Equal Pay Day: Wie halten Sie es mit der Hausarbeit?

Userkommentar31. März 2015, 15:26
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Gleichstellungspolitik geht uns alle an, denn Diskriminierung entsteht durch konkrete Handlungen Einzelner. Es gilt: Das Private ist politisch

62 Tage Arbeit ohne Entgelt – unvorstellbar? Leider nein. Denn für Österreichs Frauen ist dies traurige Realität. Bis 31. März – dem österreichischen Equal Pay Day – arbeiteten sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ohne Gegenleistung.

Ergebnisse der letzten EU-weit durchgeführten Verdienststrukturerhebung zeigen: Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen in der Europäischen Union im Durchschnitt 16,4 Prozent weniger als vollzeitbeschäftigte Männer. Österreich liegt mit 23,4 Prozent am vorletzten Platz, nur von Estland unterboten. Wird der Lohnunterschied um strukturelle und vermeintlich geschlechtsunabhängige Faktoren wie Branche, Beruf, Alter, Beschäftigungsverhältnis oder Unternehmenszugehörigkeit bereinigt, bleibt immer noch eine nicht weiter begründbare Differenz von 14,9 Prozent.

Klischees wirken: Männer müssen die Familie ernähren

Zahlreiche Klischees und gesellschaftliche Strukturen wirken noch heute einer echten Gleichstellung entgegen. Von Kindheit an sehen sich Frauen mit ungleich verteilten Machtverhältnissen konfrontiert. Ein Blick auf die (Aus)Bildungswahlentscheidung junger Frauen und Männer lässt unzweifelhaft erkennen, dass Österreichs Bildungssystem stark von Geschlechterstereotypen geprägt ist. (Bildungs-)Bereiche, die nach traditionellen gesellschaftlichen Vorstellungen Frauen zugeschrieben werden, werden nach wie vor auch häufig von diesen besucht. So sind 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler einer wirtschaftsberuflich orientierten BHS weiblich, der Frauenanteil an technisch gewerblichen höheren Schulen beträgt hingegen nur 27 Prozent.

Nicht nur der Bildungsweg sondern auch die Berufswahl von Burschen und Mädchen ist in hohem Ausmaß von Rollenzuschreibungen geprägt. Dabei zeigt sich, dass die mehrheitlich weiblichen Berufe deutlich schlechter bezahlt sind. Unter den vier am besten bezahlten Lehrberufen finden sich drei mit einem Frauenanteil von nur rund 5 Prozent. Am traurigen Ende der Einkommensskala stehen die Friseurinnen und Friseure mit einem Frauenanteil von 97 Prozent.

Hausarbeit ist Frauensache

Das festgefahrene Klischee, dass Haushaltstätigkeiten Frauensache sind, hat konkrete Folgen: Knapp 70 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) in Österreich waren 2014 erwerbstätig. Zusätzlich verwenden diese Frauen im Schnitt aber noch 27 Stunden für Haushalts- und Betreuungsarbeit. Kein Wunder also, dass österreichweit nur rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen über eine Vollzeitstelle verfügt. Teilzeit zu arbeiten stellt vielfach die (einzige) Möglichkeit dar, Familie und Beruf zu vereinbaren. Diese Mehrfachbelastung bringt Frauen zunehmend unter Druck und hat neben gesundheitlichen Folgen auch starke Auswirkungen auf den Karriereverlauf sowie die soziale und finanzielle Absicherung.

Die Bildungslüge

Noch nie waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Bereits jede zweite Schülerin maturiert, während die Maturantenquote nur 34 Prozent beträgt. Auch bei den Universitätsabschlüssen zeigt sich ein ähnliches Bild: Mehr als die Hälfte der Frauen schließt ein Bachelor- (59,3 Prozent) oder Diplomstudium (64 Prozent) ab. Diese bessere Bildung spiegelt sich aber nur unzureichend in der Arbeitswelt wider: Denn 22 Prozent aller männlichen, aber nur 7 Prozent aller weiblichen Hochschulabsolventinnen sind in einer Führungsposition.

Ein enttäuschendes Bild zeigt auch eine Analyse des Frauenanteils in den Entscheidungsgremien der Top-200-Unternehmen Österreichs. In den Geschäftsführungen liegt der Anteil an weiblichen EntscheidungsträgerInnen mit 5,6 Prozent konstant auf niedrigem Niveau. In absoluten Zahlen ausgedrückt, sind nur 34 von 606 leitenden Positionen mit Frauen besetzt. Traditionell höher, aber dennoch sehr niedrig ist der Frauenanteil in den Aufsichtsräten: Er stieg seit 2005 von 7,6 Prozent auf 13,9 Prozent im Jahr 2014.

Im europäischen Vergleich zählt Österreich mit einer Frauenquote von 13 Prozent in den obersten Leitungsorganen – wie auch bei der Entgeltdiskriminierung – zu den Schlusslichtern. Der europäische Schnitt liegt bei 18 Prozent.

Ärmel hoch!

So deprimierend diese Zahlen auch sein mögen, sie geben einen klaren Handlungsauftrag. Gleichstellungspolitik geht uns alle an, denn Diskriminierung entsteht nicht irgendwo im luftleeren Zwischenraum, sondern durch konkrete Handlungen einzelner Menschen. Das beginnt im Privaten, wo wir oft nicht nachdenken, wer denn mehrheitlich Pflege oder Erziehungsarbeiten übernimmt und endet auch dort, wo wir Verantwortung für andere tragen. Sei es bei der Entlohnungs- und Einstellungspolitik im Unternehmen oder wenn es gilt, Führungspositionen nachzubesetzen. In diesen Momenten kann man sich bewusst für die Gleichstellung von Frauen entscheiden. Hier sind wir alle gefragt, einen Teil zur Gleichstellung beizutragen und nicht die Verantwortung an eine andere Ebene weiter zu delegieren.

Diese individuelle Ebene ist das Eine, an der anderen Seite muss die Politik ansetzen – und zwar dort, wo gesellschaftliche Rahmenbedingungen strukturell zu Ungerechtigkeiten führen. Das beginnt beim Ausbau und der Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen und geht bis zu verpflichtenden Quoten in Unternehmen.

Hier anzusetzen, mehrt das Gesamtwohl in der Gesellschaft. Denn Frauen strukturell zu benachteiligen, heißt 52 Prozent der Bevölkerung zu benachteiligen. Schlussendlich beginnt Gleichberechtigung mit unserem sensibilisierten oder unsensibilisierten Handeln. Wer will, dass der Equal Pay Day künftig der 1. Jänner ist, muss bei sich selbst und in seinem/ihrem Umfeld beginnen. Nach wie vor gilt die Losung: Das Private ist politisch. (Sarah Ortner, derStandard.at, 31.3.2015)

Sarah Ortner ist Juristin und Mitarbeiterin am Marie Jahoda - Otto Bauer Institut. Das JBI betreibt unter anderem das Onlineprojekt ronja-verdient-mehr.at.

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