Sterben unter Tage: Schicht im ukrainischen Kohleschacht

Reportage3. April 2015, 05:30
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Die Kohlearbeiter verdienen fast nichts und leiden unter den laschen Sicherheitsvorkehrungen, die immer wieder zu Katastrophen unter Tag führen

Graue Kegel dominieren die Landschaft. Geschaffen von Menschenhand wie einst die Pyramiden. Doch zu ihren Füßen ruhen keine malachitgeschminkten Pharaonen, sondern schuften rußgeschwärzte Bergleute. Die Abraumhalden im Donbass-Gebiet überragen Sträucher und Bäume, rauchende Schlote und verfallene Fabrikgebäude.

"Nein, das sind keine Kriegsschäden", sagt Taxifahrer Wladimir, als er auf die kaputten Fensterscheiben eines riesigen Betonblocks deutet, der einem der zahlreichen Kohlebetriebe in der Region als Verwaltungsgebäude dient. "Seit Jahren kommen die Betriebe immer mehr herunter, weil kaum Geld investiert wird", fügt er hinzu. Wladimir war nur einmal als junger Kerl in einem Kohlestollen. Er sei schnell wieder herausgekrochen und habe sich geschworen, nie im Leben dort zu arbeiten. "Dunkel, eng und angsteinflößend", erinnert er sich.

Tausende auf der Straße

Angst ist ein ständiger Begleiter der 270.000 Kohlekumpel im Donbass – 90 Prozent aller ukrainischen Bergarbeiter arbeiten hier. Die Arbeit ist schwer, gesundheitsschädigend und gefährlich. Weil sie nun auch noch unbezahlt ist, gingen Ende März tausende Bergarbeiter in Kiew auf die Straße. "Heute streiken rund 20.000 Kohlekumpel aus 17 staatlichen Betrieben", erklärte der Vorsitzende der Unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft, Michail Wolynez, nachdem die ukrainische Regierung auf Anweisung des Internationalen Währungsfonds (IWF) die letzten Subventionen für die Branche gestrichen hat und die Kumpel auf einer Milliarde Hrywna (35 Millionen Euro) Lohnschulden sitzen blieben. Vor dem Energieministerium in Kiew klopften sie mit ihren Helmen auf den Asphalt, um die Ablösung von Minister Wladimir Demtschischin zu erreichen. Vergeblich.

Unzufriedenheit herrscht auch bei den Bergleuten in der abtrünnigen "Donezker Volksrepublik" (DVR): Geld gibt es hier ebenso wenig, viele Minen wurden nach Beginn der Kämpfe geschlossen. Die Rebellen pressten die Betriebe nach der Machtübernahme weiter aus. So lautet ein Vorwurf gegen den nun vom ukrainischen Geheimdienst verhafteten Ex-Kohleminister der DVR, Sergej Baranow, auf räuberische Erpressung.

Schwere Katastrophen

Anfang März kamen zudem bei einer Explosion im Donezker Sasjadko-Kohleschacht 34 Männer ums Leben, 16 Arbeiter wurden verletzt. Die Mine gehört dem Langzeitabgeordneten und Kurzzeitpremier (1993/94) Jefim Swjagilski, dem es bis zuletzt gelang, trotz eines Mandats in Kiew (für den Oppositionsblock) sich zugleich mit den Separatisten gut zu stellen. Ob die Ankündigung von "DVR-Premier" Alexander Sachartschenko nach dem Unfall, die Mine zu verstaatlichen, mehr als Populismus ist, bleibt abzuwarten. Bisher jedenfalls haben die neuen Herren in Donezk an den windigen Geschäften offenbar eifrig mitverdient – ohne sich Sorgen um die Sicherheit der Bergarbeiter zu machen.

Der Sasjadko-Schacht hat in der Vergangenheit bereits traurige Berühmtheit in der Ukraine erlangt: Seit 1999 gab es acht größere Unfälle in der Mine mit knapp 300 Toten. Die größte Katastrophe ereignete sich im November 2007, als mehr als 100 Menschen bei einer Methangasexplosion ums Leben kamen.

Dabei ist der Sasjadko-Schacht mit einer Bohrtiefe von mehr als 3.000 Metern statistisch zwar die gefährlichste, aber bei weitem nicht die einzige ukrainische Kohlegrube, in der sich in den vergangenen Jahren tödliche Unfälle ereigneten: Krasnolimanskaja, Skotschinski und Juschnodonbasskaja sind nur Teil einer langen Liste.

Skrupellosigkeit und Inkompetenz

Selten wagt es jemand, die Gründe offen auszusprechen. 2011, nach einem weiteren Unglück im Schacht Suchodolskaja, brach Bergarbeiter Igor Smetanin das Schweigen. Er machte die Skrupellosigkeit der Minenbesitzer für die Katastrophen verantwortlich. "Gearbeitet wird bei fünf Prozent Methangehalt statt bei einem halben Prozent. Wenn es einen Gasausbruch gibt, steigt der Gehalt auf zwölf Prozent. Niemand geht hinaus, es wird ein bisschen gelüftet, das ist alles", erzählte er. Wer sich weigere, verliere seine Arbeit, sagte er und war kurze Zeit nach dem Interview selbst seinen Job los.

Sergej Simenko, ehemaliger technischer Inspektor der Unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft, macht die Kumpel aber mitverantwortlich: Neben veralteten Anlagen und einem generell hohen Gasanteil bei den ukrainischen Kohlelagerstätten sei auch die Inkompetenz der Arbeiter an der Unfallhäufigkeit schuld. Unter Tage arbeiten die, "die nichts anderes können", sagt er. Der Beruf des Bergarbeiters habe sein Prestige verloren, schließt er. (André Ballin aus Krasnoarmejsk, derStandard.at, 2.4.2015)

  • 270.000 Kohlekumpel arbeiten im Donbass – die Angst vor Unglücken ist dabei immer präsent.
    foto: ap photo/vadim ghirda, file

    270.000 Kohlekumpel arbeiten im Donbass – die Angst vor Unglücken ist dabei immer präsent.

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