Industrie: Schlechte Laune und weniger Jobs

2. April 2015, 09:00
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Die Unternehmen erwarten für die kommenden Monate weniger Aufträge und wollen weiter Stellen abbauen. Ökonomen sehen die Schuld in der Reformmüdigkeit der Politik

Wien - Eigentlich müsste ein österreichischer Unternehmer gerade Freudensprünge machen. In der Eurozone läuft es wirtschaftlich wieder besser. Das ist wichtig, denn fast drei von zehn Euro verdienen heimische Unternehmen im Euroraum. Auch von außerhalb gibt es Impulse: Eine österreichische Maschine im Wert von 10.000 Euro ist durch die Abwertung des Euro gegenüber dem Vorjahr auf einen Schlag um 3000 Dollar günstiger geworden. Die USA sind hierzulande immerhin der drittgrößte Absatzmarkt. Und auch Rohstoff- und Energiepreise sind zuletzt zurückgegangen.

Das mag so gar nicht zur Stimmungslage in der österreichischen Industrie passen. Die Branche hat sich zwar schneller von der Krise erholt als jene der USA oder Deutschlands, stagniert seither aber. 20 Betriebe greifen derzeit auf Kurzarbeit zurück, fast 4500 Arbeiter sind davon betroffen, Tendenz steigend. Unternehmen haben im März erneut weniger Aufträge erhalten, sie fahren deshalb ihre Produktion zurück und bauen Stellen ab. Eine kürzlich für die Bank Austria durchgeführte Umfrage unter Einkaufsmanagern ist auf 47,7 Punkte gefallen, alles unter 50 Punkten deutet auf ein Schrumpfen der Produktion hin.

Verschlafene Reformen

"Die Industrie entwickelt sich international nicht gut", sagt Marcus Scheiblecker vom Wifo. In 18 von 26 in Umfragen erfassten EU-Ländern erwarten die Industrieunternehmen derzeit einen Rückgang von Aufträgen und Produktion. Österreich liegt auf dem unrühmlichen 22. Platz. "Im Ausland läuft es zumindest besser als hierzulande", sagt Scheiblecker. Eine Erklärung für den Ökonomen: das politische Umfeld. Die Regierung schiebe einen Berg unerledigter Reformen vor sich her, das drücke das Investitionsklima.

"Seit Jahren verschlechtert sich der Wirtschaftsstandort", sagt der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein. "Da fällt mir die Gruppenbesteuerung ein, das Streichen der Abzugsfähigkeit von Managergehältern oder die Hypo." Die jetzige Situation sei kein Zufall, sondern Konsequenz der vergangenen Jahre. Die Steuerreform könnte nun aber eine Trendwende sein, sagt Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker. "Die Regierung hat Handlungsfähigkeit bewiesen."

Unter dem langjährigen Trend

Die Industriellenvereinigung erwartet für heuer ein Wachstum der Industrie von etwa 1,5 Prozent. Sie würde damit deutlich stärker wachsen als die gesamte Volkswirtschaft, die bei einem halben Prozent dahindümpelt. Der langjährige Trend in der Industrie ist aber plus 3,5 Prozent. Die niedrigen Zinsen, das billige Öl, der schwache Euro: All das helfe, sagt Helmenstein. Wäre das Investitionsklima in Österreich aber anders, würde der positive Schub viel stärker ausfallen. (Andreas Sator, DER STANDARD, 2.4.2015)

  • Viele Bauhelme liegen derzeit unbenützt herum. Die Auftragslage ist in der österreichischen Industrie gegenwärtig allgemein mau.
    foto: reuters/foeger

    Viele Bauhelme liegen derzeit unbenützt herum. Die Auftragslage ist in der österreichischen Industrie gegenwärtig allgemein mau.

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