Österreichs gestaffelter Spielaufbau im Fokus

Analyse1. April 2015, 14:43
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Das Testspiel zwischen Österreich und Bosnien-Herzegowina am Dienstagabend endete mit 1:1 (1:0) und damit für beide Teams sportlich einigermaßen zufriedenstellend. Als Highlight der Fußballgeschichte wird das Match nicht in Erinnerung bleiben. Vor allem im Lauf der zweiten Hälfte mitsamt ihren vielen Wechseln wurde die Übung zunehmend zerfahren und sinnlos. Was man aber gewinnen konnte, ist die wenig überraschende Erkenntnis, dass Österreichs funktionierendes Einserteam zwar manche, aber nicht beliebig viele Ausfälle und Auswechslungen verkraftet.

foto: ballverliebt.eu

Beide Teams traten nicht in absoluter Bestbesetzung an. Bosnien-Herzegowina probierte einige neue Spieler aus und ließ zum Beispiel auch den sonst eher nur zum Kader gehörenden Sturm-Spieler Anel Hadzic auf das Feld. Marcel Koller ließ mit Suttner, Sabitzer, Wimmer und Keeper Özcan vier Leute spielen, die im Ernstfall bisher nicht erste Wahl waren. Mit Dragovic und Klein spielten nur zwei Stammspieler durch, wobei Ersterer das Spiel auf der ungewohnten Sechserposition beendete - wo er aber schon beim WM-Quali-Spiel 2013 in Schweden spielte.

Aber auch wenn sie nicht so konsequent und präzise wie gewünscht fertig gespielt wurden, konnte man natürlich zahlreiche wiederkehrende Aspekte des österreichischen Spiels beobachten.

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Gegen den Ball zeigte Österreich sein typisches Abwehr-4-4-1-1 mit einer ziemlich eng gesteckten Abwehrkette und einem etwas breiteren Mittelfeld. Vor allem Arnautovic ließ sich nicht von seinem Gegenspieler weglocken, während Sabitzer doch mehrmals einige Meter im Sprint zurücklegen musste, um das Vorrücken der Bosnier doch noch zu unterbinden. Die Folge: Die Bosnier wurden zwar selten, aber dann über die rechte Abwehrseite der Österreicher gefährlich.

Die Gäste wurden ansonsten in Pressingfallen gelockt, in denen der Ball erobert und dann flott nach vorne gespielt werden sollte. Liechtenstein bekam knüppelhart zu spüren, wie schnell das gehen kann. Gegen die Bosnier schränkte das ÖFB-Team zwar das Gegnerspiel erfolgreich ein, kam aber selbst kaum zu Chancen aus dem Umschaltspiel heraus.

Bosniens 4-4-1-1 gegen den Ball wurde im Angriff zu einem 4-3-3, indem sich Roma-Spieler Pjanic als Verbindungsspieler anbot und die beiden Außenspieler im Mittelfeld nach vorne rückten.

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Bosnien verzichtete auf aggressives Pressing aus dem Mittelfeld heraus. Wenn die Gäste in ihrem Abwehr-4-4-1-1 mit zwei Stürmern den Spielaufbau unterbinden wollten, stellte das ÖFB-Team einfach ein 3-4-3 her, indem ein Sechser in die Abwehr-Dreierkette kippte. So entging man auch teilweise der Manndeckung im Mittelfeld. Dabei war man gewohnt variabel. In diesem Beispiel kippt Alaba ab (abkippen = zwischen die Innenverteidiger zurückfallen).

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Dasselbe tat in vielen Fällen eben auch Baumgartlinger.

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Auch ein Sechser-Herauskippen (= neben die Innenverteidiger zurückfallen) war gelegentlich zu beobachten.

Einer der Vorteile dieser Dreierkette in der ersten Aufbauphase ist, dass Außenverteidiger gefahrloser aufrücken können. Zudem gerät man im Spielaufbau nur unter Druck, wenn der Gegner viele Spieler ins Pressing investiert, wodurch Räume im Zentrum entstehen, in denen sich neben dem zweiten eigenen Sechser zum Beispiel auch der reguläre Zehner Junuzovic anbieten und das Spiel schnell machen könnte.

Bosnien wollte diese Räume eben nicht preisgeben und hielt sich zurück. Dadurch entstand ein recht lahmes Spiel mit ungefährlichem Ballgeschiebe, weil auch der dritte Vorteil dieses Spielaufbaus - die Möglichkeit zum geduldigen Warten, bis eine Lücke für einen langen Ball in die Spitze aufgeht - selten genutzt beziehungsweise von den Bosniern antizipiert wurde.

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Gelegentlich ließ Bosnien auch nur Dzeko in seiner vordersten Abwehrlinie stehen. In diesem Fall verzichtete Österreich auf pendelnde Sechser und baute über ein 2-4-4 auf.

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Überspielte Österreich schließlich die beiden Stürmer, gingen die Sechser wieder mit nach vorne. Die Formation sah einem 4-2-3-1 wieder viel ähnlicher. Junuzovic bot sich an (oder rückte Richtung Janko auf), der weiter vom Ball entfernte Flügelspieler näherte sich Janko (für den Fall, dass der einen Ball verlängert oder ein direkter Pass hinter die Abwehr gelangt). An guten Tagen macht das für Österreich eine erkleckliche Zahl an Pass-Optionen auf, an einem regnerischen Tag in einem bedeutungsarmen Testspiel gegen einen abwartenden Gegner passierte hingegen wenig.

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Wenn Österreich doch ins Angriffsdrittel kam, sicherte man gegen Konter (und insbesondere Dzeko) mit drei Spielern ab. Szenen in Tornähe generierte man vor allem über den linken Flügel mit Arnautovic. Sabitzer und Suttner fielen offensiv praktisch nicht auf, Klein probierte gelegentlich Flanken ohne Effekt.

Ein kurzer Exkurs in die wunderbare Welt des theoretischen Rasenschachs: In einem Spiel, in dem mehr Risiko nötig gewesen wäre, hätte sich wohl auch der absichernde Sechser mehr ins Angriffsspiel eingeschaltet. Ein Gegner, dem das nicht schmeckt, könnte die Stakes wiederum mit einem zweiten lauernden Offensivmann erhöhen.

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Die riskante Phase im österreichischen Aufbau war das Umschalten aus dem Mittelfeld in die letzte Aufbauphase vor dem Gegnertor. In diesen Momenten ist man für Gegenstöße am anfälligsten. Da beide Teams wenig Zeit im Angriffsdrittel verbrachten, kam es selten dazu und damit auch zu wenigen derartigen Fehlern.

In diesem Fall aber brachte Dragovic per Pass Sabitzer in eine schwierige Situation, umzingelt von drei Gegnern. Der nicht zur Stammformation zählende Salzburger, der im ganzen Spiel merkbare Probleme mit Anbindung, Automatismen und Positionierung hatte, suchte trotzdem den Weg nach vorne und blieb prompt in einem Dribbling hängen.

Bosnien drückte sofort aufs Tempo, Österreich funktionierte aber in der neuerlichen Umschaltbewegung nach hinten gut, und Alaba konnte schließlich noch vor der Abwehrreihe einem gegnerischen Spieler den Ball ablaufen.

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Immer wieder zu sehen war natürlich auch das Trademark-Überfallspressing der Koller-Elf. Bei einigen Toren gegen Liechtenstein ging es dem Erfolg voraus, auch das 1:0 gegen Bosnien entstand aus einer solchen Situation. Nach einem unbedachten Einwurf von Zukanovic gingen Sabitzer und Baumgartlinger gegen Medunjanin sofort drauf, Junuzovic und Janko stellen die Passwege zu. Der Mainzer eroberte den Ball, und Junuzovic und Janko sorgten für die Führung.

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Dieses Pressing ist aber natürlich immer ein kalkuliertes Risiko. Wenn man Spieler zum hohen Attackieren investiert, gibt man im Rücken dieser Spieler natürlich gleichzeitig Räume preis, die nicht immer sofort gefüllt werden können. Es passierte in der ersten Hälfte mit dem ÖFB-Einsermittelfeld nicht oft, dass das für Probleme sorgte.

In diesem Fall ging das Pressing in allen Staffelungen aber schief, Bosnien verlagerte das Spiel auf die anfälligere rechte Abwehrseite der Österreicher (über die auch das etwas unglückliche, aber in der Folge verdiente 1:1 fiel und Dzekos Großchance auf den Sieg entstand), und Klein wurde überspielt.

Die risikoaversen Bosnier hatten aber zu wenige Spieler vorne, um die immer noch gut gesicherten Österreicher zu gefährden. Der immer wieder überragende Dragovic montierte schließlich Dzeko im eins gegen eins ab. Nach Möglichkeit organisierte Dragovic sich auch immer wieder Absicherung durch Wimmer gegen den bosnischen Starstürmer.

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Auch in dieser Situation ging das Pressing im Zentrum schief und ließ eine größere Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld.

Die Bosnier kamen nun unbedrängt und mit Tempo auf die Abwehr zu - was eine Verteidigung stets in Gefahr bringt -, spielten den Angriff aber schließlich über ihren linken Flügel nicht präzise genug aus.

Zum Tor in der zweiten Hälfte führte allerdings ziemlich genau dieselbe Situation (ein überspieltes Zentrum und ein Pass nach links).

Das ist eine potenzielle Bruchstelle im österreichischen Spiel. Zu verhindern wären diese konkreten Situationen zum Beispiel über eine weiter aufrückende Abwehr, was seinerseits aber natürlich andere Gefahren mit sich brächte. (Tom Schaffer, derStandard.at, 1.4.2015)

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