Österreichs Löhne niedriger als ihr teurer Ruf

8. April 2015, 09:00
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Weniger Steuern und Abgaben auf Löhne und Gehälter sind eine zentrale Arbeitgeber-Forderung. Dabei ist Österreich im europäischen Vergleich gar kein absolutes Hochlohnland

Wien - Bei kaum einem wirtschaftspolitischen Thema sind sich Interessenvertreter, Wissenschaft und internationale Institutionen wie die OECD so einig wie bei diesem: Der Faktor Arbeit wird hierzulande zu stark besteuert. Mit der zuletzt erzielten Einigung auf eine Senkung der Lohn- und Einkommensteuer will die Regierung signalisieren, dass ihr Ruf erhört worden ist.

Bei der Forderung nach einer Entlastung, die in erster Linie den Arbeitgebern entgegenkommt, stehen diese eher einsam da: der Senkung der Arbeitskosten. Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch geringere Bruttolöhne und Lohnnebenkosten, so lautet das Mantra der Industrie.

Schwierige Definition

Das sehen längst nicht alle so. Schon bei der Feststellung, wie Österreich im internationalen Vergleich dasteht, gilt: Der Standort bestimmt den Standpunkt. Wenn die Industriellenvereinigung etwa den Anstieg der Arbeitskosten um rund ein Fünftel binnen fünf Jahren beklagt, darf nicht außer Acht gelassen werden: Die Produktivität stieg im selben Zeitraum fast im gleichen Ausmaß.

Deshalb sagen Statistiken wie der jährliche Arbeitskostenbericht von Eurostat, der Anfang der Woche veröffentlicht wurde, isoliert betrachtet wenig aus. Mehr Gewicht haben da schon die Daten für die Sachgüterindustrie (siehe Grafik). Dieser Sektor spielt im Gegensatz zur Dienstleistungsbranche die wichtigste Rolle bei den Handelsbeziehungen.

Das wirklich relevante Kriterium für internationale Vergleiche sind aber die Lohnstückkosten. Diese beschreiben das Verhältnis zwischen Arbeitskosten und Produktivität. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) liegt Österreich bei den Lohnstückkosten in der Sachgüterindustrie im europäischen Mittelfeld. Bemerkenswerterweise stand die heimische Industrie im letzten Berichtsjahr 2013 im Vergleich zu den Handelspartnern genau gleich da wie zehn Jahre zuvor. Und das, obwohl die Lohnstückkosten allein in den Krisenjahren 2008 und 2009 um insgesamt 17 Prozent angestiegen sind. Erstens erging es vielen Handelspartnern ähnlich - in Deutschland stiegen die Kosten gar um 30 Prozent. Zweitens wurde der rasante Anstieg in den Jahren davor und danach ausgeglichen.

Werner Hölzl, Co-Autor der Wifo-Studie, erklärt: "Kurzfristige Änderungen spiegeln in erster Linie die Konjunktur wider." Längerfristig seien die Abweichungen eher gering.

Innovation statt Kostendruck

Umstritten ist nicht nur die richtige Maßzahl für die Arbeitskosten, sondern auch ihre Rolle im internationalen Wettbewerb. Ökonom Paul Krugman kritisiert etwa die Vorstellung einer Wettbewerbsfähigkeit, die auf rein kostenbezogenen Kriterien beruht. Hochentwickelte Volkswirtschaften exportieren zum Großteil Spezialgüter, deren Nachfrage relativ unabhängig von der Preisentwicklung ist, so die Argumentation. "Mittlerweile ist ins Bewusstsein gerückt, dass eine Strategie für mehr Wettbewerbsfähigkeit nicht auf Lohnzurückhaltung fußen kann. Es geht vor allem um innovative Produktionsprozesse", sekundiert Wifo-Experte Hölzl.

Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf hält im Gespräch mit dem STANDARD dagegen: "Die Lohnentwicklung spiegelt die Kosten wider und ist damit eine wesentliche Komponente der Wettbewerbsfähigkeit."

Außerhalb der EU unterliegen die Lohnstückkosten größeren Schwankungen als innereuropäisch. Schuld daran seien die Wechselkurse, erklärt Hölzl. Diese stehen für den Euroraum - zumindest hinsichtlich der Lohnstückkosten - zurzeit eher günstig. Auch Horn teilt diesen Befund: "Europa hat derzeit sicher kein Wettbewerbsproblem, das zeigt sich etwa an den Export-Überschüssen. Die Abwertung des Euro tut ihr Übriges dazu." (Simon Moser, DER STANDARD, 2.4.2015)

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