The Prodigy: "The Day Is My Enemy"

2. April 2015, 17:21
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Die Rave-Veteranen der 1990er-Jahre machen 2015 Dienst nach Vorschrift und parodieren sich selbst

Vor ungefähr 20 Jahren tobte der kleine Irre von den britischen Technorockproleten The Prodigy durch einen ungenutzten Londoner U-Bahn-Tunnel und brüllte irgendwas mit "Firestarter!" und noch zwei andere Sachen, die am besten klingen, wenn man sie durch ein Megafon schreit. Dazu böllerten mächtige Beats, die die in Berlin sitzende Konkurrenz mit Namen Scooter und artverwandten, jedweden Kunstsinn nachhaltig zerstörenden, nun ja, Tracks wie Hyper Hyper wie eine Kinderjause wirken ließen.

Das Modell der eigentlich eher vom Rave kommenden Partie um das musikalische "Mastermind" Liam Howlett sowie Brülltier Keith Flint orientierte sich in der Folge mit Hits wie Smack My Bitch Up und sich ständig wiederholenden, zum Tanzen, Amoklaufen oder zur Revolution auf dem Sektor des Viervierteltakts aufrufenden Slogans wie "Get Down!", "Deep Down!" oder "Bist du gelähmt?!" oder "Reiß di ein!" an Leuten wie Status Quo, AC/DC oder Motörhead. Soll heißen: Es ist gar nicht mehr nötig, The Prodigy zu hören, man weiß schon anhand der Titel der jeweils neuen Tanzbefehle, wie das klingen wird. Und es klingt ohnehin seit mindestens einem Vierteljahrhundert gleich. Warum etwas ändern, wenn es eh passt?

Hurrga! O Auf dem neuen Album The Day Is My Enemy finden sich Titel wie Rebel Radio (Bummzack!), Destroy (Karräng!), Rhythm Bomb (Kartätsch!), Get Your Fight On (Hurrrga!) oder Rok-Weiler (Aaaaaargh!). Alles ist sehr hart und wird mit entschlossenem Gestus dringlich zum Vortrag gebracht. Auf dem Track Ibiza, in dem es um die spanische Sonneninsel geht, deren Namen hier ausgesprochen wird, als würde man einen ausgeschlagenen Zahn ausspucken, gastieren die wunderbaren britischen Ungustln, Spoken-Word-Monster und Beschwerde-Rapper Sleaford Mods (live am 30. 4. im Wiener Chelsea!). Ein gutes Stück schlechte Laune als Rettungsanker in einer sonst Wutanfall nach Vorschrift machenden Platte, die nicht davor gefeit ist, eventuellen The-Prodigy-Parodien gleich selbst den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber man ist heutzutage ja schon für jedes kleine Lächeln dankbar. (schach, Rondo, DER STANDARD, 3.4.2015)

  • The Prodigy - The Day Is My Enemy (Universal)
    foto: the prodigy

    The Prodigy - The Day Is My Enemy (Universal)

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