Sterbehilfe: 60 Prozent für Legalisierung

1. April 2015, 11:52
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Selbstbestimmung bis zum Schluss - eine sozialmedizinische Studie der Med Uni Graz zeigt neue Trends in der Diskussion

Aktuelle Ergebnisse einer schriftlichen Umfrage im Auftrag des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med Uni Graz schaffen eine neue Grundlage für die Sterbehilfediskussion in Österreich und liefern Daten, wie sich die Mehrheit der Österreicher und Österreicherinnen das eigene Lebensende vorstellt.

Entgegen der im Frühjahr 2014 durchgeführten persönlichen Befragung, liefert die erstmals schriftlich durchgeführte Erhebung andere Ergebnisse: So sprechen sich rund 60 Prozent der Befragten für die Legalisierung der Tötung auf Verlangen aus – wenngleich auch unter der Einhaltung bestimmter Voraussetzungen. Vor allem die gelebte Religiosität bestimmt die grundsätzliche Einstellung zu diesem Thema maßgeblich. In Gedanken an das eigene Lebensende treten vor allem Angehörige und nahe stehende Personen in den Vordergrund.

Die Studie im Detail

1.200 Personen nahmen an der repräsentativen schriftlichen Umfrage zum Thema Sterbehilfe teil, welche das Marktforschungsinstitut Gfk Austria im Auftrag der Med Uni Graz durchgeführt hat. "59 Prozent sprachen sich für eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen aus, 34 Prozent votierten für ein grundsätzliches Verbot – sieben Prozent der Befragten konnten sich nicht für oder gegen ein Verbot entscheiden", fasst Studienleiter Willibald Stronegger, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med Uni Graz, die Ergebnisse zusammen.

Unerträgliches schweres Leiden ohne Aussicht auf eine Genesung, sowie der wiederholte Wunsch nach aktiver Sterbehilfe stellen solche "Voraussetzungen" zur Legalisierung der Sterbehilfe dar. Der Anteil an unentschlossenen Personen war demnach deutlich geringer, als in der persönlichen Befragung aus 2014 (15 Prozent).

Auch die anderen Ergebnisse zeigen Unterschiede: 2014 befürworteten 47,5 Prozent der Befragten die aktive Sterbehilfe im persönlichen Interview, 37,5 Prozent forderten ein generelles Verbot.

Strafffreiheit tendenziell befürwortet

Erstmals wurden den Befragten in der vom Land Steiermark geförderten Erhebung folgende Antwortalternativen angeboten: Einerseits ein ausnahmsloses Verbot der aktiven Sterbehilfe mit Bestrafung, andererseits zwar ein generelles Verbot, jedoch mit der Option auf Straffreiheit bei besonders schwer leidenden PatientInnen. Von den strikten Verbotsbefürwortern sprachen sich fast alle für die Option auf Straffreiheit aus – lediglich drei Prozent der gesamten Stichprobe votierten für ein striktes Verbot ohne Straffreiheit.

Die Möglichkeit der selbstbestimmten Lebensbeendigung mittels Beihilfe zur Selbsttötung - dem Patienten wird ein tödliches Medikament zur Selbsteinnahme ärztlich beigestellt - wird von 39 Prozent der Befragten strikt abgelehnt. 53 Prozent der gesamten Befragten sprechen sich für eine Legalisierung dieser Methode aus. Damit ist die Akzeptanz des ärztlich assistierten Suizids im Allgemeinen niedriger als es in Bezug auf die aktive Sterbehilfe der Fall ist. Aber auch hier votieren lediglich fünf Prozent der Befragten auf ein Verbot ohne Möglichkeit zur Straffreiheit unter Berücksichtigung besonders schwerwiegender Einzelschicksale.

Religiosität ist bestimmend

Erstmals wurde in der aktuellen Studie auch die Religiosität – kirchlich als auch außerkirchlich – der Befragten mittels Religiositäts-Index erhoben. Demnach besitzt Religiosität für 25 Prozent der Befragten keinerlei Bedeutung. "In dieser Gruppe überwiegt die Zustimmung zur Liberalisierung der Sterbehilfe sehr deutlich mit 80 Prozent Zustimmung", so Stronegger. Stellt man diesen Personen die Gruppe der 25 Prozent mit der höchsten Religiosität gegenüber, so geht die Tendenz in Richtung eines strikten Verbotes der Sterbehilfe (55 Prozent).

Außerdem konnte Stronegger erstmals die unabhängige Rolle von meta-ethischen Grundüberzeugungen nachweisen. "Personen, die ethische Maßstäbe als reine gesellschaftliche Konvention sehen, stimmen zu über 70 Prozent für eine Legalisierung. Das Verbot befürworten jene stärker, die an universell verbindliche Maßstäbe für Gut und Böse festhalten", fasst Willibald Stronegger zusammen. Ein Drittel der Befragten hegt die Befürchtung, dass eine Legalisierung der Sterbehilfe zur missbräuchlichen Anwendung bei Alten und Schwachen führen könnte. In diesem Drittel überwiegt die Zustimmung zum Verbot deutlich.

Rückhalt und Schmerzfreiheit

"Schmerzfreiheit, Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Privatsphäre, das wünschen sich die Befragten zum Lebensende", so Willibald Stronegger. Zusätzlich spielen der Wunsch nach dem Abschiednehmen von wichtigen Personen und familiärer Rückhalt am Lebensende eine große Rolle.

Die geringste Bedeutung wurde dem Wunsch, das Leben so lange wie möglich zu verlängern, beigemessen. "Etwa zwei Drittel der Befragten wünschen sich im Kreis der Familie sterben zu dürfen", berichtet Willibald Stronegger. Je nach Religiosität unterscheiden sich die weiteren Wunschpersonen: 26 Prozent aus dem am stärksten religiösen Viertel sehnen sich nach der Anwesenheit eines Priesters, alleine sterben möchte jeder Fünfte im nicht-religiösen Viertel bzw. jeder Zehnte der übrigen Befragten.

Die Ergebnisse der Studie untermauern die Rolle der Angehörigen am Lebensende. Dabei geht es vordergründig nicht um versorgungsspezifische Leistungen, sondern vor allem um Kommunikation und Beistand. Die Ergebnisse zu den Wünschen für das Lebensende weisen eindeutig darauf hin, dass die Mehrheit der Befragten gerne zu Hause im Kreise der privat nahe stehenden Personen sterben möchte. (red, derStandard.at, 1.4.2015)

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