Nach Anschlag in Boston: Der lange Weg zurück ins normale Leben

Reportage1. April 2015, 05:30
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Jessica Kensky verlor beim Anschlag auf den Marathon beide Beine, lässt sich aber auch im Zeugenstand nicht unterkriegen

Wenn Jessica Kensky im Zeugenstand sitzt, wirkt sie bisweilen wie eine Motivationstrainerin, die ein deprimiertes Publikum aufzurichten versucht. Sie lacht, verbreitet demonstrativ gute Laune. Launig erzählt sie von der winzigen Wohnung am Harvard Square, direkt neben der Uni gleichen Namens, die sie sich mit ihrem Mann Patrick teilte. "Man musste schon sehr verliebt sein, um es miteinander auszuhalten in dieser Enge."

Kenskys Beine sind beide amputiert, sie fährt im Rollstuhl in den Saal neun des John-Joseph-Moakley-Bundesgerichts. Eine Stunde lang sagt sie dort aus. Kensky ist nicht die Einzige, die Prothesen trägt, seit am 15. April 2013 an der Marathonstrecke in Boston zwei mit Sprengstoff und Nägeln gefüllte Schnellkochtöpfe in die Luft gingen. Aber sie ist die Einzige, die das Schicksal mit ihrem Ehepartner teilt. Patrick Downes hat sein linkes Bein verloren.

"Schlag in die Magengrube"

Glück im Unglück, trösten Fremde, zumindest verstehe der eine genau, wie sich der andere fühle. Ihr linkes Bein, erzählt Kensky, wurde kurz nach der Explosion amputiert. "Wenn du beide einbüßt, dann bist du wirklich Invalide. Es war ein Schlag in die Magengrube." 21 Monate nach dem Attentat gaben die Ärzte die Hoffnung auf, ihr rechtes Bein retten zu können.

Aufgewachsen ist Kensky in Sacramento. In Baltimore machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, und als die amerikanische Wirtschaft nach dem Kollaps des Bankhauses Lehman Brothers in die Krise rutschte, versprach Boston mit seinen zahlreichen Kliniken die besten Jobaussichten. Im General Massachusetts Hospital fing Kensky an, Krebspatienten zu betreuen. 2012 heiratete sie Patrick Downes, einen Psychologen.

Am Montag, als Boston den Marathon zelebrierte, ließen sie und Patrick es langsam angehen. Wie sonst morgens zu joggen hielten beide für anmaßend, es hätte ausgesehen, als trainierten sie für das Rennen. Und da Patrick lieber schwächere Läufer anfeuerte, nicht die Eliteathleten, machten sie sich erst auf den Weg, als die Besten längst durchs Ziel waren.

Kein Schmerz

"Ich fühlte mich wie auf einer Rakete, als würde ich auf der Startrampe nach oben geschossen", beschreibt Kensky den Moment, in dem der Sprengsatz detonierte. Mit lädierten Trommelfellen nahm sie die Schreie ringsum kaum wahr, allenfalls wie aus nebliger Ferne. Gefühlt hat sie nichts, auch keinen Schmerz, der kam erst später. Jemand presste ihren Körper aufs Pflaster, wogegen sie sich reflexartig wehrte. Hinterher wurde ihr klar, dass ihre gelbe Windjacke brannte und ein Herbeigeeilter die Flammen ersticken wollte. Auch als ihr ein Helfer die versengten Jeans vom Leib schnitt, protestierte sie. "Wie bizarr, vor aller Leute Augen, da ziehst dich doch nicht aus", sagt sie im Nachhinein. In dem Sanitäterzelt fragte sie immer wieder nach Patrick. "Ich wusste, er ließ allen den Vortritt, ob wir nun ein Kino verließen oder aus einem Flugzeug ausstiegen. Ich dachte, er verblutet auf dem Gehsteig, ohne einmal nach Hilfe zu rufen."

Zwei Wochen danach sahen sich die beiden, sie damals 32, er 29, zum ersten Mal wieder. In der Beth-Israel-Klinik, wo Patrick lag, der nach einer gefährlichen Infektion länger brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen. Jessica nahm einen Fotografen mit, denselben, der ihre Hochzeitsbilder gemacht hatte. Ihre Eltern hätten es ihr auszureden versucht, aber für sie sei es wichtig gewesen. Ein erster, ein symbolischer Schritt zurück ins normale Leben.

Verletzungen wie aus der Kriegszone

So unverzichtbar wie die Verhandlung, bei der Dschochar Zarnajew, der Überlebende der beiden Attentäter, auf der Anklagebank sitzt, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben, wenn es heißt, sich von den Plätzen zu erheben, während die Staranwältin Judy Clarke darum kämpft, ihn vor der Todesstrafe zu bewahren.

Boston, sagt Kensky nüchtern, war der falsche Ort für einen Sprengstoffanschlag, nicht darauf vorbereitet, anders als Städte in Kriegszonen. Mit den Verletzungen einer Kriegszone, mit abgerissenen Gliedmaßen, fügt sie hinzu, hatten die Ärzte in Boston nur wenig Erfahrung. Ein paar Wochen später, und sie hätte bereits am anderen Ende des Landes gewohnt. Patrick wollte ein Jobangebot annehmen - in San Francisco. (Frank Herrmann aus Boston, DER STANDARD, 1.4.2015)

  • Am 15. April 2013 explodierten bei der Ziellinie des Marathons in Boston zwei Bomben. Jessica Kensky verlor damals ihre Beine.
    foto: reuters/dan lampariello

    Am 15. April 2013 explodierten bei der Ziellinie des Marathons in Boston zwei Bomben. Jessica Kensky verlor damals ihre Beine.

  • Trotzdem nahm Kensky 2014 wieder an der Sportveranstaltung teil.
    foto: ap/schwalm

    Trotzdem nahm Kensky 2014 wieder an der Sportveranstaltung teil.

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