Erdbebengefahr für Istanbul erneut bestätigt

4. April 2015, 21:15
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Die mehr als neun Millionen Einwohner Istanbuls leben auf gefährlichem Boden – die geologische Spannung zwischen den Kontinentalplatten steigt

Istanbul/Paris – 1999 erschütterte ein schweres Erdbeben das türkische Kocaeli und umliegende Regionen und forderte dabei mehr als 15.000 Menschenleben. Die Spannung entlang der geologisch aktiven Zone zwischen eurasischer und anatolischer Erdplatte verringerte sich damit nicht – sie verschob sich nur in Richtung der Millionenstadt Istanbul. Schon seit einigen Jahren warnen Forscher vor einem Erdbeben im Meer vor der Metropole. Eine neue Studie bestärkt die bisherigen Befürchtungen.

Turbulenz im Meeresboden

Unter der Oberfläche des Marmara-Meers baut sich seit dem letzten schweren Erdbeben immer größerer Druck auf. Wegen der Wassermassen schätzten Forscher die Erdbebengefahr in der Zone 20 Kilometer vor Istanbul bisher nur theoretisch ein. Mit Bohrkernen vom Meeresgrund untersuchten Laureen Drab von der Ecole Normale Superieure in Paris und ihre Kollegen nun erstmal direkt Turbulenzen im Sediment.

Große Erdbeben bringen mit Erdrutschen und aufgewirbeltem Sand und Schlamm den Boden unter Wasser in Bewegung. Die Sedimente, die sich nach der plötzlichen Entladung der geologischen Spannung wieder ablagern, weisen eine bestimmte Zusammensetzung und chemische Struktur auf. Die Radiokarbonmethode und weiteren Analysen enthüllten die turbulente Geschichte des Meeresbodens, der Aufschluss über künftige Gefahren bringen soll.

1.200 Kilometer mit Reibungen

Anhand historischer und neu gewonnener Daten erstellte Drab eine Abfolge der Erdbeben entlang der Störungszone. Sechs schwere Erderschütterungen gab es demnach zwischen 136 und 1896 am Cinarcik-Abschnitt nahe der Metropole mit neun Millionen Einwohnern.

Rund um die Stadt an der Grenze des asiatischen und europäischen Kontinents ist geologisch einiges in Bewegung. Die anatolische Platte driftet mit beinah dem gesamten Staatsgebiet der Türkei und weiten Teilen Griechenlands nach Westen. Von Süden schieben sich die afrikanische und die arabische Platte dagegen. Potentiell gefährliche Spannungen bauen sich aber vor allem am nördlichen Ende der Türkei auf. Auf der sogenannten Nordanatolischen Verwerfung bewegen sich die Platten Eurasiens und Anatoliens auf rund 1.200 Kilometern mit gröberen Reibungen aneinander vorbei.

Platten bewegen sich plötzlich und punktuell

Eine sogenannte Transformstörung wie diese birgt besondere Gefahren. Zwischen den Platten baut sich in kleinen Reibungspunkten große Spannung auf, die sich noch dazu eher an der Oberfläche als in tieferen Schichten der Erdkruste entladen. Die Beben sind lokal begrenzt, lösen damit aber nicht die gesamte Spannung zwischen den Platten. Die Energie wandert stattdessen tendenziell eine Stelle weiter – im Falle der Nordanatolischen Verwerfung immer weiter nach Westen.

Nun könnte der Abschnitt nahe Istanbul an der Reihe sein. "Unsere Daten deuten darauf hin, dass die aktuelle Bebensequenz des Cinarcik-Segments unvollständig ist", sagt Laureen Drab in einer Presseaussendung. In dem Gebiet 20 Kilometer vor Istanbul stellen die Forscher eine seismologische Lücke fest, ein Beben wäre damit überfällig.

Frühwarnung kommt erst spät

Schon länger baut die Türkei ein seismologisches Überwachungssystem auf, das neben Messstellen im Marmara-Meer auch die Stadt Istanbul mit Sensoren überwacht. Frühwarnungen können aber nur Sekunden vorher verlässlich ausgesandt werden – und davor können nur Wahrscheinlichkeiten angeben werden, dass sich ein Beben in den nächsten drei Dekaden entlädt. (red, derStandard.at, 4.4.2015)

  • Ein Beamter aus Istanbul untersucht 2011 Erdbebenschäden im Osten des Landes. Geologische Spannungen wandern entlang der Nordanatolischen Verwerfung immer weiter nach Westen.
    foto: reuters/morteza nikoubazl

    Ein Beamter aus Istanbul untersucht 2011 Erdbebenschäden im Osten des Landes. Geologische Spannungen wandern entlang der Nordanatolischen Verwerfung immer weiter nach Westen.

  • Die Hagia Sofia übersteht schon seit fast 15 Jahrhunderten die Turbulenzen in der geologisch aktiven Zone.
    foto: reuters/murad sezer

    Die Hagia Sofia übersteht schon seit fast 15 Jahrhunderten die Turbulenzen in der geologisch aktiven Zone.

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