Jesper Munk: Der Blues aus dem Weißbierdelta

2. April 2015, 08:00
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Er kann den wilden Blues genauso wie den ruhigen. Er liebt Charley Patton und Lee Moses. Er hat für sein neues Album "Claim" den Blues-Punk-Rabauken Jon Spencer als Produzenten gebucht. Er heißt Jesper Munk - und kommt aus München

Wien - Der Jugend nimmt man den Blues normalerweise nicht ab. Ein bisserl tagebuchtauglichen Weltschmerz wegen einer nicht bestandenen Führerscheinprüfung oder eines frühzeitigen Samenergusses, das ja, aber doch nicht das hohe Lied und Leid des Blues. Da hilft selbst der Verweis auf Größen wie Robert Johnson, Muddy Waters oder John Lee Hooker nichts. Zwar haben die als noch halbe Kinder den Blues gespielt, aber gut, die stammten von schwarzen Sklaven ab und kamen nicht aus dem properen München wie Blondlocke Jesper Munk. Und doch hat Munk ihn, den Blues. Und zwar richtig gut.

Eben veröffentlichte der 23-Jährige sein neues Album Claim, Ende April gastiert er in Wien. Nun ist es nicht neu, dass junge weiße Männer den Blues entdecken und ihn im Sinne des Sturms und Drangs deuten. Munk tut das ebenfalls. Ein wenig zumindest. Um damit jene Überzeugungskraft zu erreichen, die ihm vorschwebt, fragte er Jon Spencer als Produzenten an.

Mit dem Chef der Jon Spencer Blues Explosion verzog er sich in New York für eine Woche ins Studio. Einerseits eine Lehrer-Schüler-Situation, dann aber auch nicht. Spencer, erzählt Munk in einem Interview, war einer der wenigen, die die Frage, ob Munk, den Blues spielen dürfe, nicht stellten. Jeder darf, wenn er kann.

Munk kann. Das Zutun von Jon Spencer ist seinem zweiten Album anzuhören. Dabei versagt es sich Munk weitgehend, den Blues als bockigen Hengst zu interpretieren, der noch zuzureiten ist. Dass er das natürlich kann, zeigen Lieder wie Reeperbahn. Dem sind Einflüsse anzuhören, die von Tom Waits über die Black Keys zu den White Stripes reichen. Hier könnte man Munk schon abnicken, aber es kommt dann doch besser, eigenständiger.

Patina und Juke Joints

Viele seiner Lieder sind im Midtempo gehalten und legen viel Wert auf Atmosphäre. Um das anvisierte Gefühl einzufangen, bedient er sich auch bei Hörnern und Tasteninstrumenten und schafft so ein Klangambiente, das einerseits die Aura wackeliger Juke Joints in den US-Südstaaten beschwört. Da können einem die North Mississippi Allstars als Geistesverwandte in den Sinn kommen.

Andererseits taucht die Patina der Produktionen Joe Henrys auf. Munk erweist sich so als Bluesästhet, der den schmalen Grat zwischen Dreck und Schönheit meistert, ohne dass es nach Kraftanstrengung klingt.

Musik war immer in Munks Leben. Schon wegen seines Vaters, der ihm immer Platten vorgespielt hat: die Rolling Stones, die Beatles, dies, das. Später verzog Jesper sich wenig altersgemäß in Plattenläden und nahm von dort alte Bluesalben mit nach Hause, von Typen wie Charley Patton oder Sonny Boy Williamson oder von Lee Moses, einem Giganten des Deep Soul.

Deren Direktheit hat es ihm angetan. Irgendwann ergab sich sogar seine Chorstimme seiner Leidenschaft, kippte und wurde tiefer und brüchig. Er verdingte sich als Straßenmusikant, spielte in Clubs, wurde entdeckt, sein zweites Album erscheint nun beim Major Warner.

Neben den Rumplern sind es vor allem die Schleicher, mit denen Munk gewinnt. Da werden in Soldiers of Words faul die Tasten gedrückt, der Bass schnarcht im Stehen, Munks Stimme windet sich dazwischen, haucht dem Lied Gefühl und Geräusch ein. Die Produktion ist dreckig, es knistert. Das bleibt so, Claim ist ein super Album, auch seine Interpretation von Randy Newmans Guilty geht runter wie Bier.

Nach seinem Debüt wurde ihm vom Bravo eine große Zukunft in Aussicht gestellt. Das war nicht falsch. Dass die geschätzte Leserschaft mit Claim viel anzufangen weiß, muss hingegen bezweifelt werden. Gut für ihn, gut für uns. (Karl Fluch, DER STANDARD, 2.4.2015)

Jesper Munk live: 28. 4., Chelsea, 8., Lerchenfelder-Gürtel-Bögen 29-32, 21.00

  • Jesper Munk in der Blues-Montur. Der Münchner legt mit "Claim" ein super Album vor. Demnächst spielt er in Wien.
    foto: warner

    Jesper Munk in der Blues-Montur. Der Münchner legt mit "Claim" ein super Album vor. Demnächst spielt er in Wien.

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