BMW 2er: Tabubruch als Geschäftsmodell

1. April 2015, 13:23
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Immer wieder setzen Hersteller Aktionen, mit denen sie ihre auf Kernwerte eingeschworene Fanklientel in den Entrüstungsmodus versetzen. Dabei ist das simple Mathematik: Rechnet es sich oder nicht? Manchmal tut es das. Und manchmal auch nicht

Terra - Beginnen wir mit dem weltklugen Anton Kuh, seinem Praterausrufer aus dem Österreichischen Lesebuch (unnachahmlich gelesen von Helmut Qualtinger, unnachahmlich rezitiert von Bernhard Heiller): "Einer stand da und rief jahrelang: Jajaja. Daneben war er ganz normal, ließ sich ein Krügel Bier aus dem Beisel bringen und zeugte Kinder. In sein Leben war einfach ein Stück erwerbschaffenden Irrsinns installiert: Jajaja."

Begnadeter Groscherlzähler

Erwerbschaffender Irrsinn, das wäre also der Ausgangspunkt. Ja, man kann sich im Sinn schon mal irren (anders als der unfehlbare Papst).

Ganz eindeutig widerfahren ist dies Fiat-Chef Sergio Marchionne, begnadeter Groscherlzähler und ausgewiesenermaßen kein Carguy, als er auf den Chrysler Sebring ein Lancia-Logo draufpappen und unter dem altehrwürdigen Namen Flavia auf die Kundschaft losließ.

Mehr Tabubruch geht kaum, das war unverzeihlich und besiegelte wohl mit das Ende von Lancia. Ewig schade. Erwerbschaffend? Mitnichten.

Anders sieht es bei BMW mit dem 2er Active Tourer aus. Frontantrieb, Van, 3-Zylinder, ein wahrer Gottseibeiuns für Liebhaber des weiß-blauen Reinheitsgebots (Reihensechser! Hinterradler!) - und dennoch scheint es denen ein Leichtes, den Wagen in den Markt zu drücken.

Auflagen und Margen

Aber warum tun die das? Ganz einfach: um die immer strengeren Umweltauflagen zu erfüllen, die nun mal leichter mit kleinen Motoren erreicht werden können - und über die Stückzahl steigen die Margen; auf der Frontantriebsarchitektur sind bis zu acht Minis und zwölf BMWs (fix sind: 2er Grand Tourer, X1, X1 Langversion) machbar, da ist also richtig Musik drin.

Die viele neue Kundschaft, die sonst nie BMW kaufen würde, kann auch nicht schaden. Tabubruch als Geschäftsmodell.

Sakrileg und Segen

Bei Porsche kam seinerzeit mit dem Cayenne dazu, dass der die produktzyklischen Schwankungen von 911/Boxster abfedern sollte. Eingefleischte Fans empfanden den SUV als Sakrileg, für die Marke war er ein Segen.

Als die SUVs dann kurz darauf als Säufer ins Gerede kamen und der Cayenne Turbo als stellvertretender Prügelknabe herhalten musste, landete hurtig sogar noch ein Diesel in diesem Anders-Porsche. Wieder ein Tabubruch, aber das schert heute keinen mehr, zumal die Porsche-Selbstzünder inzwischen auch noch richtig gut klingen.

Oh, behave

Entrüstung gab es weiland auch bei Jaguar: Mit dem X-Type stiegen die Briten unter Ford-Ägide in geradezu proletarische Gefilde herab, die Lords rümpften die Nase. Dann auch noch: Kombi. Diesel. Und, shocking, Frontantrieb. Als Zweitwagen ist der X-Type heute begehrt, Diesel und Kombi gelten als zeitgemäß, und mit dem XE wird sich Jaguar endgültig in der Liga BMW 3er etablieren.

Etikettenschwindel

Sieht ein Auto wie ein SUV aus, hat aber nur Frontantrieb, so ist das ein Etikettenschwindel, der keinen vom Kauf abhält. Was aber nach hinten losgehen kann, ist, die Kunden in anderer Hinsicht für dumm zu verkaufen. Weder Renault Koleos noch Opel Antara konnten die Erwartungen erfüllen. Beide kamen aus Korea.

Manchmal Irrsinn

Dass ein Renault-Kunde partout ein französisches, der Opel-Kunde ein deutsches Auto will, oberhalb der Geiz-ist-geil-Schwelle jedenfalls, geht den entwurzelten Globalisierungsgurus nicht ein. Tabubrüche also. Manchmal erwerbschaffend, manchmal Irrsinn.

Asterix: "Und vergiss nicht, Obelix: Das Kind ist tabu!" Obelix: "Wieso Tabu? Er heißt doch Pepe!"(Asterix in Spanien) Jajaja. (Andreas Stockinger, DER STANDARD, 26.3.2015)

  • BMW 2er Active Tourer, einer der jüngsten Tabubrüche, auch der zielt mitten ins Herz der Fans: Frontantrieb (igitt), Van (bäh), Dreizylinder (pfui!). Und was besagt das? Gar nix. BMW kommt mit dem Produzieren kaum nach.
    foto: bmw

    BMW 2er Active Tourer, einer der jüngsten Tabubrüche, auch der zielt mitten ins Herz der Fans: Frontantrieb (igitt), Van (bäh), Dreizylinder (pfui!). Und was besagt das? Gar nix. BMW kommt mit dem Produzieren kaum nach.

  • X-Type Kombi. Die Front Jaguar, der Rest lauter "geht gar nicht": von Ford die technische Architektur, Kombi, Diesel, Frontantrieb. Vor zehn Jahren ein Skandal. Heute weckt Jaguar Begehrlichkeiten mit: Diesel, Kombi.
    foto: jaguar

    X-Type Kombi. Die Front Jaguar, der Rest lauter "geht gar nicht": von Ford die technische Architektur, Kombi, Diesel, Frontantrieb. Vor zehn Jahren ein Skandal. Heute weckt Jaguar Begehrlichkeiten mit: Diesel, Kombi.

  • Für diese Kategorie greifen wir stellvertretend den Renault Captur heraus. Es geht um Autos, die aussehen wie SUVs, dabei aber mit Gelände so wenig am Hut haben, dass es sie nicht einmal mit Allrad gibt - sondern nur mit Frontantrieb.
    foto: renault

    Für diese Kategorie greifen wir stellvertretend den Renault Captur heraus. Es geht um Autos, die aussehen wie SUVs, dabei aber mit Gelände so wenig am Hut haben, dass es sie nicht einmal mit Allrad gibt - sondern nur mit Frontantrieb.

  • Was? Porsche baut ein Auto, der kein reinrassiger Sportwagen ist? Der Cayenne war 2002 ein Stammtischthema - das 2009 neu angefacht wurde mit einem Selbstzünder ("Porsche und Diesel?!?"). Es wurde ein gigantischer Erfolg.
    foto: porsche

    Was? Porsche baut ein Auto, der kein reinrassiger Sportwagen ist? Der Cayenne war 2002 ein Stammtischthema - das 2009 neu angefacht wurde mit einem Selbstzünder ("Porsche und Diesel?!?"). Es wurde ein gigantischer Erfolg.

  • Mercedes-Benz. Erfinder des Automobils, weltgrößter Nutzfahrzeughersteller, bei der Sicherheit führend. Ja, und dann kaufen die bei Renault den Kangoo zu, verkaufen ihn als Citan. Die Häme war groß, als er fragwürdige Crasheigenschaften zeigte.
    foto: daimler

    Mercedes-Benz. Erfinder des Automobils, weltgrößter Nutzfahrzeughersteller, bei der Sicherheit führend. Ja, und dann kaufen die bei Renault den Kangoo zu, verkaufen ihn als Citan. Die Häme war groß, als er fragwürdige Crasheigenschaften zeigte.

  • Bevor Chrysler zu Fiat kam, hieß das Cabrio Chrysler Sebring - danach dann Lancia Flavia. Ja, das tat richtig weh - und brachte die traditionsreiche italienische Marke nicht wieder zum Blühen. Im Gegenteil, sie läuft stillheimlich aus. Echter Flop.
    foto: lancia

    Bevor Chrysler zu Fiat kam, hieß das Cabrio Chrysler Sebring - danach dann Lancia Flavia. Ja, das tat richtig weh - und brachte die traditionsreiche italienische Marke nicht wieder zum Blühen. Im Gegenteil, sie läuft stillheimlich aus. Echter Flop.

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