Bismarck wollte die "arbeitenden Klassen bestechen"

1. April 2015, 07:12
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Die Sozialleistungen im Kaiserreich waren zwar spärlich, aber historisch umso bedeutender

Müssen sich Millionen deutscher Rentner bei Otto von Bismarck dafür bedanken, dass sie ihren Lebensabend in finanzieller Sicherheit verbringen können? Die Dankbarkeit sollte sich in Grenzen halten. Zwar hat der Reichskanzler ab 1883 schrittweise die erste gesetzliche Sozialversicherung der Welt geschaffen. Aber erstens tat er das erst, nachdem er durch sein Sozialistengesetz 1878 die Arbeiterbewegung gezielt unterdrückt hatte. Und zweitens war Bismarcks Sozialsystem von dem, was man heute unter einem Wohlfahrtsstaat versteht, weit entfernt.

1883 wurde im Deutschen Reich die Krankenversicherung für Arbeiter eingeführt, die sich zu zwei Dritteln aus Beiträgen der Arbeitnehmer und zu einem Drittel aus Beiträgen der Arbeitgeber speiste. Ein Jahr darauf folgte die öffentlich-rechtliche Unfallversicherung, die - so wie auch heute - nur vom Arbeitgeber finanziert wurde. Dafür fiel dessen Haftpflicht weg. Und am 22. Juni 1889 folgte mit der Invaliditäts- und Altersversicherung das Kernstück der Bismarck'schen Reformen: Versicherungspflicht ab 16 und ein Durschnittsbeitragssatz von zwei Prozent, geteilt zwischen Arbeitnehmer und -geber. Schon damals gab es einen - heftig umstrittenen - Staatszuschuss, weil die Beiträge nicht reichten. Der Anspruch auf Alterspension war nur wenigen vorbehalten: Das Antrittsalter war 70, doch die durchschnittliche Lebenserwartung von Arbeitern lag weit darunter. Dafür gab es wegen fehlender Sicherheit am Arbeitsplatz umso mehr Versehrte, die ein Drittel ihres Lohnes weiter bezogen: zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. Die Habsburgermonarchie folgte dem Beispiel des großen Nachbarn mit einigen Jahren Verzögerung.

"Arbeitende Klassen gewinnen"

Dass Bismarck die Sozialprogramme nicht aus Liebe zum Volk, sondern aus politischem Kalkül ins Leben rief, war schon damals jedem klar. "Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen", räumte er später ein. Aber dass sich in den Unruhen nach Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland die Sozialdemokraten gegen die Kommunisten durchsetzten, hatte auch damit zu tun, dass der Staat für die Arbeiter mehr als nur ein Feindbild war.

Ein Jahr nach der Rentenversicherung war die Ära Bismarcks bereits vorbei. Aber anders als seine Außenpolitik hatte sein sozialpolitisches Vermächtnis Bestand. Aber erst seit 1957 hat Deutschland eine Sozialversicherung, die bis ins hohe Alter den Lebensstandard sichern soll. Und das war niemals Bismarcks Absicht. (Eric Frey, DER STANDARD, 1.4.2015)

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