Ringelshirts: In die Breite gehen

Kolumne2. April 2015, 07:23
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Zum Glück hat sich das Ringelshirt nie etwas daraus gemacht, dass Querstreifen als Dickmacher gelten. Nicht zuletzt dafür hat es sich seinen Platz im Kleiderkasten verdient

Querstreifen werden gern als Dickmacher verunglimpft. Von dieser Behauptung, die von den Frauenmagazinen hartnäckig befeuert wird, lässt sich das Ringelshirt nicht unterkriegen. Und hat sich dank seines Durchhaltevermögens einen festen Platz in den Kleiderkästen erobert. Man kann sogar behaupten, dass an seinen Status heute fast kein anderes Kleidungsstück herankommt. Mittlerweile gilt der Querstreif nämlich als Dauerbrenner, Klassiker, unkaputtbar zwischen all den Trends, die sich die Klinke in die Hand geben.

Einer, der sich die Horizontale immer wieder zur Brust nahm: ein kleingewachsener Spanier mit Glatze. Was wären Pablo Picassos Atelierporträts ohne seine vielen gestreiften Oberteile?

foto: apa/epa/christians
Auch die Picasso-Skulptur des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan, die bei der am Mittwoch eröffneten Picasso-Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg gezeigt wird, trägt Ringelshirt.

Dabei war das Streifenshirt Mitte des 19. Jahrhunderts noch alles andere als das Lieblingskleidungsstück pinselschwingender Vordenker. Damals trug die französische Marine 21 Streifen auf weißem Oberteil für den Ernstfall. Wenn es hieß: "Mann über Bord"", sollten diese auf hoher See vor dem Untergang bewahren. Die Idee mit den Signalstreifen über der Brust haben dann auch die Fischer in der Bretagne übernommen. Und damit irgendwann Schöngeister wie Coco Chanel inspiriert. Die machte sich das Oberteil der einfachen Arbeiter 1917 zu eigen.

In diesem Frühjahr bleibt es allerdings nicht beim simplen, ewig gleichen Streifenshirt à la Coco. Muss ja auch nicht sein. Mit so etwas demonstrieren mittlerweile ja sogar Mitglieder des britischen Königshauses Bodenständigkeit. Beweise gefällig? Herzogin Kate beim Einkaufswagenschieben, mit Söhnchen George, beim Bootsrennen. Die Message an die Öffentlichkeit: Wer ein Streifenoberteil mehrmals trägt, hält die Pfunde beisammen. Eine solche Strategie ist natürlich genauso bieder wie die Trägerin.

foto: reuters/fuentes
Streifen bis zu den Zehen: die Sommerkollektion von Chanel.

Dann doch lieber zur Abwechslung die Unvernunft regieren lassen. Und klotzen statt kleckern. Das haben die Designer auf den Laufstegen auch schon vorgemacht. Da erfährt das Geringel eine Steigerung, die sich gewaschen hat. Bei Céline drehen sich bunte Streifen vom Halsausschnitt bis zum Saum um die schmalen Strickkleider, bei Chanel werden geringelte Stiefel mit gegürteten Cardigans kombiniert. Eine überzeugende Aufforderung, mal wieder in die Breite zu gehen. (Anne Feldkamp, derStandard.at, 2.4.2015)

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  • Auch Kate Moss ist gern im Ringelshirt unterwegs – hier mit Cara Delevingne bei einer Veranstaltung in Paris.
    foto: ap/mori

    Auch Kate Moss ist gern im Ringelshirt unterwegs – hier mit Cara Delevingne bei einer Veranstaltung in Paris.

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