Erweiterung des Erfahrungshorizonts

Userartikel2. April 2015, 14:48
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Über das Skifahren nach 26 Jahren Pause, laute Musik in Skihütten, den Sturz und den Bergretter, dem hier nochmals gedankt werden soll

Immer mal etwas Neues – gerade, wenn man Bücher schreibt, wird einem schnell klar, dass man immer wieder neue Ideen braucht, neue Inspiration, neue Erfahrungen. Nun habe ich vor kurzem etwas getan, was ich seit sehr langer Zeit nicht mehr getan habe – ich war Ski fahren. Das allein ist nicht neu, da waren nur gute 26 Jahre dazwischen, aber es führte zu ganz neuen Erfahrungen.

  1. Skifahren ist so ähnlich wie Fahrradfahren. Zumindest konnte ich mich vage an das Gefühl auf den Brettern erinnern. Und es wurde innerhalb eines halben Tages stetig besser. Und machte sogar spontan wieder Spaß!

  2. Wenn dich ein Skilehrer fragt, ob du dich eh etwas traust, meint er das ernst. Als ich am Morgen des zweiten Tages zum Skikurs kam, eröffnete mir der Skilehrer, dass er mich gern in eine andere Gruppe geben würde, ob das eh okay wäre und ich mich etwas traue. Ich dachte an den seichten Hang gegenüber, sagte vollmundig Ja und fand mich eine Viertelstunde später in der Gondel nach ganz oben wieder.

  3. Es gibt mehrere Ebenen von "fix und fertig". Wer nicht am fünften Tag mit fast unkontrollierbar zitternden Beinen sich gerade noch aufrecht haltend im Tal ankommt und allen Göttern, die es je gegeben hat, dankt, dass er noch lebt, hat noch nicht alle davon gesehen. Ich vermute, danach kommen auch noch ein paar. Wäre der Skikurs länger als sechs Tage gewesen, hätte ich sicher noch zwei weitere entdeckt.

  4. Skihütten sind lustig. Allerdings hege ich die Vermutung, dass die Musik die Leute dazu animieren soll, mehr Alkohol zu trinken – nüchtern hält das ja kein Mensch aus!

  5. Die Sinnhaftigkeit von Anweisungen begreifen. Heute: "Skistöcke nach hinten!" Ja, man kann sich wirklich damit wehtun. Nicht, dass ich das nicht vorher fünf Tage lang gehört hätte, aber Probieren geht über Studieren. Oder: Einfach einmal blöd anstellen bringt auch Lernerfolge. Da passt man einmal drei Sekunden nicht genau auf, verhakt sich irgendwie mit dem Skistock am Ski (fragt mich bitte nicht, wie!), die Hand rutscht nicht wie geplant aus der Schlaufe, und schon macht's "knack". Sehr unschönes Geräusch, tut auch ziemlich weh, sich beim Fahren glatt den Ellenbogen auszukugeln. Das Hinfallen hinterher war jetzt auch nicht mehr so der Hit. Braucht keiner nachmachen, selbst für eine Ausrede, am letzten Tag doch nicht mehr fahren zu wollen, gibt es bessere Ideen.

  6. Bergretter sind freundliche Menschen, und Skidoos sind toll. Wenn auch ungleich spaßiger, wenn man zwei Hände hätte, um sich festzuhalten – oder gar selber zu fahren. Aber der nette Mensch von der Bergrettung hat das sehr routiniert übernommen, und ich konnte die steile Abfahrt genießen. Also fast.

  7. Es gibt Schlimmeres als einen ausgekugelten Ellenbogen. Ehrlich. Tut zwar [beliebiges Schimpfwort hier einsetzen] weh, aber wer auch immer die Kopfverletzung auf der anderen Piste hatte, zu der dann "mein" Krankenwagen abgebogen ist, hatte ihn wirklich nötiger.

  8. Fingerschmerzen gehen zu Herzen. Die vom ganzen Arm auch. Vor allem, wenn es drei Anläufe braucht, den Arm wieder einzurenken. Nach dem ersten vergeblichen Versuch gab's Schmerzmittelinfusion, nach dem zweiten zumindest noch die Erlaubnis der sehr netten Ärztin: "Du darfst auch schreien!" Na, danke. Zum Glück hielt das Adrenalin noch die paar Minuten, dass es so weit nicht kam, aber danach konnte ich mich wohl vor einer weißen Wand verstecken. Zumindest, wenn diese an Parkinson gelitten hätte.

  9. Mit Gips tippt es sich schlecht. Wobei ich den Artikel hier gerade mit zwei Händen schreibe. Hat ja auch nur fast zwei Wochen Ruhigstellen gebraucht, und der blöde Gips ist auch ziemlich im Weg (nicht nur beim Schreiben), aber besser, als dass mir der Ellenbogen nochmals herausspringt. Ganz ehrlich. Zwei Wochen habe ich ja noch Zeit, mich mit dem Ding anzufreunden.

Fazit: Ich würde sofort wieder fahren. Allerdings werde ich ganz sicher nie wieder die Hände durch diese [ein weiteres, möglichst undamenhaftes Schimpfwort bitte hier einfügen] Schlaufen stecken.

Danke sagen tut nicht weh

Ich möchte aber noch etwas sagen – offenbar, weil es sonst keiner tut. Die Jungs von der Bergrettung machen einen super Job. Sie retten Leben und vielen die Gesundheit. Ich war etwas schockiert, als ich gehört habe, dass ich wohl eine von ganz wenigen bin, die sich für den Einsatz bedankt haben. Und ich tue das hier gleich noch einmal – vielleicht als kleinen Anreiz für alle, denen auch schon einmal geholfen wurde: Danke, Alfred! Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, bin ich etwas gesprächiger, versprochen.

Und Danke an Klaus und Toni, ohne euch wäre ich da nicht einmal hinaufgefahren, geschweige denn je heil alleine wieder heruntergekommen. Und ich hätte wirklich etwas versäumt. Ich hoffe, wir fahren wieder einmal zusammen – und hoffentlich habe ich noch etwas Zeit zum Üben bis dahin. Nicht genug, dass ich schon überlege, welchem meiner Buchcharaktere ich demnächst einen ausgekugelten Ellenbogen antun werde, für euch bringe ich auch einmal einen Skilehrer um – schriftlich natürlich. (Klaudia Zotzmann-Koch, derStandard.at, 2.4.2015)

Klaudia Zotzmann-Koch ist Autorin ("Mord & Schokololade"). In ihrem Blog zotzmann-koch.com ruft sie zur Blogparade auf, um einfach einmal Danke zu sagen. Der Hashtag dafür #einfachdankesagen. Twitter: @jinxxproof

  • Skifahren ist so ähnlich wie Fahrradfahren.
    foto: apa/barbara gindl

    Skifahren ist so ähnlich wie Fahrradfahren.

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