Produktion in Wien: Von Hightech bis Exoten

7. April 2015, 09:00
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Längst ist produzierende Industrie aus der Hauptstadt gewichen, möchte man meinen. Doch das stimmt nicht. Es tut sich ordentlich was - im Großen wie im Kleinen

Städte sind heutzutage nicht mehr der ideale Platz für große Produktionsstätten. Bestenfalls die Verwaltungs-Headquater von Industrien befinden sich noch hier. Das ist in Wien nicht anders, obwohl in dem Buch des Journalisten Reinhard Engel vierzig Unternehmen beschrieben werden, von denen einige noch immer einen ihrer Produktionsstandorte in Wien haben.

Dabei handelt es sich nicht nur um bekannte Konzerne wie das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, den Elektronikkonzern Siemens oder die Tochtergesellschaft des kanadischen Zug- und Flugzeugbauers Bombardier. Auch ein ansehnlicher Technologieschwerpunkt ist in Wien zu finden: Frequentis, Kapsch oder TTTech. Alle sind in hohem Maße exportorientiert, und zwar, wie Engel ausführt, nicht nur in die typischen Märkte rund um Österreich, sondern auch nach Übersee.

In kurzen, sehr lesbaren Geschichten, bei denen häufig Sympathie für die beschriebene Firma mitschwingt, werden Historie und das jeweilige Businessmodell erklärt. Sehr oft sind die Firmen solche Mittelstandsunternehmen, wie sie für Österreich so typisch sind. Sehr oft haben sie sich auf eine genau definierte Nische spezialisiert.

Da ist etwa der Spezialmaschinenbauer Starlinger, der mit seinen Sackwebanlagen auf den exotischsten Märkten zu Hause ist. Von Kaffee über Reis bis hin zu Zement wird in den Säcken verpackt und transportiert. Das Gründungsjahr von Starlinger: 1853. Seit kurzem wird ein neuer Geschäftszweig mit Recyclinganlagen aufgebaut.

Oder da ist Ottobock, ein deutscher Produzent von Hightechprothesen. Von 600 Mitarbeitern wird in Wien gefertigt ebenso wie geforscht. Die Produktion für die Prothesen ähnle in ihrer Präzision der Herstellung von Schweizer Uhren, schreibt Engel.

Industrieller Kern

Es sind interessante Unternehmen, die für das Buch zusammengetragen wurden. Was dem an Wirtschaft interessierten Leser jedoch fehlt, sind fixe angegebene Kennzahlen, um einen Vergleich innerhalb der beschriebenen Wiener Firmen möglich zu machen: Mitarbeiterstand, Exportquote, Eigentumsverhältnisse ...

Ein industrieller Kern ist für die Stadtökonomie von allergrößter Bedeutung, weiß die Forschung. Überhaupt ist die Deindustrialisierungsthese der letzten Jahre ins Wanken geraten. In der Vergangenheit hatten reife Märkte wie die in Mitteleuropa fast ausschließlich ihr Heil im Dienstleistungssektor gesehen. Dies ist obsolet geworden.

Im ständigen Strukturwandel steht Wien derzeit bei einer erheblichen Dichte an innovationsstarken Unternehmen, beweist dieser Bildband. (DER STANDARD, 2.4.2015)

  • Bei einem Buch über die Firmen Wiens darf der Schnittenproduzent Manner nicht fehlen. Das Unternehmen hat es geschafft, in der von weltweit agierenden Lebensmittelkonzernen dominierten Süßwarenindustrie nicht von einem Multi geschluckt zu werden. Versuche dazu gab es in der Vergangenheit. Ebenso charakteristisch ist die Wiener Schneekugelmanufaktur. Was über das kleine Unternehmen nicht bekannt ist: Rund 80 Prozent dieser mit Wasser gefüllten Kugeln werden exportiert - nach Japan, in die USA und in den Nahen Osten. Liebstes Motiv: Weihnachts- und Winterszenen.
    foto: standard/cremer

    Bei einem Buch über die Firmen Wiens darf der Schnittenproduzent Manner nicht fehlen. Das Unternehmen hat es geschafft, in der von weltweit agierenden Lebensmittelkonzernen dominierten Süßwarenindustrie nicht von einem Multi geschluckt zu werden. Versuche dazu gab es in der Vergangenheit. Ebenso charakteristisch ist die Wiener Schneekugelmanufaktur. Was über das kleine Unternehmen nicht bekannt ist: Rund 80 Prozent dieser mit Wasser gefüllten Kugeln werden exportiert - nach Japan, in die USA und in den Nahen Osten. Liebstes Motiv: Weihnachts- und Winterszenen.

  • Reinhard Engel, "Wien global. Unternehmen im weltweiten Wettbewerb". Echomedia 175 Seiten, Euro 39,90
    foto: verlag

    Reinhard Engel, "Wien global. Unternehmen im weltweiten Wettbewerb". Echomedia 175 Seiten, Euro 39,90

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