Umwidmungsstopp bei Betriebsgeländen gefordert

2. April 2015, 09:55
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Ganz ohne Industrie und Gewerbe geht es nicht: Mit dem Städteboom stehen Politik und Stadtentwicklung vor der Herausforderung einer Reindustrialisierung, zulasten eines ausschließlichen Wohnbaus

Wien - Auch in Österreich zeigt sich die Urbanisierung: Rund zwei Drittel der Bevölkerung leben in Städten, in der Hauptstadt sollen in weniger als zwanzig Jahren zwei Millionen Menschen wohnen. Die Zahl der Industriebetriebe und ihrer Beschäftigten ist in Wien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Insgesamt umfasst der produzierende Bereich (Industrie und Gewerbe) mehr als 8000 Unternehmen mit rund 135.000 Beschäftigten. Die Fläche, die den produzierenden Betrieben gewidmet ist, ist laut Wirtschaftskammer Wien (WKW) von 2001 bis 2014 um 16,5 Prozent geschrumpft.

Die WKW spricht sich daher für einen Umwidmungsstopp von Betriebsgebieten aus. Auch Rudolf Scheuvens, Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien, sieht in der übermäßigen Umwidmung von Produktionsflächen für den Wohnbau eine gefährliche Entwicklung. "Auf Dauer könnte man so die Zukunftsperspektiven für industrielle Ansiedlungen in Wien verbauen."

Bestehende Industrieflächen müssten in der Stadt gehalten werden. Denn Neuwidmungen seien aufgrund der Anforderungen an Flächengröße und Infrastrukturqualität nicht einfach. Ebenso seien die bestehenden Kategorien der Flächenwidmung problematisch. "Die formal starke Trennung von Flächen für den produzierenden Bereich von anderen gestaltet die Zusammenlegung von verschiedenen Nutzungen oft schwierig", so Scheuvens. Emittierende Schwerindustrie habe weiterhin keinen Platz in Wohngebieten.

Smart City

Die Zusammenführung von Industrie und Gewerbe mit Wohnbau- und Büroflächen wird in Wien durch Projekte wie Seestadt Aspern, Standpunkt Liesing oder Neu Marx forciert. Dabei wird vor allem auf die Schaffung neuer Stadtquartiere und die Nutzung von alten Industriebrachen gesetzt. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Konzepte der Smart City und der Industrie 4.0.

Die neuen Wiener Stadtteile sollen als Maßnahmen des Standortabkommens zwischen Industriellenvereinigung Wien und Stadt Wien, das im Rahmen des Stadtentwicklungsplans 2025 läuft, für die Belebung der Industrie sorgen. So wird in Aspern zukünftig ein Mix aus Wohnbau, Gewerbe, Industrie, F&E-Einrichtungen, Dienstleistungsunternehmen und Natur in einem Quartier vereint. Etwa die Hälfte der Baufläche ist dort gewerblicher und industrieller Nutzung vorbehalten. Als erster Großbetrieb hat sich das Schweizer Technologieunternehmen Hoerbiger Holding in der Seestadt niedergelassen.

Viertel Zwei in der Krieau

Projekte wie Viertel Zwei in der Wiener Krieau fokussieren hingegen mehr auf Wohnbau und Bürogebäude. Davon, dass die Antwort auf das stetige Bevölkerungswachstum nicht allein im Wohnbau liegen kann, ist Scheuvens überzeugt. "Die Fragen nach Wohnbaustandorten und der Leistbarkeit des Wohnens sind enorm wichtig. Allerdings darf die Frage nach der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Umgang mit gewerblichen und industriellen Nutzungen in der Stadt nicht vernachlässigt werden." Als Teil der Stadt könnten Industriebetriebe Arbeitsplätze sichern und maßgeblich zur Wertschöpfung und Stabilität der Stadt beitragen.

Um die Ansiedlung von Industrie in der Stadt zu forcieren, ist laut Michael Getzner, Department Raumplanung an der TU Wien, der Einfluss unmittelbarer Standortfaktoren relevant. "Neben der Bereitstellung von Infrastruktur und der Sicherung von Flächen für die Industrie spielt vor allem die Bildung eine große Rolle." Die Industrie biete Jobs mit unterschiedlichsten Qualifikationsniveaus, wobei sich gerade im technischen Bereich die Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte lohne. (Valerie Uhlmann, DER STANDARD, 2.4.2015)

  • Nicht nur Wohnungen und Bürobauten sollen neue Stadtentwicklungsprojekte umfassen. Auch für Industrie und Gewerbe soll Platz sein. Hier das Stadtquartier Viertel Zwei.
    foto: johannes zimmer

    Nicht nur Wohnungen und Bürobauten sollen neue Stadtentwicklungsprojekte umfassen. Auch für Industrie und Gewerbe soll Platz sein. Hier das Stadtquartier Viertel Zwei.

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