Gefährliche Raststätten am Himmel-Highway

1. April 2015, 17:47
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Zugvögel, die den Sommer in Europa verbringen, fliegen entlang zweier verschiedener Routen - von der Ostroute weiß man noch wenig

Graz - Er ist ein eleganter Globetrotter und notorischer Langstreckenflieger: Jedes Jahr im Spätsommer geht es vom hohen Norden nach Afrika und im Frühling wieder retour - in Begleitung seiner gesamten Familie. Das ökologische Gewissen muss ihn deshalb nicht drücken, denn für die tausende Flugkilometer braucht der Kranich ausschließlich die eigene Muskelkraft. Einer der großen Himmel-Highways führt ihn gemeinsam mit vielen anderen Zugvogelarten alle paar Monate über Deutschland, Frankreich und Spanien bis an die Küstenfeuchtgebiete im Norden Marokkos, wo er überwintert.

"Seit einigen Jahren schlagen viele Vögel - wahrscheinlich aufgrund des Klimawandels - ihr Winterquartier aber schon in Spanien oder gar in Frankreich auf", sagt der Ornithologe Peter Sackl vom Studienzentrum Naturkunde des Universalmuseums Joanneum in Graz. Zugvögel, die weiter im Nordosten brüten, haben dagegen eine ganz andere Flugroute: Diese führt von Russland über Ungarn nach Serbien und Kroatien, wo sich die Zugstraße gabelt. Von dieser Himmelskreuzung aus begibt sich dann ein Teil der Tiere über Griechenland in das Niltal nach Ägypten, in den Sudan bis nach Äthiopien, der andere überfliegt die südadriatische Küste, Süditalien und Sizilien, um in Tunesien zu überwintern.

Raststätten zum Kräftetanken

Damit sie ihre Körperreserven auf dem langen Weg von Südfinnland, den baltischen Staaten oder Westrussland über Mitteleuropa bis nach Nordafrika immer wieder auftanken können, fliegen die Zugvögel auf ihren Routen ganz bestimmte Raststationen an, wo sie mitunter mehrere Wochen bleiben. Während man über die gefiederten Langstreckenpendler auf der westeuropäischen Route schon sehr viel herausgefunden hat, weiß man über die Nutzer des sogenannten "Adriatic Flyway" und der dazugehörigen Rastplätze etwa in der ungarischen Puszta, in der nordserbischen Vojvodina oder in den Feuchtgebieten Montenegros noch kaum etwas. Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Bestände auf dieser großen Vogelzugroute sind in den vergangenen Jahrzehnten massiv zurückgegangen, während die Zahlen ihrer Artgenossen auf der westlichen Route gestiegen sind.

Aus diesem Grund wurde von der Stiftung EuroNatur das "Adriatic Flyway" -Projekt ins Leben gerufen, in das über Sackl auch die Expertise des Universalmuseums Joanneum einfließt. "Indem wir unter anderem die Zugvogelzahlen auf dieser gefährlichen Flugstrecke erfassen, liefern wir den örtlichen Naturschutz-NGOs und Ornithologen die erforderlichen Daten, um für die wichtigsten Rast- und Brutgebiete der Wasservögel einen Schutzstatus zu erwirken", sagt Sackl. "Das ist zum Teil schon gelungen, das große Problem ist allerdings die praktische Umsetzung."

Dass die Vogelpopulationen auf der Westroute sich so positiv entwickeln konnten, sei vor allem das Ergebnis jahrzehntelanger Schutzmaßnahmen. "In Skandinavien, Deutschland oder Polen wird seit Jahren professioneller Naturschutz betrieben, was sich auch auf die Zugvogelpopulationen sehr positiv auswirkt." Als erfahrener Ornithologe spielt Sackl im "Adriatic Flyway"-Projekt eine zentrale Rolle: Er entwickelt gemeinsam mit Projektpartnern aus Slowenien, Kroatien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Albanien nicht nur die entsprechenden Konzepte, führt die gesammelten Daten zusammen und wertet sie aus, sondern beteiligt sich auch an den jährlichen Vogelzählungen. "Wir untersuchen die Vogelbestände an ihren Rastplätzen in den Feuchtgebieten im Hinterland der montenegrinischen Küste wie in der Saline Ulcinj und am Skutari-See."

Jagd oder Rückgang

Da die Zahl der Winter- und Rastgäste in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen hat, stellt sich die Frage, ob die Vögel das Gebiet wegen der intensiven Jagd meiden oder ob sich darin ein allgemeiner Rückgang der Vogelbestände entlang der Zugstraße über die Adria spiegelt. Um das herauszufinden, beziehen die Ornithologen seit 2010 alljährlich am Höhepunkt des Frühjahrszuges im März und April ihren jüngsten Beobachtungsposten auf der Insel Ada im Mündungsdelta des Flusses Bojana. Von dort aus lassen sich die großen Scharen von Enten, Brandgänsen oder Kranichen sehr gut beobachten, die von Nordafrika und Italien aus die Balkanhalbinsel erreichen.

Durch die Aufzeichnung der Wanderzüge, die sich an der Flussmündung wie in einer Einflugschneise verdichten, lässt sich die Größenordnung des Vogelzuges über die Adria abschätzen und mit den Zahlen rastender Vögel im Küstenhinterland vergleichen. "Die über das Meer kommenden Vogelschwärme sind ein spektakuläres Erlebnis", schwärmt Sackl. 118 unterschiedliche Zugvogelarten, die auf ihrem Weg von Afrika zu den Brutplätzen im Norden die Insel überflogen, haben die Experten im vergangenen Frühjahr gezählt. Die Untersuchungen auf der Insel Ada zeigen, dass besonders die Zahlen der Knäkenten und der stark gefährdeten Moorenten im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen sind.

Was ist der Grund dafür? "Die Jagd ist in dieser Region ein großes Problem", sagt Sackl. "Nach den Jugoslawienkriegen kamen viele italienische Jagdgäste hierher, die alles abschossen, was sich bewegte. Damals sahen wir Unmengen toter und verletzter Vögel." Das habe sich zwar gebessert, aber die Durchsetzung von Schonzeiten und eines Jagdverbots in den wichtigsten Feuchtgebieten sei nach wie vor ein Problem. Bleibt zu hoffen, dass die Erforschung des "Adriatic Flyway" ein breites Bewusstsein dafür schafft. (Doris Griesser, DER STANDARD, 1.4.2015)

  • Auf der Insel Ada beobachten Ornithologen mehr als 100 verschiedene Zugvogelarten auf ihrem Weg von Afrika in den Norden, darunter auch die bedrohten Moorenten und Knäkenten.
    foto: umj / peter sackl

    Auf der Insel Ada beobachten Ornithologen mehr als 100 verschiedene Zugvogelarten auf ihrem Weg von Afrika in den Norden, darunter auch die bedrohten Moorenten und Knäkenten.

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