200 Jahre Bismarck: Das russische Erbe des "Eisernen Kanzlers"

1. April 2015, 07:00
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Er wurde gefürchtet und gehasst, aber auch bewundert. Heute erinnert Bismarck an eine Politik der Balance mit Russland

Immer wieder sonntags in Berlin: Verabredet man sich zum Spaziergang durch den Tiergarten, dann trifft man sich gern beim "großen, alten Mann". Auf einem gewaltigen Sockel aus rotem Granit thront die sechseinhalb Meter große, imposante Bronzefigur Otto von Bismarcks.

1901 wurde dieses Nationaldenkmal eingeweiht, und es ist nicht das Einzige in Deutschland. Mehr als 500 Denkmäler und Türme wurden bis 1914 errichtet, sie alle hatten einen Zweck: Den ersten Reichskanzler als Begründer der Deutschen Einheit zu ehren. Um keinen anderen deutschen Politiker gab es einen derartigen Kult. Andererseits gehört er zu den umstrittensten Personen der deutschen Geschichte.

"In dieser Sekunde fühlt man, mag eine Art Haß die Grundempfindung gegen ihn gewesen sein, wie tief man ihn immer grollend geliebt hat," beschreibt der Theaterkritiker Alfred Kerr die Ambivalenz vieler Menschen, als Bismarck 1898 stirbt.

Am Mittwoch wäre Bismarck 200 Jahre alt geworden. Doch nicht nur sein runder Geburtstag rückt ihn zurzeit wieder stark ins Interesse. Diskutiert wird auch, ob - vor allem mit Blick auf Russland - seine Außenpolitik als Blaupause für die der jetzigen Bundesrepublik taugt.

"Offensichtliche Parallele"

Eine "offensichtliche Parallele" sieht der deutsche Historiker und Bismarck-Biograf Christoph Nonn zwischen der Bismarck-Ära und Deutschland seit der Wiedervereinigung. "Mit dem Deutschen Reich entstand 1871 eine hegemoniale Macht in Mitteleuropa. Durch die Wiedervereinigung wurde die Bundesrepublik das Schwergewicht der Europäischen Union und ist es bis heute noch mehr geworden. Sie ist damit, ob man das nun begrüßt oder nicht, auch zu einem Global Player nicht allein in wirtschaftlicher, sondern gleichermaßen in politischer Hinsicht avanciert", schreibt er in seinem eben erschienen Werk "Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert".

Der Weg zur Reichsgründung 1871 beziehungsweise zur deutschen Wiedervereinigung 119 Jahre später war allerdings ein unterschiedlicher. Während die DDR ohne Blutvergießen implodierte und die Deutsche Einheit am Verhandlungstisch entworfen wurde, standen vor der Einheit der vielen deutschen Kleinstaaten drei Kriege gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71).

"Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut", hatte Bismarck schon 1862 angekündigt. Doch als er seine "kleindeutsche Lösung" (also ohne Österreich) dann erreicht hatte, befand er, das Reich sei nun "saturiert" und strebe keine weitere Expansion an. Fortan war er auf Ausgleich bemüht, und hatte bei seiner Bündnispolitik auch stets Russland im Blick.

1887 schloss er einen geheimen Rückversicherungsvertrag mit Russland ab. Dieser verpflichtete beide Mächte im Kriegsfall zur Neutralität. Bismarck wollte damit verhindern, dass sich das Zarenreich mit dem "Erbfeind" Frankreich verbündet.

Schröder gibt Tipps

Altkanzler Gerhard Schröder empfiehlt seiner Nachfolgerin Angela Merkel im aktuellen "Spiegel", sich in ihrer Russlandpolitik am "Eisernen Kanzler" zu orientieren: Der habe sich um "Russland bemüht". Und, so Schröder: "Europa, gerade auch Deutschland, braucht Russland, und Russland braucht Europa. An dieser Tatsache hat sich seit den Tagen Otto von Bismarcks nichts geändert."

Das "Handelsblatt" konstatierte kürzlich, Merkel mit ihren unermüdlichen diplomatischen Beziehungen agiere ohnehin sehr im Geiste Bismarcks. Das ist der eurokritischen AfD (Alternative für Deutschland) zu wenig. Sie fordert eine stärkere Bindung an Moskau. So sollten "Elemente der Bismarck'schen Rückversicherungspolitik gegenüber Russland gepflegt werden". Der Historiker Heinrich August Winkler hingegen meint: "Ich wäre da außerordentlich skeptisch." Deutsch-russische Sonderbeziehungen würden Polen und die baltischen Länder vor den Kopf stoßen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 1.4.2015)

  • Das größte der Bismarck-Denkmäler steht in Hamburg. Der rote Schal ist ein "Geburtstagsgeschenk" von Unbekannten.
    foto: ap/ philipp guelland

    Das größte der Bismarck-Denkmäler steht in Hamburg. Der rote Schal ist ein "Geburtstagsgeschenk" von Unbekannten.

  • Die Karriere des "Eisernen Kanzlers".

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