Ein großer Alter nimmt noch einmal Witterung auf

30. März 2015, 16:51
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Islands Fußballteam ist auf Kurs zur erstmaligen Qualifikation für eine EM. Mit dabei ein Mann, der eigentlich schon zurückgetreten war: Eidur Gudjohnsen

Wien - Wales, Slowakei, Nordirland, Island: Das Teilnehmerfeld der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich könnte 2016 mit außergewöhnlichen Namen aufwarten. Zur Halbzeit der Qualifikation haben die Teams dieser Nationen etwas gemeinsam: alle liegen sie gut bis bestens im Rennen, keines war je so frei, Endrundenluft schnuppern zu dürfen.

Die Waliser stehen nach einem 3:0 in Israel an der Spitze der Gruppe B, ebendort glänzen in Gruppe C die mit dem Punktemaximum wuchernden Slowaken. Die Nordiren nehmen in Poule F einen komfortablen zweiten Platz ein, ganz ähnlich wie die Isländer in der Gruppe A.

Beim Höhenflug der Mannschaft vom Rande des Nordmeers ist ein Mann mit von der Partie, der nach der knapp verpassten WM-Teilnahme der Insulaner in Brasilien (Aus in der Barrage gegen Kroatien) eigentlich schon seinen Rücktritt vom internationalen Fußball verkündet hatte: Eidur Gudjohnsen.

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Gudjohnsen wird von Emotionen übermannt, als er 2013 in Zagreb das vermeintliche Ende seiner Teamlaufbahn bekannt gab.

Der 36-Jährige stand beim Match in Kasachstan erstmals sein 2013 wieder in der Startformation - und was für ein Comeback sollte das werden: nach 21 Minuten erzielte er mit einem platzierten Schuss von der Strafraumgrenze das 1:0 für Gäste, welche am Ende als souveräne 3:0-Sieger das Feld verließen (Birkir Bjarnason hatte den Rest beigesteuert). Mit dem vierten Erfolg im fünften Qualifikationsspiel rückte Island bis auf einen Punkt an Tabellenführer Tschechien heran, die ruhmreichen Niederländer sind um fünf Zähler abgehängt.

Es war Gudjohnsens insgesamt 26. Treffer im Nationaltrikot und sein erster nach fünfeinhalb Jahren Flaute. Er hat damit die Ehre, sich (hinter Jari Litmanen, John Aldridge und Krassimir Balakow) viertältester EM-Qualifikationstorschütze nennen zu dürfen. Selbstverständlich ist der offensive Mittelfeldspieler auch der erfolgreichste Goalgetter in der Geschichte des 1947 gegründeten Knattspyrnusamband Íslands (KSÍ). 79 Partien hat er für seine Ausbeute gebraucht, die erste absolvierte er 1996, eingewechselt für seinen Vater Arnór.

Erblüht an der Bridge

Der Veteran kennt Europa auch ohne Meisterschaft bestens, so manche Ecke des Kontinents hat er in seiner bereits 22 Jahre währenden Karriere zumindest aus beruflicher Perspektive kennengelernt. Los ging es in seiner Geburtsstadt bei Valur Reykjavik, von wo sich Gudjohnsen über die PSV Eindhoven und die Bolton Wanderers zum FC Chelsea (186 Spiele/54 Goals von 2000 bis 2006) hinaufhantelte. An der Stamford Bridge, unter Anleitung von Jose Mourinho, wurde die ganze Bandbreite des Isländers offenbar, der bereitwillig und zu bester Zufriedenheit alle möglichen Jobs im Mittelfeld auszuführen in der Lage war.

Gudjohnsen vereinte technische Fertigkeiten, Dynamik und immense Torgefährlichkeit mit großer Spielübersicht - ein Package, das in seiner Vielfältigkeit immer wieder für spektakuläre Momente (sowie Meistertitel in den Niederlanden, England und Spanien) gut war. Sogar in Barcelona konnte er sich wider Erwarten ganz gut behaupten, und war somit 2009 auch der ersten Isländer, der Hand an den Champions-League-Pokal legte. Seither fehlt ihm nur noch wenig zur Aufnahme in die Schar der allergrößten sagenhaften Heldengestalten seiner Heimat.

Nach kürzeren Aufenthalten in Athen und Brügge, die bereits ein bisschen nach Ausgedinge müffelten, ist Gudjohnsen seit dem Spätherbst 2014 wieder bei Bolton zugange - 14 Jahre nach dem Ende seines ersten Engagements beim jetzt wie damals zweitklassigen englischen Traditionsklub. Er formt dort eine Offensivpartnerschaft mit einem weiteren Dauerbrenner: Emile Heskey, ebenfalls 36.

So blendend funktioniert Gudjohnsen nach wie vor, dass ihm Trainer Neil Lennon quasi einen Freibrief hinsichtlich einer Vertragsverlängerung über den Sommer hinaus ausstellte. "Ob ich ihn für ein weiteres Jahr will? Das kommt auf ihn an. Die Vorzeichen sind jedenfalls sehr positiv. Eidur ist bisher großartig gewesen", hatte der Nordire zu den "Bolton News" gesagt. Und das gilt nicht nur für das Spielfeld. Der Mann mit den zwar schütterer werdenden, aber immer noch blonden Haaren, gibt mittlerweile als Vorbild für Jungprofis auch den Elder Statesman der Wanderers.

Wieder im Geschäft

Zurück in England und somit wieder stärker im Gespräch, wurde Gudjohnsen schließlich auch für das isländische Selektoren-Duo Lars Lagerbäck/Heimir Hallgrímsson wieder zum Thema. "Er ist immer noch ein guter Fußballer", begründete der knochentrockene Schwede Lagerbäck seine Einberufung. Stellenbeschreibung: umsichtiger Ruhepool. Und der Alte, der in Zagreb nach seinem vermeintlich letzten Länderspiel in Tränen ausgebrochen war, hat Lunte gerochen: vielleicht wird es ja doch noch etwas, mit der Teilnahme an einem großen Turnier, Gudjohnsen ginge dann auf die 38 zu.

Im Juni empfangen die Isländer in Reykjavik die Tschechische Republik, es wird ein Duell um Platz eins. Ob er auch dann wieder seine Rolle spielen wird, soweit voraus will Eidur Smári Gudjohnsen jetzt aber noch nicht denken. (Michael Robausch, derStandard.at, 30.3. 2015)

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An der Stamford Bridge blieb die Zeit mit Gudjohnsen in bester Erinnerung.
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