Australiens Regierung kämpft gegen Reef-Blamage

2. April 2015, 11:08
10 Postings

Australien fürchtet, dass das Great Barrier Reef auf die Liste der gefährdeten Weltnaturerbestätten gesetzt wird

Australien will mit einem Aufwand von rund 72 Millionen Euro die Qualität des Wassers im Gebiet des Great Barrier Reefs verbessern und damit in letzter Minute eine Strafmaßnahme der Unesco abwenden. "Wasserqualität ist der Schlüssel zum Schutz des Reefs", sagte Umweltminister Greg Hunt im März. Canberra will bis 2050 den Tod des Naturparadieses aufhalten.

Das Barrier Reef erstreckt sich vor der ostaustralischen Küste über 2600 Kilometer und ist Heimat von 400 Korallenarten, 1500 Fischarten und 4000 verschiedenen Mollusken. Reeftourismus generiert mit etwa zwei Millionen Besuchern rund 3,5 Milliarden Euro Exporteinkommen pro Jahr. 1981 wurde das Barrier Reef in das Register des Weltnaturerbes der Unesco aufgenommen. Seither hat es jedoch als Folge von Umwelteinflüssen rund die Hälfte der Korallen verloren.

Regierung wehrt sich gegen Abstufung

Die UN-Organisation warnt, sie werde das Reef im kommenden Juni als "gefährdet" einstufen, sollte Australien den Schutz nicht nachhaltig verbessern. Die konservative Regierung von Premierminister Tony Abbott wehrt sich vehement gegen die Abstufung. Sie wäre eine Blamage für den wohlhabenden Industriestaat. Seit Monaten warnen australische Botschaften Entscheidungsträger in den 21 Mitgliedstaaten des Unesco-Komittees davor, der "Propaganda" von Umweltorganisationen Beachtung zu schenken.

Es steht mehr auf dem Spiel als nur der Ruf: Eine Abstufung hätte zur Folge, dass der Ausbau von Infrastruktur entlang der Küste künftig grünes Licht von der Unesco brauchte. Das bereitet vor allem der Kohleindustrie Sorge. Im Hinterland liegen einige der reichsten Kohlefelder und größten Minen der Welt. Der Bau mehrerer neuer Anlagen ist geplant. Der Brennstoff wird in Häfen an der Küste auf Frachter verladen und durch das Great Barrier Reef in alle Welt verschifft.

Klimawandel größte Gefahr

Experten warnen seit Jahrzehnten, dass das Great Barrier Reef bis 2050 abgestorben sein könnte. Nun hat ein regierungseigener Bericht bestätigt, was Meeresbiologen schon seit Jahren sagen: Klimawandel sei langfristig die größte Gefahr. In einer Erstfassung der Studie wurde die globale Erwärmung kaum erwähnt, bevor Proteste von Wissenschaftern die Regierung zum Umdenken zwangen.

Laut Meeresbiologen führen steigende Temperaturen und CO2-Werte zu einer für Korallen tödlichen Übersäuerung des Wassers. Trotz dieser Erkenntnisse will sich Canberra auf die Bekämpfung zwar destruktiver, aber gemäß Wissenschaftern sekundärer Bedrohungen konzentrieren: Wie der Umweltminister verlautete, solle der Gehalt von Stickstoff und Schädlingsbekämpfungsmitteln im Wasser deutlich reduziert werden.

Schon vor einiger Zeit hatte Canberra angekündigt, die Praxis des Abladens von Aushubschlamm im betreffenden Gebiet zu verbieten und in benachbarten Regionen reduzieren zu wollen. Dieser Entscheid war das Ergebnis weltweiter Proteste gegen Pläne, den Kohleverladehafen Abbot Point auszubauen, der vom Rohstoffgiganten Adani betrieben wird. Das umstrittene indische Unternehmen hatte bereits die Bewilligung gehabt, Millionen Tonnen von Aushubschlamm im Great Barrier Reef zu entsorgen. Mehrere globale Institute, unter ihnen die Deutsche Bank, weigerten sich, das Projekt zu finanzieren.

Rohstoffe in der Krise

Kritiker glauben, die am Wochenende angekündigten Maßnahmen genügten nicht, um die Zerstörung aufzuhalten. Laut dem Meereswissenschafter Terry Hughes ist der Zustand des Great Barrier Reefs eine "sich entfaltende Katastrophe". Obwohl eine Reduktion von CO2 für den Schutz wichtig ist, hält Premierminister Tony Abbott daran fest, die Kohleindustrie auszubauen. Die Verbrennung des fossilen Stoffs ist jedoch weltweit maßgeblich für Klimaemissionen verantwortlich.

Die Kohleindustrie sei eine wichtige Quelle von Arbeitsplätzen, rechtfertigt Abbott die Pläne. Dabei zeigen Statistiken, dass sich die australische Rohstoffindustrie in der größten Krise seit Jahren befindet. In den vergangenen zwölf Monaten gingen 50.000 Jobs verloren. Landesweit sind nun 220.400 Menschen im Bergbau beschäftigt. Grund für die Entwicklung sind schwächere Preise und die sinkende Nachfrage. Verschiedene australische Minen mussten ihre Produktion suspendieren oder reduzieren. (Urs Wälterlin aus Canberra, DER STANDARD, 2.4.2015)

  • Das Great Barrier Reef erstreckt sich vor der ostaustralischen Küste: 400 Korallen- und 1500 Fischarten wurden dort bisher gezählt.
    foto: ap photo/queensland tourism

    Das Great Barrier Reef erstreckt sich vor der ostaustralischen Küste: 400 Korallen- und 1500 Fischarten wurden dort bisher gezählt.

Share if you care.