Unverbindliches Klage-Pathos in schönstem Gewand

30. März 2015, 07:25
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Konzerthaus: Eröffnung des "Osterklangs" mit Bachs Matthäuspassion und den Wiener Symphonikern

Wien - Es stimmte praktisch alles: Exquisiter Gesang, formidables Orchester, Gestaltungswille und Akribie beim Dirigenten. Doch manchmal führen selbst die besten Ingredienzen dazu, dass das Ergebnis nicht so recht aufgeht - wie es bei der Osterklang-Eröffnung mit Bachs Matthäuspassion im Konzerthaus der Fall zu sein scheint.

Dabei wäre vor allem Lob zu spenden: für Werner Güra als Evangelist, der den perfekten Ausgleich zwischen nüchterner Erzählung und innerer Anteilnahme fand, in allen Lagen präsent und eindringlich, dabei stets flexibel blieb. Für Michael Volle als Christus, nobel-entrückt und menschlich leidend zugleich. Für ein überaus charakteristisches Solistenquartett mit der zurückhaltend strahlenden Julia Kleiter, mit Wiebke Lehmkuhl, die ihre luxuriöse volle Stimme zu ergreifendem, dabei warm strömendem Ausdrucksreichtum führte.

Mit Bernard Richter auch, dem es fast immer gelang, noch die Anstrengung exponierter Passagen zu authentischer Expressivität umzumünzen, und mit Gerald Finley, der Sonorität und Klarheit elegant miteinander verschmolz.

Einmal mehr bewies der Arnold Schoenberg Chor seine präsente Homogenität, seine unbegrenzte Fähigkeit dynamischer Abstufungen, und auch der Kinderchor der Staatsopernschule fügte sich - insbesondere mit dem Choral des Eingangssatzes - tadellos ein. Viel Schönheit und Geschmack verströmten auch die Wiener Symphoniker zwischen klanglicher Beschränkung in der Nähe zu einem historischen informierten Ton und blutvoll gestalteten Solostellen, die zuweilen ihre klassisch-romantische Prägung nicht verheimlichen konnten.

Und in diesem Spannungsfeld war schließlich auch das Dirigat von Philippe Jordan angesiedelt: Er ist klug und akkurat genug, um noch das komplizierteste doppelchörige Gefüge übersichtlich ablaufen zu lassen. Doch seine scheinbare Objektivität, mit der er über weite Strecken eine Art minuziöser "Originalklang"-Kopie realisierte, blieb zum einen blutleer. Zum anderen paarte sie sich mit einem Pathos, das aufgesetzt wirkte. Es stimmte fast alles - doch das Ganze leider nicht. (Daniel Ender, DER STANDARD, 30.3.2015)

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