Historiker: "Es geht auch um die Würde der Russen"

Interview3. April 2015, 05:30
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Russland-Kenner Karl Schlögel spricht Wladimir Putin jegliches staatsmännische Format ab. Von den Russen fordert er Verantwortung für sich und Respekt für die Ukrainer

STANDARD: "Putin ist zu klein für dieses große Land." Das sagten Sie in einem Interview mit dem STANDARD vor rund fünf Jahren. Sie meinten damit, dass Putin der Aufgabe, Russland gemäß seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln, nicht gewachsen sei. Inzwischen scheint es ja - ironisch umgedreht -, als sei Russland zu klein für den großen Putin.

Schlögel: Ich glaube, dass der Mann den Aufgaben, mit denen das Land konfrontiert ist, nicht gewachsen war, und ich glaube es jetzt umso mehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, was seither passiert ist. Zum Teil auch deshalb, weil ich bei der Charakterisierung von Personen eher zurückhaltend bin. Mich interessierte mehr, wie ein Land tickt. Inzwischen bin ich belehrt worden, dass Geschichte manchmal auf bestimmte Figuren zuläuft.

STANDARD: Die Ernstzunehmenden unter den sogenannten Putin-Verstehern meinen, man könne Russland nicht begreifen, ohne zu verstehen, wie Putin tickt. Will heißen: Der Kremlchef ist ein Produkt der russischen Geschichte und Kultur. Wäre es nicht Putin, dann wäre es eben ein anderer mit dem gleichen oder einem ähnlichen Gestus.

Schlögel: Offensichtlich ist Putin eine Figur, die eine bestimmte Erwartung erfüllt. Er macht Eindruck, tritt dynamisch auf und hart gegenüber dem Westen. Er hatte das Glück, für eine bestimmte Zeit den ungeheuren Reichtum verteilen zu können, der durch die Öl- und Gaseinnahmen nach Russland floss. Aber ich bleibe dabei: Er ist nicht der Mann, der aus diesem Glück etwas gemacht hätte, nämlich das Land für die wirklich dringenden Aufgaben zu mobilisieren. Stattdessen hat er diesen Krieg vom Zaun gebrochen.

STANDARD: In einer russischen TV-Dokumentation zum ersten Jahrestag der Krim-Annexion hat er sich ja sehr offen geäußert.

Schlögel: Wenn man ihn in dieser zweieinhalbstündigen Dokumentation sieht und hört, mit welcher Nonchalance, auch mit welcher polizeilichen Präzision er die Rettung von Janukowitsch (des gestürzten ukrainischen Präsidenten, Anm.) in allen Details schildert, dann bleibe ich erst recht dabei: Ein Staatsmann soll sich nicht mit diesen Dingen beschäftigen, mit dieser Kleinlichkeit in Polizeidetails und in Anbetracht einer Tragödie. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine war etwas für Russen eigentlich Unvorstellbares und ist es immer noch. Angesichts dieses Krieges, in dem es inzwischen über 6000 Tote und eine Million Flüchtlinge gibt, in dem es um das Schicksal eines ganzen Landes und letztlich auch Russlands geht, mit einer solchen Nonchalance im Sessel zu sitzen und Geschichten zu erzählen - das finde ich ungeheuerlich.

STANDARD: Der Schriftsteller Wiktor Jerofejew, dessen Vater Dolmetscher Stalins war, schrieb in einem Essay in der "FAZ": "Die Nachricht des Jahres 2014 ist so alt wie russische Welt. Wir sind keine Europäer, lautet sie." Und weiter: "Die Intelligenzija macht immer wieder den gleichen Fehler. Sie klagt die Machthaber an, nicht das Volk. Wessen soll man das Volk aber anklagen? Dass es das Volk ist?" Muss sich der Westen damit abfinden, dass er zur russischen Seele einfach nicht durchdringt?

Schlögel: Es ist nicht Aufgabe des Westens, zur russischen Seele durchzudringen. Ebenso nicht, wie dieses Land mit einer solchen Geschichte im vergangenen Jahrhundert fertigwerden kann. Das ist nicht die Aufgabe von Leuten, die von außen zuschauen. Die Deutschen haben ihren Anteil an dem Verhängnis mit dem Zweiten Weltkrieg und so weiter. Aber mit sich selber ins Reine zu kommen, das ist Sache der Russen - des Volkes, der politischen Elite, auch der Intelligenzija. Das gehört übrigens auch zum Respekt, dem man einer anderen Nation zollen muss: dass man sie ernst nimmt.

STANDARD: Diesen Respekt zollen Putin und viele andere Russen den Ukrainern aber offenbar nicht.

Schlögel: Für viele Russen, auch für die Intelligenzija, ist die Ukraine sozusagen die kleine Schwester. Die Ukrainer haben in ihren Augen gar keine eigene Sprache, sondern sprechen einen russischen Dialekt, der nicht einmal wissenschafts- und literaturfähig ist. Diesen Blick auf die Ukrainer von oben herab, den muss sich die russische Führung abschminken. Die "Revolution der Würde", wie sie ihren Maidan auch genannt haben, wird den Ukrainern möglicherweise helfen. Im Übrigen geht es dabei auch um die Würde der Russen. Wer diese Hetze gegen die Ukrainer mitmacht, der nimmt sich auch selber nicht ganz ernst.

STANDARD: Von russischer Seite heißt es andererseits immer wieder, Russland werde vom Westen gedemütigt und eingekreist.

Schlögel: Zur Achtung gegenüber einer anderen Gesellschaft, einem anderen Staat gehört auch, dass man sie ernst nimmt. Das ist kein kleines Kind, kein Patient für Psychotherapie auf der Couch. Die Russen sind für sich selbst verantwortlich. Und sie schulden den Ukrainern Rechenschaft darüber, was dort passiert. Dass der Krieg offiziell gar nicht stattfindet, ist eben auch ein Zeichen dafür, dass die russische Führung sich gar nicht traut, dem eigenen Volk die Wahrheit zu sagen.

STANDARD: Müssen wir die Vorstellung aufgeben, dass es in Russland in absehbarer Zeit eine Zivilgesellschaft mit einer kritischen Masse eigenverantwortlicher, initiativer Bürger geben kann?

Schlögel: Es sieht alles danach aus. Nur müssten wir aus den letzten 25 Jahren gelernt haben, dass Dinge passieren, die nicht auf dem Programm standen. 1989 stand nicht auf dem Programm, der 11. September stand nicht auf dem Programm. Die Krim und der Angriff auf die Ukraine, also der Angriff auf einen europäischen Staat, waren nicht vorgesehen auf unserer Matrix. Also würde ich nicht zu behaupten wagen, dass es in Russland ruhig bleibt. Bei den Wahlen 1912 (unter Zar Nikolaus II., Anm.) war es ja auch so: Plötzlich gab es eine regelrechte Erhebung des städtischen Mittelstandes in Moskau und St. Petersburg. Das war nicht so ein kleines Aufflackern, das war eine mächtige Wortmeldung. Man kann solche Wortmeldungen auch jetzt nicht ausschließen. Die Vorstellung, dass Putin sein Programm auch mit 85 Prozent Zustimmung einfach weiter durchziehen kann, halte ich für falsch. In dieser 85-prozentigen Zustimmung steht nicht drin, dass sich weit mehr als die Hälfte aller Russen ganz klar gegen einen Krieg gegen die Ukraine ausgesprochen haben. Diesen Widerspruch aufzulösen - ein Hoch für eine bestimmte Politik bei gleichzeitigem elementarem Vorbehalt - ist sehr schwierig. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 1.4.2015)


Karl Schlögel (67) war in den 1970er-Jahren in Westberlin in der maoistischen KPD/AO, später KPD aktiv. Nach deren Auflösung 1980 verfasste er zusammen mit zwei Ex-Parteifunktionären das Buch "Partei kaputt: Das Scheitern der KPD und die Krise der Linken". Als promovierter Historiker absolvierte Schlögel Studien und Forschungsaufenthalte in Moskau und Leningrad. Zwischen 1990 und 2013 war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz und an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seit seiner Emeritierung 2013 arbeitet er u. a. an einer Archäologie des Kommunismus. Derzeit ist er Fellow der Stadt Wien und des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK). Schlögel ist mit der russischen Publizistin Sonja Margolina verheiratet.

  • Karl Schlögel: "Dass der Krieg offiziell gar nicht stattfindet, ist eben auch ein Zeichen dafür, dass sich die russische Führung gar nicht traut, dem eigenen Volk zu sagen, was gespielt wird."
    foto: andy urban

    Karl Schlögel: "Dass der Krieg offiziell gar nicht stattfindet, ist eben auch ein Zeichen dafür, dass sich die russische Führung gar nicht traut, dem eigenen Volk zu sagen, was gespielt wird."

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