Zunehmende Systemverdünnung

1. April 2015, 02:52
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In einem waschelnassen Prater zeigte Österreichs Nationalteam beim Vergleich mit Bosnien nach dem Abgang einiger Koryphäen deutlich Wirkung

Ramazan Özcan: Österreichs Nummer zweieinhalb zwischen den Pfosten wurde nach sechs Minuten die erste Aufgabe gestellt. Sie entpuppte sich in Gestalt eines von Izet Hajrovic abgegebenen Distanzschusses als dankbare und wurde vom Ingolstädter entsprechend makellos einer Lösung zugeführt. In der Folge nur gelegentlich zu Aktivität veranlasst, überwog hierbei ganz deutlich der Eindruck einer beruhigenden Abgeklärtheit. Auffällig gepflegte Fertigkeiten beim Spiel mit dem Fuß, wo erfreulicherweise dem kontrollierten Zuspiel der Vorzug vor dem kopflosen Abschlag eingeräumt wurde. Beim Ausgleichstreffer ohne Möglichkeiten.

Florian Klein: Abstimmungsprobleme mit dem ungewohnten Vordermann Marcel Sabitzer. Auf seiner, der rechten österreichischen Seite offenbarte sich dem Gegner ein Einfallstor. Dieses öffnete sich mit zunehmender Spieldauer (und ebensolchen Personalrochaden) eher noch weiter. Hatte mit Ervin Zukanovic gut zu tun; ein Überlaufen des Stuttgarters durch dessen flottes Gegenüber hatte eine große Chance Edin Dzekos zur Folge - und auch der Ausgleich durch Hajrovic erfolgte aus dem Klein-Raum. Sein einziger entschlossener Vorstoß endete, als die Partie sich bereits ihrem Finale zuneigte, mit einer Flanke direkt auf Gegners Haupt.

Kevin Wimmer: Der Dragovic-Adjutant in der Innenverteidigung absolvierte sein zweites Länderspiel und machte seine Sache ganz manierlich. Ließ im Zusammenwirken mit dem souveränen Nebenmann nichts zu, bei der Spieleröffnung legte sich der Kölner strenge Zurückhaltung auf und setzte im Zweifelsfall mit Vorliebe auf die Horizontale.

Aleksandar Dragovic: Hatte ein immer waches Auge auf Dzeko, mit dem er zumeist eine überaus enge Tuchfühlung pflegte. An der sehr körperlichen Erscheinung des Teflon-Titans perlte auch der der bosnische Goalgetter wirkungslos ab. Cool genug, sich ballführend eine störende Haarsträhne aus dem Blickfeld zu streichen. Elegante Unüberwindlichkeit bleibt sein Markenzeichen. Fälschte in ehrlicher Rettungsabsicht den Schuss Hajrovics unhaltbar ab. Nach diversen Umstellungen in der zweiten Halbzeit ins defensive Mittelfeld exiliert.

Markus Suttner: Ließ, linkerhand in der Viererkette, in seiner Kernkompetenz nichts anbrennen. Initiativen ins Offensive fanden dagegen nicht statt. In Folge der ausgewechselten Hackordnung wurde ihm in der Nachspielzeit, wohl auch zur eigenen Überraschung, die Ehre einer Corner-Exekution zuteil. Über deren Details wird an dieser Stelle ein Mantel des Schweigens gebreitet.

Julian Baumgartlinger: Stellte als Abfangjäger für alle Fälle wie gewohnt dauerscharf seinen Mann. Bestach durch ausgeprägtes Raumgefühl, das seinen Laufwegen beeindruckendes Timing und Präzision verlieh. Setzte bei der Gefahr bosnischer Breaks ein ums andere Mal ungeniert auf hinterrücks verabreichte Schubser, um derart das Gleichgewicht der Gegner - durchaus effektiv - zu erschüttern. Die immense Bedeutung von Old Lungenflügel für das Funktionieren der Kollerschen Pressingvorstellung wurde nach seinem Abgang offenbar, als Bosnien zunehmende Deutungshoheit über das Mittelfeld erlangen sollte.

Zlatko Junuzovic: Wie üblich Vorzugsschüler in Sachen Kilometerspeisen. Zum Glück ist dieses für die schlanke Linie unbedenklich, man müsste den Bremer andernfalls wohl rollen. Sein Wille zum Ballgewinn sprengte alle Grenzen und ließ ihn auch vor der Bestürmung des gegnerischen Goalies nicht haltmachen. Trotz aller dynamischen Eifrigkeit aber ging das Auge für den Nebenmann beileibe nicht flöten, die wunderbare Initialisierung Jankos vor dessen 1:0 war dafür an diesem Abend das schönste Exempel.

David Alaba: Sein Abschmieren zwischen die Innenverteidigung bei Spieleröffnung ist mittlerweile zu einem weithin bekannten Gemeinplatz herabgesunken. Diesmal aber wurde dieses Verhalten auf die Spitze getrieben: als letzter Mann schaltend und waltend, erschien er - besonders in der Anfangsphase - als Libero des 21. Jahrhunderts. Selbstredend hinderte ihn dies nicht daran, sich jederzeit überall anders auf dem Feld ebenso zu materialisieren. Zog auch Corner und Freistöße an sich (letztere in enger Abstimmung mit Junuzovic), ehe er in der Pause angeschlagen die Segel strich.

Marcel Sabitzer: Zumeist rechts im Mittelfeld positioniert, zeigte sich der Salzburger in seinen Stellungnahmen desorientiert. Zu weit mittig verzogen, brachte der unweigerlich flankenwärts aufbrechende Raum den Kollegen Klein in die Bredouille, da sich dieser immer wieder gleich zwei dortselbst konsequent pickenden Bosniern gegenüber sah. Harmlosigkeit, Übereifer und eine gewisse Hastigkeit in der Aktion taten ein Übriges, um sein elftes Länderspiel zu einem wenig befriedigenden Vorkommnis verkümmern zu lassen.

Marko Arnautovic: Hatte seine zuletzt neugewonnene Dringlichkeit konserviert, um sie sogleich in hochintensive Zweikampfgestaltung zu sublimieren. War aber auch ohne weiteres dazu in der Lage, übergangslos auf die Effizienz der Wege umzudisponieren. Die Kunstpausen zwischen den energetischen Aufwallungen wurden schließlich immer umfänglicher.

Marc Janko: Auch er ist im so elastischen Andrückverbund des ÖFB längst angekommen und bestens integriert; Statik war vorgestern. Immer wieder fand sich auch die eigentlich vorgerückteste Position der rot-weißen Elf hinter dem Ball: anlaufend, oder immerhin mögliche Passlinien Bosniens durchkreuzend. Wuchs im Kopfballspiel regelmäßig über die Gegner hinaus. Mit seinem Spitz zwischen zwei Mann hindurch gelang ihm - vollgepumpt mit Selbstverständlichkeit aus australischen Ausbeuten - das Führungstor, und damit auch ein überaus willkommener Impuls zu einem Zeitpunkt, als die Partie sich anschickte, einem kultivierten Entschlummern anheim zu fallen. Schulterprobleme beendeten einen gelungenen Auftritt vorzeitig.

Eingewechselt:

Stefan Ilsanker (46.): Im Vergleich zu Alaba mit einer deutlich statischeren Spielanlage, verharrte der Salzburger konsequent in zurückgezogen-zentraler Stellung. Trotz einer vor Lebhaftigkeit nicht unbedingt überschäumenden Umschaltgeschwindigkeit war ein Genauigkeitsdefizit in der Passausführung ebenso unübersehbar, wie eine gewisse Phlegmatik im Attackieren des gegnerischen Ballführers. Impulse blieben aus, Österreichs Zentrale begann an Kontrollverlust zu laborieren.

Marco Djuricin (46.): Willig, aber isoliert, mehr als leere Meter blieben ihm nicht. Kein Torschuss, auch mangels brauchbarer Zuarbeit aus einem etwas aus der Fasson geratenen Mittelfeld.

Sebastian Prödl (62.): Bei erstbester Gelegenheit gleich mit Kopfballgelegenheit; vertrat hernach Dragovic ganz ordentlich.

Martin Harnik (62): Nötigte durch sein Erscheinen auf der angestammten linken Seite Sabitzer zu zumindest zeitweiliger Migration; nach einer lautstarken Beanstandung einer Laufwegsverwirrung in der Kollegenschaft kam jedoch nichts mehr.

Lukas Hinterseer (79.): Ließ gleich in seiner ersten Aktion Muhamed Besic aus nennenswerter Fallhöhe in schmerzhaftes Trudeln kommen und sorgte damit für zusätzliche Würze in einer ohnehin schon recht schmissig geführten Partie. Leistete danach dem einsamen Djuricin etwas Gesellschaft in vorderer Front.

Andreas Weimann (89.): Darf sich nun 14-facher Teamspieler nennen. (Michael Robausch, derStandard.at, 1.4. 2015)

  • Teamchef Koller sah mit an, wie seiner Auswahl im Verlauf des Vergleichs mit Bosnien etwas die Spannkraft abhandenkam.
    foto: apa/schlager

    Teamchef Koller sah mit an, wie seiner Auswahl im Verlauf des Vergleichs mit Bosnien etwas die Spannkraft abhandenkam.

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