Der Strohmann und die Brandstifter

31. März 2015, 19:52
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Sechs Anschläge in einem Jahr auf Fußballschiedsrichter in Zypern

Vor einem Jahr begann eine Serie von Bombenattacken auf zypriotische Schiedsrichter. Auch vorher wurden schon Autos von Schiedsrichtern auf der Insel angezündet, aber diesmal war die Situation noch extremer. Innerhalb von einem Jahr sind sechs Anschläge auf Schiedsrichter verübt worden. Mal wurden ihre Pkws angezündet, mal ist in ihrem Auto eine Bombe explodiert. Laut dem zypriotischen Sportjournalisten Irodotos Miltiados gehören solche Attacken zwar zur Hooligan-Tradition Zyperns, doch die Lösung der Schiedsrichter-Attacken-Frage wird immer dringlicher.

Einfluss der politischen Parteien auf den Fußball groß

Korruption im zypriotischen Fußball wird seit jeher angeprangert. Der Einfluss der politischen Parteien auf den Fußball ist größer als anderswo. Das liegt erstens an der Größe des Landes (9.251 Quadratkilometer, eine Million Einwohner), zweitens an der jahrzehntelangen Tradition der politischen Positionierung der zypriotischen Sportvereine: Jeder Verein kann einer politischen Partei zugeordnet werden.

Panagis spricht

Schiedsrichter Marios Panagis beschuldigt Averof Neophytou, den Vorsitzenden der regierenden rechtskonservativen "Demokratischen Vereinigung" (DYSI), Drahtzieher im Korruptionsgefilde rund um den Fußball in Zypern zu sein. Er soll gute Kontakte zu George Koumas, dem Vizepräsidenten des zypriotischen Fußballverbandes, pflegen. Panagis sagte auch, dass Verbandschef Kostakis Koutsokoumnis nur ein Strohmann sei. Wessen Strohmann, dazu machte er keine Angaben.

foto: ap/karadjias
Aufdecker Marios Panagis.

George Koumas, der also Panagis' Erklärungen zufolge Neophytous Freund ist, besitzt einen Fernsehsender, der auch über die Übertragungsrechte der Fußballspiele verfügt. Panagis' Hinweise haben im Dezember 2014 eine polizeiliche Untersuchung eingeleitet, im Zuge derer der Ex-Schiedsrichter Michalis Spyrou und der Chef der zypriotischen Schiedsrichtervereinigung, Michalis Argyrou, verhaftet wurden. Beide wurden nach drei Tagen freigelassen. Das gleiche geschah mit zwei jungen Männern, die sich in einem offenen Brief als Verantwortliche für die letzten zwei Autobombenattacken bekannt hatten.

Blanke Sportseiten

Das Ende des vergangenen Jahres veröffentlichte Interview, in dem Panagis gegenüber der Associated Press seine Meinung kundtat, wirbelte zwar die Luft in Zypern auf, aber schlauer sind die Behörden dadurch nicht geworden. Aufgrund des in Zypern vorherrschenden britischen Rechts dürfen keine abgehörten Telefonate in Prozessen verwendet werden, und andere Beweise wurden nicht gefunden. Panagis behauptet, dass der ganze Fußball auf der Insel von einem Netz von Manipulationen erfasst wurde. Er nennt dazu aber weder Namen aus der Sportwelt, noch will er sich darüber äußern, wer hinter den Manipulationen steckt.

In Zypern sind manipulierte Spiele seit Jahrzehnten gang und gäbe. In den Neunzigern war das sogar so offensichtlich, dass "Phileleftheros", die größte Zeitung des Landes, nicht selten mit einer blanken Sportseite erschienen ist – aus Protest gegen die höchstverdächtigen Partien. Die Schiedsrichter streikten heuer eine Woche lang, weil sie sich nicht mehr in Sicherheit sahen. Praktisch kein Monat vergeht ohne Bombendrohung.

Trattos, Mosukos, Demetriou – die Schiedsrichter in Lebensgefahr

Die letzten zwei Attacken waren Leontios Trattos bestimmt, laut dem Sportjournalisten Irodotos Miltiados wurde damit einem der besten Schiedsrichter des Landes nach dem Leben getrachtet. In März wurde sein Auto vor seinem Haus mit Benzin übergossen und angezündet, vor einem Jahr wurde demselbem Schiedsrichter eine Bombe ins Auto gelegt, die hochging. Leontios Trattos war auch Chef der Schiedsrichtervereinigung.

Thomas Mouskos wurde auch zweimal angegriffen. Anfang dieses Jahres war nachts vor dem Haus der Mutter des Unparteiischen in Limassol eine Bombe explodiert. Die 60-jährige Frau blieb unverletzt, erlitt aber einen Schock. Das Haus von Mouskos selbst stand unter Polizeibewachung, nachdem er einen Elfmeter und eine Rote Karte gegen den dreifachen zyprischen Meister Apollon Limassol im Spiel gegen Othellos Athienou gepfiffen hatte. Apollons Klubführung verzieh ihm das noch lange Zeit nicht. Im Mai wurde Thomas Mouskos schon einmal zum Ziel eines Anschlags: Eine Granate war auf sein Haus geworfen worden, aber nicht explodiert.

Im Oktober detonierte eine Rohrbombe vor dem Haus der zyprischen Schiedsrichtervereinigung. Das Fass zum Überlaufen brachte die Autobombe im Pkw der Frau von Schiedsrichter Vasilis Demetriou. Die Explosion verursachte viel Schaden – nicht nur am Auto, sondern auch an der Hauswand, die teils zertrümmert wurde. Verletzt wurde niemand. Demetriou entschied im Spiel Omonia Nicosia gegen Apollon Limassol (1:2) in vier elfmeterverdächtigen Situationen gegen Omonia. Am Ende des Spieles rannte der Omonia-Boss Costas Caiafas wütend auf das Spielfeld, um dem Schiedsrichter seine Meinung zu sagen.

Ende nicht in Sicht

Eine beruhigende Lösung und ein Ende der Bombenattacken ist nicht in Sicht. Der zypriotische Fußball aber ist seit Jahren im Tiefflug und muß mit der Furcht leben: Irgendwann werden diese Bombenattacken Menschenleben fordern. (mdt, derStandard.at, 31.3.2015)

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