Im Zaubergarten der Opernklänge

1. April 2015, 17:06
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Die Opéra de Lyon überzeugt mit Gluck und Schreker

Serge Dorny ist zurück in Lyon. Mit Dresden, aber mit Dirigent Christian Thielemann, hat es nicht geklappt. Der Opern-Ermöglicher, der sich an Landsmann Gerard Mortier messen lassen kann, macht in Frankreich einfach da weiter, wo er beinahe aufgehört hätte. Zum ambitionierten Stagione-Spielplan gibt's das Festival, mit dem er das gut laufende Haus veredelt. Heuer bringt es Glucks Orfeo ed Euridice, Franz Schrekers Die Gezeichneten und Sunken Garden von Michel van den Aar.

Billige Festival-Wellness ist das nicht. Im Falle von Schreker und Gluck sind mit David Bösch und David Marton ja interessante jüngere Regisseure zugegen, die seriös für Aufregung sorgen. Und besucht man Lyon, stellt sich heraus, dass das Bild, das Dorny etabliert hat, tatsächlich stimmt. Es gibt immer ein volles Haus, auch wenn es sich um neue Sichtweisen auf alte Werke handelt. Auch der Anteil junger Zuschauer ist hoch. Überhaupt ist die alte Tante Oper in Lyon ein erfrischend "normaler" Teil des Stadtlebens.

Geheime Gärten

Die Gezeichneten werden von Alejo Pérez am Pult des Orchestre de l'Opéra de Lyon im Sinne des spätromantischen Rauschs und der Dauererregung des Fin de Siècle zelebriert - alles passt zum Festivalmotto "Geheimnisvolle Gärten". Bösch setzt auf einen dunklen Irrgarten der Lüste. Für den steht das künstliche Elysium, mit dem Alviano die Obsessionen des Genueser Adels bedient, ohne sich dabei um die vor allem weiblichen Opfer zu scheren.

Bösch verweigert die Renaissancepracht zugunsten einer postkatastrophischen Seelenalbtraumlandschaft, in der sich die Protagonisten begegnen, um aneinander zugrunde zu gehen. Der Schöpfer dieses Elysiums Alviano (suggestiv Charles Workman) wird Opfer der triumphierenden Scheinmoral. In großer Liebestod-Geste enden Carlotta, die Magdalena Anna Hofmann als Melange aus Künstlerin und Therapeutin gibt, und ihr Geliebter Tamare.

Dieser Opulenz setzen Enrico Onofri und Regisseur David Marton eine Deutung der Orpheus-Geschichte als melancholisch-schönes Hohelied auf die Kraft der Liebe oder der Erinnerung entgegen. Wir sehen ein Haus, das im metaphorischen Treibsand zu versinken droht. Davor eine eingedeckte Tafel im Freien für Menschen von heute, die sich wie in Trance bewegen, wenn es um die Unterwelt geht. Und ein verdoppelter Orpheus: ganz jung und verliebt Counter Christopher Ainslie an der Seite seiner Euridice Elena Galitskaya; Victor von Harlem ist sein alt und müde gewordenes, über 70-jähriges Alter Ego. Mit schwerem Bass und Schritt sitzt er in der Altersfalle. Und erinnert sich, indem er schreibt. Sein nicht gelebtes Leben im Kreise vieler Kinder wird von dem jungen Elternpaar suggeriert. Wenn dann das Orchester hochfährt, triumphiert die Musik.

Genau zum Festspielmotto passt das jüngste Werk Sunken Garden, das den kinoartigen Saal im Vorstadttheater füllt. Wobei die Modernität dieser "Filmoper" nicht in der konventionell illustrierenden Musik liegt. Eher in den medialen Zugaben zu der mysteriösen Suche des Filmemachers Toby nach zwei Verschwundenen. Eingebaut sind dokumentarische Interviews mit Bekannten. Geheimnisvolle Engelswesen tauchen auf. Der Clou ist der dreidimensional wuchernde Garten, der dann kollabiert und damit seine Verführungskraft einbüßt. So sehr die Produktion das Gesamtkunstwerk der Zukunft behauptet, belegen kann sie das nicht. Gut aber, sie gesehen zu haben. (Joachim Lange aus Lyon, DER STANDARD, 2.4.2015)

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