Ein Metaller für die Küche

3. April 2015, 09:00
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Aus einer kleinen Werkstatt entstand in Vorarlberg der größte Industriebetrieb der Region. Die Julius Blum GmbH erfindet neue Beschlagprodukte für Möbel

Wer sich eine neue Küche kauft, sollte zuerst eine Probefahrt machen. Kein Witz, in Vorarlberg kann man das. Im Schauraum von Blum in Dornbirn schiebt man mobile Küchenelemente hin und her, bis man weiß, wo man was in der neuen Küche haben möchte.

Hintippen, und es öffnet sich der Schrank, hintippen, schon kommt einem die Schublade entgegen. Lautlos, Vollauszug. Eine sanfte Berührung, und die Lade ist wieder zu. Lautlos, eben Blumotion. "Bewegung ist erlebbar" , sagen die findigen Experten für optimales Schrankinnenleben. Weil die Techniker anscheinend recht autoaffin sind, gibt es die Laden und Klapptüren auch mit "Servo Drive", womit das Schließen per Druck auf den Stromschalter gemeint ist.

Blumotion, Servo Drive, Aventos, Tandem - das sind nur einige blumige Begriffe für rund 1200 Patente, die Blum hält. Der Erfindergeist der Höchster scheint unerschöpflich. Jedes Jahr kommen 50 Patente dazu.

Pferdehuf am Anfang

Den Anfang setzte Julius Blum 1952. Der Huf- und Wagenschmied aus dem kleinen Rheindelta-Dorf Höchst entwickelte Stollen für Pferdehufe als Gleitschutz. Ein Blick über die nahe Grenze in die Schweiz, wo in den 1950er-Jahren nicht nur Kaffee und Nudeln besser als in Österreich waren, sondern auch die Möbel, ließ Blum vom Tier zu den Möbeln wechseln. Er fertigte die ersten Möbelbänder für Fenster, Türen und Kästen. 1964 wurde dann von Blum das erste verdeckte Möbelscharnier entwickelt, und schon ging's los mit dem Exportgeschäft. Erste Auslandsniederlassungen entstanden.

20 Jahre später baute Blum die erste Produktionsstätte in den USA. Heute hat die Blum Gruppe weltweit 27 Tochtergesellschaften und Repräsentanzen; produziert wird in sieben Vorarlberger Werken (das achte Werk, in Dornbirn, ist in Planung), in Polen, den USA und in Brasilien.

Aus der Werkstatt des Julius Blum wurde ein internationales Unternehmen, das aktuell 6525 Menschen beschäftigt, 4949 davon in Vorarlberg. Pro Mitarbeiter wurden 2013/2014 232.800 Euro an Umsatz erwirtschaftet. Hauptmärkte sind Europa mit 49 Prozent und die USA mit 14 Prozent. Insgesamt steigerte die Blum Gruppe ihren Umsatz um 9,4 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

Zahlen zum Ergebnis sind aus dem Höchster Headquarter nicht zu erfahren. Denn die Julius Blum GmbH ist nach wie vor ein Familienunternehmen, das nicht börsennotiert ist. Die Brüder Herbert und Gerhard Blum besitzen je 26 Prozent, die Blum Privatstiftung 48 Prozent.

Für Geschäftsführer Gerhard E. Blum, 1954 geboren, als Vater Julius gerade seine Stollen entwickelt hatte, ist die traditionelle Besitzstruktur einer der Erfolgsfaktoren von Blum. Sie garantiere Kontinuität: "Wir versuchen das Unternehmen langfristig für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhalten. Das war schon der Leitspruch von Julius Blum", sagt Gerhard E. Blum, der das Unternehmen in zweiter Generation führt.

Gut ausgebildete Mitarbeiter

Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Vorarlberg und internationale Ausrichtung sind weitere Leitlinien des Unternehmens. "Die Basis des Erfolgs sind aber unsere gut ausgebildeten Mitarbeiter", sagt Blum.

Gegen den Fachkräftemangel kämpft Blum seit Jahren mit Lehrlingsoffensiven an. Ein Ausbildungszentrum in Höchst wurde geschaffen, ein weiteres in den USA. Lehrplätze bei Blum sind begehrt, aber anspruchsvoll. 279 Lehrlinge werden aktuell ausgebildet, 14 davon in Lowesville (North Carolina), wo Blum die duale Ausbildung, Made in Austria, etabliert hat. Wie in Höchst kümmern sich auch hier hauptamtliche Lehrlingsausbildner um den Firmennachwuchs.

In der Chefetage hat man kein Nachwuchsproblem, die dritte Generation beginnt sich in das Unternehmen einzuleben. Gerhard Blums Sohn Philipp wurde formal in die Geschäftsleitung aufgenommen, ebenso sein Cousin Martin. Der kümmert sich wie sein Vater Herbert, der sich im Vorjahr aus dem operativen Bereich zurückgezogen hat, um das Technische. "Der jeweilige Generationswechsel wurde und wird von langer Hand vorbereitet" , sagt Firmenchef Gerhard E. Blum. So wird es noch einige Jahre dauern, bis die Jungen das Steuer übernehmen. (Jutta Berger, DER STANDARD, 2.4.2015)

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