Gegen das Verleugnen und Vergessen

Kommentar der anderen30. März 2015, 17:56
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Vor genau 100 Jahren wurde der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich begangen. Es ist an der Zeit, aus dieser schrecklichen Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Ein Aufruf armenischer, türkischer und europäischer Intellektueller

1915-2015. Einhundert Jahre liegt der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich zurück - ein Massaker, bei dem anderthalb Millionen Armenier ermordet wurden.

Einhundert Jahre zu lange war das Leugnen dieses Verbrechens ein Herzstück der Politik und Diplomatie des türkischen Staats, der nicht zuletzt auch auf der Enteignung der Armenier und der Zerstörung ihrer Kultur errichtet wurde. Einhundert Jahre, in denen das Leugnen weiterhin Opfer fordert, den Nationalismus stärkt, Konflikte nährt und die Entwicklung von Meinungsfreiheit und Demokratie in der Türkei behindert.

Seit einigen Jahren erheben sich mehr und mehr Stimmen aus der Mitte der türkischen Zivilgesellschaft, um mit wachsender Unterstützung der europäischen Zivilgesellschaft den Fakt des Völkermords anzuerkennen und seiner in der Türkei zu gedenken. Seit 2010 finden in diesem Rahmen Gedenkveranstaltungen für den armenischen Genozid in der Türkei statt.

In einem neuen zynischen Versuch, über den armenischen Genozid hinwegzugehen, hat der türkische Staat dieses Jahr Gedenkfeiern zur Schlacht von Gallipoli für den 24. April geplant. Zudem haben türkische Funktionäre eine Charmeoffensive gestartet, um eine internationale Beteiligung an den Gedenkveranstaltungen zum armenischen Genozid zu verhindern.

Wir Europäer, Armenier, Türken und Kurden, die diese Gedenkveranstaltungen initiiert, organisiert, unterstützt oder an ihnen teilgenommen haben, rufen alle, die für die Wahrheit eintreten, dazu auf, am 24. April gemeinsam und friedlich in Istanbul des Genozids, der an den Armeniern verübt wurde, zu gedenken.

Das Gedenken an diesen Genozid betrifft nicht nur Türken und Armenier, sondern die gesamte Menschheit. Die Frontlinie im Kampf gegen das Leugnen von Völkermord verläuft heute mitten durch die türkische Gesellschaft. Doch unsere gemeinsame Kampagne ist ihrem Wesen nach universell. Es ist eine zukunftsorientierte Bewegung für Solidarität, Gerechtigkeit und die Förderung von Demokratie.

Es ist eine Bewegung für Solidarität unter allen, die für die historische Wahrheit kämpfen. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Türken und Armeniern, sondern zwischen denen, die das Verleugnen bekämpfen, und denen, die es fördern, unabhängig von ihrer Herkunft und Nationalität.

Es ist eine Bewegung der Gerechtigkeit. Genozid ist der gewalttätigste politische Akt, zu dem Rassismus führen kann, und das Leugnen setzt diesen Akt weiter fort. Gegen das Verleugnen zu kämpfen bedeutet, auch gegen den Rassismus und damit für eine gerechtere Gesellschaft und mehr Gleichberechtigung zu kämpfen.

Es ist eine Bewegung zur Förderung der Demokratie. Sich an diejenigen zu erinnern, die ausgelöscht worden sind, ist ein Akt der Humanität und der symbolischen Wiedergutmachung, der uns alle einschließt. Dies in der Türkei zu tun trägt zur Meinungsfreiheit bei und stellt die Fundamente der undemokratischen türkischen Machtverhältnisse selbst infrage.

Des armenischen Genozids in der Türkei zu gedenken bietet daher uns allen, besonders den jüngeren Generationen, die Möglichkeit, unter gemeinsamen demokratischen Werten zusammenzukommen, der historischen Wahrheit ins Auge zu sehen und zusammen eine bessere Zukunft aufbauen zu können.

Wir rufen alle auf, die diese Werte und Vision teilen, sich uns anzuschließen und am 24. April in Istanbul des einhundertsten Jahrestags des armenischen Genozids zu gedenken.

Benjamin Abtan, Präsident des European Grassroots Antiracist Movement - EGAM

Alexis Govciyan und Nicolas

Tavitian, Präsident und

Direktor der Armenian General

benevolent Union - AGBU

Levent Sensever,

Sprecher der türkischen

Anti-Rassismus-Plattform Durde

gemeinsam mit:

Charles Aznavour,

Sänger (Frankreich)

Bernard Kouchner, ehemaliger Außenminister (Frankreich)

Ozutrk Turkdogan, Präsident des Menschenrechtsvereins

IHD (Türkei)

Artak Kirakosyan,

Präsident des Civil Society

Institute (Armenien)

Bernard Henri Lévy,

Schriftsteller und Philosoph (Frankreich)

Ara Toranian, Chefredakteur

von "Les Nouvelles d'Arménie" (Frankreich)

Fethiye Çetin, Rechtsanwältin und Schriftstellerin (Türkei)

Elina Chilinguirian,

Journalistin (Belgien)

Daniel Cohn-Bendit,

ehemaliges Mitglied des

Europäischen Parlamentes (Deutschland/Frankreich)

Cengiz Aktarv,

Professor (Türkei)

Adam Michnik,

Chefredakteur der

"Gazeta Wyborcza",

ehemaliger Solidarnosc-Führer (Polen)

Ahmet Insel,

Professor (Türkei)

Patrick Donabedian,

Historiker (Frankreich)

Dario Fo,

Literaturnobelpreisträger

(Italien)

Amos Gitai,

Filmemacher (Israel)

Aydin Engin,

Journalist (Türkei)

Raffi Kantian,

Vorsitzender der deutsch-

armenischen Gesellschaft

(Deutschland)

Jovan Divjak,

ehemaliger General und

Verteidiger des belagerten

Sarajevo, Direktor der

Organisation "Education builds

Bosnia and Herzegovina"

(Bosnia and Herzegovina)

André Glucksmann,

Philosoph und Schriftsteller

(Frankreich)

Richard Prasquier,

Vizepräsident der Stiftung für

das Gedenken an die

Shoah (Frankreich)

Karim Lahidji,

Yusuf Alatas und

Antoine Bernard,

Präsident, Vizepräsident und

Direktor der International

Federation of Human Rights

(Frankreich)

Angela Scalzo,

SOS Razzismo (Italien)

(DER STANDARD, 31.3.2015)

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