Seelische Diät mit dem Schmachtlappen

1. April 2015, 17:31
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Viele alte und daher fragile Fastentücher werden heute in Museen verwahrt. Vielerorts ersetzen inzwischen zeitgenössische Kunstinterventionen die traditionelle Verhüllung der Kreuze zur Karzeit

Wien/Graz - Am Hungertuch nagen. Die Redewendung ist zwar fast jedem schon über die Lippen gekommen, meist ironisch auf materielle Völlerei abzielend - die Herkunft der Phrase ist hingegen in Mitteleuropa, wo selbst in der Fastenzeit niemand mehr echten Hunger leidet, sondern sich eher konfessionslos und freiwillig 40 Tage Richtung Bikinifigur hinuntermäßigt, wenigen bekannt.

Die Redensart bezieht sich tatsächlich auf ein Textil: auf das Hungertuch, ja sogar Schmachtlappen genannte Fastentuch der Christen, in Anlehnung an den Vorhang im Tempel in Jerusalem auch "velum templi". Das Fastentuch sollte die Gemeinde von Aschermittwoch bis Karsamstag vom Altarraum trennen, sodass man der Liturgie lediglich lauschen konnte. Zur körperlichen kam die visuelle Diät: ein seelisches Fasten. Aber auch die Bildtradition, die Christus damals nicht als Schmerzensmann, sondern als triumphalen Sieger am Kreuz darstellte, wollte nicht so recht in die Zeitspanne vor der Auferstehung passen.

Textilien mit Geschichte

Heute ist es der Zahn der Zeit, der am Hungertuch nagt - und zwar wörtlich: Darum liegen die fragilen Stücke meist in Museen, so wie das älteste erhaltene, aus Brandenburg (um 1290). Überhaupt nur als Fragment erhalten ist das aktuell im Belvedere ausgestellte Fastentuch von Thomas von Villach (um 1470) - aber dazu später. Das Exemplar aus Gurk (von 1458) genießt also nicht nur wegen der stolzen Maße von neun mal neun Metern Seltenheitswert: Es ist noch heute in Gebrauch.

Es ist besonders kunstaffinen Geistlichen zu verdanken, dass seit einigen Jahren zeitgenössische Variationen auf klassische und eher konventionelle Fastentücher in den Kirchen Einzug halten: Dompfarrer Toni Faber startete 2013 im Stephansdom mit einer in grobe Pixel aufgelösten Kreuzigungsszene (Peter Baldinger), 2014 verwandelte das Sonnenlicht abertausende Seidenfäden in eine Art Vorhang (Elke Maier). Nun hat Stefan W. Knor eine interaktive Fastentuchskulptur geschaffen: In ein Kubengerüst sind Leinenbänder geflochten, in die wiederum Gebete der Gläubigen geknotet wurden.

Nicht nur in der Universitätskirche, sondern auch in seiner Pfarre in Lainz wirkt Gustav Schörghofers Passion für Kunst: Dort kringelte sich letztes Jahr eine Schlange am Tuch (Gabriele Rothemann). 2015 gestaltete Oswald Oberhuber ein formal reduziertes Schriftbild zur Offenbarung des Johannes: Das geopferte Lamm überwindet den Tod, trägt den Sieg davon. In der Universitätskirche wurde kein Fastentuchprojekt realisiert. Allerdings verdeckt dort ein aktuelles Projekt quasi ohnehin den Blick zum Altar: Der schier tonnenschwere Stein der hier im Kirchenschiff zu schweben scheint, eine Arbeit der Künstlergruppe Steinbrener/Dempf & Huber.

Vorreiter aus Graz ist der Pfarrer von St. Andrä, Hermann Glettler: 2007 etwa schloss sich dort Christian Eisenberger quasi als Eremit ein, lebte und arbeitete vor Ort. Und auch dieses Jahr entschied sich Glettler, dessen Kirche voll mit zeitgenössischer Kunst ist, für eine besondere "Verhüllung" der Christusbilder. Genau dort, wo sonst das Altarbild hängt, schien jemand ein Loch gestemmt zu haben. Einen Durchbruch in einen Raum, der aus nichts als purem, gleißendem Licht besteht. Vorsichtig nähert man sich dem blendenden Weiß. Woher es kommt, ist dabei nicht gleich zu erahnen.

Löcher aus Licht

Das beeindruckende Schauspiel heißt Light, Passion and Memory und ist eine Installation des bulgarischen Künstlers HR-Stamenov (eine Kooperation mit dem Cultural City Network Graz). Seine Arbeit erinnert an eine Stelle im Lukasevangelium: "Achte darauf, dass in dir Licht und nicht Finsternis ist" (Lk 11,34f.).

Der durch aufsehenerregende Lichtinstallationen bekannte Künstler hat natürlich kein Loch in die Kirchenwand gestemmt, sondern strahlt das Altarbild mit so starkem Licht an, dass es unsichtbar wird. Das Tuch aus Licht verhüllt, obwohl Licht normalerweise ein Medium zum Sichtbarmachen von Dingen ist.

Mit Licht interveniert während der Kar- und Ostertage auch Judith Huemer in der Wiener Ruprechtskirche: "Werden", sagt der von Gilles Deleuze inspirierte pinke Neonschriftzug. In Deleuzes Philosophie ist alles Leben ein bewegter Prozess, ohne Anfang und Ende: ein scheinbares Ende als Anfang von etwas Neuem.

Einen Neuanfang erlebte aber auch jenes Fragment eines traditionellen Fastentuches, das derzeit in der Reihe "Aktuell restauriert" im Belvedere zu sehen ist: Als eine Kuratorin des Hauses, Kunsthistorikerin Veronika Pirker-Aurenhammer, 2008 die Auflösung der Sammlung im Salzburger Freyschlössl betreute, erregte ein verschimmeltes Stück Stoff ihre Aufmerksamkeit; Hausherr Carl von Frey (1826-1896) hatte es als "Doppelbild, unter der Stiege" katalogisiert. Es ist gut möglich, dass Frey das Doppelbild nur zu Dekorationszwecken angeschafft hatte: Der Salzburger Kaufmann hat sich, voll der romantischen Begeisterung für das Mittelalter, nicht nur eine Art "Ritterburg" auf dem Mönchsberg gebaut, sondern diese auch mit allerhand spätgotischen Möbelstücken und Kunstwerken ausgestattet.

Für Pirker-Aurenhammer war das verschimmelte Stück jedenfalls eine Trouvaille: ein Fund, wie ihn Kunsthistoriker nicht oft erleben. Es stellte sich heraus, dass hier kein "Doppelbild", sondern vielmehr zwei Bilder aus einem Fastentuch des "Feldertyps" zu sehen waren: also jener Art, in der die Heilsgeschichte in einem riesigen, gleichförmigen Raster Platz findet. Insgesamt sechs Bibelszenen, etwa die Übergabe der Gesetzestafeln und den Tanz um das goldene Kalb hat der Meister Thomas von Villach darin verewigt. Zugeschrieben werden konnte ihm das Werk etwa aufgrund der spezifischen Rahmung.

Jetzt ist das Werk, restauriert, im Schatzhaus Mittelalter im Prunkstall des Unteren Belvedere zu sehen. Es sei eine "Rettung in letzter Sekunde" gewesen, sagt Pirker-Aurenhammer. (Anne Katrin Feßler, Roman Gerold, Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 2.4.2015)

Ausstellung
"Das Fastentuch-Fragment des Thomas von Villach", in der Reihe "aktuell restauriert", im Unteren Belvedere (Schaudepot Schatzhaus Mittelalter im Prunkstall), bis 25. 5.

Zeitgenössische (Licht-) Installationen in Wien und Graz

  • "In letzter Sekunde gerettet" wurde dieses Fragment eines Fastentuchs (entstanden um 1470/80), das nun im Belvedere zu sehen ist.
    foto: christoph von viràg, abegg-stiftung

    "In letzter Sekunde gerettet" wurde dieses Fragment eines Fastentuchs (entstanden um 1470/80), das nun im Belvedere zu sehen ist.

  • Stefan W. Knors Intervention "Dem Himmel entgegen ..." im Wiener Stephansdom wird für die Zeit nach Ostern zu einer abstrakten Himmelsleiter umgebaut.
    foto: stefan knor

    Stefan W. Knors Intervention "Dem Himmel entgegen ..." im Wiener Stephansdom wird für die Zeit nach Ostern zu einer abstrakten Himmelsleiter umgebaut.

  • Oswald Oberhuber wirkte formal sehr reduziert, mit Schrift in der Pfarre Lainz-Speising.
    foto: veronika zacherl

    Oswald Oberhuber wirkte formal sehr reduziert, mit Schrift in der Pfarre Lainz-Speising.

  • HR-Stamenovs Installation "Light, Passion and Memory" in Graz ist bis Ostern zu sehen.
    foto: nicola werbanschitz

    HR-Stamenovs Installation "Light, Passion and Memory" in Graz ist bis Ostern zu sehen.

  • Judith Huemer, >werden<, Glas, Alu, 2012/13.
    foto: : j. oppermann

    Judith Huemer, >werden<, Glas, Alu, 2012/13.

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