Europa als Heimat der multiresistenten Tuberkulose

30. März 2015, 21:46
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EU-Konferenz in Riga soll helfen, Millenniumsziel zu erfüllen und die Krankheit mit dem Jahr 2035 vollkommen auszurotten

Riga/Wien - Das Mycobacterium tuberculosis hat geschafft, was Europa im Bezug auf Tuberkulose noch nicht erreicht hat: sich zu entwickeln. Und das, obwohl sich täglich 1000 Menschen im europäischen Raum mit der Krankheit infizieren, die früher salopp "Schwindsucht" genannt wurde.

Deshalb treffen sich derzeit zum ersten Mal Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten im lettischen Riga, um eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen die Krankheit zu entwickeln, die vor allem die Lunge befällt und zu einem Organversagen führen kann. Vor allem die multiresistente Tuberkulose, die gegen die zwei wichtigsten Tuberkulosemedikamente immun ist, bereitet den Experten Sorgen.

Vom Menschen erschaffen

Von den 27 Ländern, in denen sich diese Form auf dem Vormarsch befindet, liegt die Hälfte in Europa. "Das macht die Region Europa zur am meisten betroffenen in der Welt", sagte Zsuzusanna Jakab, Europa-Direktorin der Weltgesundheitsbehörde (WHO) anlässlich des Welttuberkulosetags Ende März. Nur die Hälfte der Patienten werde überhaupt gefunden, und von ihnen kann nur die Hälfte geheilt werden.

"Multiresistente Tuberkulose wurde von Menschen erschaffen", weiß Lasha Goguadze, Experte vom Roten Kreuz. Nicht effektive oder abgebrochene Behandlungen führen dazu, dass die Bakterien immun werden.

Vor allem Häftlinge betroffen

Vor allem in den Gefängnissen Osteuropas grassiert deshalb die multiresistente Tuberkulose. Für viele Häftlinge ist eine schwere Erkrankung die Chance auf eine vorzeitige Entlassung und die zweijährige Therapie mit all ihren Nebenwirkungen wie Taubheit und Schmerzen zu hart. Deshalb brechen sie die Behandlung ab oder fangen sie erst gar nicht an.

So übertragen sie durch Husten oder Niesen die Bakterien, die in den dunklen Räumen länger überleben können, an ihre Mithäftlinge. "Das soziale Stigma ist zudem groß", sagt Jeanette Olsson, Leiterin eines Ärzte-ohne-Grenzen-Projekts in einem Gefängnis in Donezk. Es gebe noch immer viele Mythen bei Tuberkulose: "Dabei sind Patienten in Therapie schnell nicht mehr infektiös."

"Umsetzung statt Hochglanzbroschüren"

Der größte Kritikpunkt der Gesundheitsexperten ist, dass sich die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig mit Tuberkulose auseinandergesetzt hat. Der Grund: "Die Vorstellung, dass es nur ein geringes Werbepotenzial auf diesem Gebiet gibt", sagt Olsson. Auch Goguadze weiß, dass Tuberkulose eine Krankheit ist, die vor allem sozial schwächere Gesellschaftsschichten betrifft, da sie einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben.

Für Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin im Gesundheitsministerium und für Österreich in Riga, müssen deshalb adäquate Budgets zur Verfügung gestellt werden. Die betroffenen Länder in Osteuropa könnten die Bürde nicht allein tragen. Sie kritisiert zudem scharf die träge Bürokratie der EU-Kommission und der WHO und will "Umsetzung statt Hochglanzbroschüren". Das große Ziel der Vereinten Nationen ist nämlich hochgesteckt: Mit dem Jahr 2035 soll die Krankheit weltweit vollkommen ausgerottet sein. Experten nennen das "ambitioniert". (Bianca Blei, DER STANDARD, 31.3.2015)

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