

Kommerz oder Information?

Bietet eine Webseite neben einer Lobeshymne auf Sägepalmen-Präparate an, selbige im eigenen Webshop gleich käuflich zu erwerben, sollte das stutzig machen. Offenbar geht es dem Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller mehr ums Geschäft als um objektive Information.

Auch Werbung für ein Prostata-Präparat auf derselben Seite spricht eher dafür, dass die Informationen nicht ganz unabhängig sind. Dass Sägepalmen-Extrakt Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrößerung bisherigen Studienergebnissen zufolge garantiert nicht hilft, erwähnen all diese Seiten nicht.

Nachvollziehbare Quellen

Auch bei anderen Fragen führt Dr. Google mitunter in die Irre. Laut dieser Seite dürfte es zappelige Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen gar nicht mehr geben, wenn sie bloß alle brav Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren schlucken würden.

Objektive Gesundheitsseiten nennen aber nicht nur einen interviewten Arzt als Quelle ihrer Behauptung, sondern geben Details oder Links zu wissenschaftliche Studien als Beleg an. Und denen zufolge ist bei weitem nicht geklärt, ob Omega-3-Fettsäuren kleinen Zappelphillipps helfen können.

Gütesiegel für Gesundheitsinformation

An Webseiten, die entscheidende Qualitätskriterien erfüllen, verleiht die gemeinnützige Organisation HON (Health on the Net) ein Gütesiegel. Über das (noch etwas experimentelle) Suchportal ist es möglich, nur HON-geprüfte Seiten zu durchsuchen.

Webseiten mit dem HON-Siegel sind zwar auf Transparenz geprüft, dass alle Informationen auf den Seiten korrekt sind, garantiert die HON-Stiftung aber nicht. Auch das beste Gütesiegel kann daher das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin nicht ersetzen. Dieser hat zwar kein Siegel, aber dafür ein abgeschlossenes Medizinstudium. Und sollte damit eine qualifizierte Hilfe beim Auseinanderklauben von nutzlosem Internetmüll und verlässlicher Gesundheitsinformation sein.

Empfohlene Seiten

Am empfehlenswertesten sind Seiten, die ihre Informationen ausschließlich evidenzbasiert, also auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage verfassen.

Eine der umfangreichsten evidenzbasierten Informationsseiten im deutschsprachigen Raum ist gesundheitsinformation.de. Das Informationsportal bietet objektive und vor allem leicht verständliche Informationen zu vielen Krankheiten und deren Behandlungen.

Der igel-monitor nimmt Behandlungen kritisch unter die Lupe, für die die Krankenkasse für gewöhnlich nicht zahlt. Die Seite des Deutschen Krebsforschungszentrums wiederum bietet wertvolle Informationen rund um Krebs und Vorsorge – von Brustkrebs-Untersuchungen bis hin zu Problemen bei gutartigen Prostatavergrößerungen.

Das offizielle Portal des Gesundheitsministeriums Gesundheit.gv.at beantwortet zahlreiche Fragen rund um Krankheit und Gesundheit. Die Seite medizin-transparent.at hinterfragt Gesundheitsmythen und Werbebehauptungen, Leser können auch Anfragen einsenden. Dahinter steht das Team der wissenschaftlichen Non-Profit-Organisation Cochrane Österreich (als deren Leiter ich hier zugegebenermaßen Eigenwerbung mache). (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 24.4.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Harnschau im 17. Jahrhundert. Auch bei der Internetrecherche zu Medizinthemen fischt man oft im Trüben.
    foto: wikipedia/gemeinfrei/gerard dou - web gallery of art:

    Harnschau im 17. Jahrhundert. Auch bei der Internetrecherche zu Medizinthemen fischt man oft im Trüben.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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