Vier Bäume für eine Kindheit

30. März 2015, 08:00
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Palmen, Zypressen, Pinien und Tamarisken sind die Bäume Dalmatiens. Meine Kindheit findet erst unter ihnen statt, dann auf ihnen

Omas Palme

Was die Palme betrifft, bin ich allerdings nicht sicher, ob sie überhaupt ein Baum ist. Wir haben eine im Garten, die wir Omas Palme nennen, weil sie die Oma pflanzt, als ich noch ein Kind bin. Die Stelle, die sie dafür aussucht, ist die ungünstigste für alle, also für uns und für die Palme.

Der Untergrund ist felsig, kaum mit Humus bedeckt und nur zwei Meter von der Küchentüre entfernt. Heute, Jahrzehnte später, ist diese Palme fast drei Meter hoch, obwohl sie mindestens sechs Meter hoch sein sollte. Ihre flachen Wurzeln heben die Ableitung der Dachrinne regelmäßig aus, was in jedem Winter, wenn niemand da ist, mehrere Überschwemmungen in der Küche verursacht. Wie hoch das Wasser dann wochenlang steht, sehen wir im darauffolgenden Sommer an den Ablagerungen an den Wänden. Und an der Üppigkeit des Schimmelbewuchses.

Omas Palme nervt nur. Jedes Mal, nachdem ich den eingetrockneten Schlamm aus der Küche schaufele, damit ich das erste Essen des Sommers kochen kann, beschließe ich aufs Neue, die Palme umzuhacken, zu verbrennen und die Asche einzustampfen. Dass ich dann doch nicht zur Axt greife, liegt an einer sonderbaren Mischung aus Nostalgie und Ironie, weil diese Palme irgendwie wie die Oma ist.

Omas Traum

Obwohl sie als ehemalige Partisanin und nunmehrige Ehefrau eines Offiziers der Volksarmee bereits zur bevorzugten Klasse im angeblich klassenlosen Jugoslawien gehört, ist das Leben meiner Großmutter vom Wunsch geprägt, eine Dame zu sein, die man auf ganz und gar bourgeoise Art respektiert. Das ist ihr wichtiger, als geliebt zu werden. Ich merke das erst während der Kaffee-Speiseöl-Waschmittel-Krise, die Jugoslawien am Übergang von den goldenen 70ern in die trüben 80er-Jahre heimsucht und die in Wahrheit die Krise des klassenlosen Ideals ist.

In den Jahren zuvor besteht unser Sommergepäck, geschleppt von Wien bis nach Sutivan, aus dem üblichen Kram, den Kinder ans Meer mitnehmen, wobei die neuen Flossen, die neue Tauchmaske mit Schnorchel und die neuesten (mindestens) zwei Paar Adidas Rom in verschiedenen Streifenfarben den überwiegenden Teil des Kofferinhalts bilden. Doch nun verschlingen Kaffee und Waschmittel in Kilogramm-Mengen den Platz im Koffer. Selbst in das eine Paar Adidas, das nunmehr mitgenommen werden kann, wird Kaffee gestopft. Zum Tauchen muss die Maske vom Vorjahr gut genug sein, obwohl der Gummi schon morsch ist. Flossen werden kurzerhand für unnötig erklärt. So landet die begehrte Mangelware in den Händen der Oma.

Und was wir so mühsam anschleppen, lagert sie in kleinere und größere Packungen um. Damit geht sie dann wie eine wohlwollende Fürstin in der Nachbarschaft herum und verteilt die Packungen, je nach Sympathie in kleinerer oder größerer Variante. Einen großen Teil schickt sie nach Belgrad zu Tante Iva und Onkel Rifat, die sie für Devisen auf dem Schwarzmarkt eintauschen. Für den Rest des Sommers aber wäscht meine Mutter unsere wenigen Sommerfetzen mit einer schmuddeligen Kernseife, die so aussieht und reicht, als ob sie aus einem vergessenen und im Keller wiedergefundenen Care-Paket stammt. So riechen anschließend unsere T-Shirts, Jeans und mein Aufrisshemd. Zudem muss ich feststellen, dass nicht einmal die jugoslawische Variante des Pitralon diesen Geruch zur Gänze beseitigen kann. Auf den Morgenkaffee verzichtet meine Mutter bis zur Rückkehr nach Wien.

Axt oder Kaffee?

Omas Attitüde der Grande Dame nehmen alle nach einer Weile schweigend hin, nur meine Mutter murrt ein wenig über ihr sauer verdientes Geld, das da in der Nachbarschaft in Form von Kaffee und Waschpulver verteilt wird. Man einigt sich aber im Stillen, das sei halt die Entschädigung für Kost und Logis für uns Kinder, weil wir ja gleich zwei Monate in Sutivan weilen. So kann die Oma jeden Sommer ihre Wohltätigkeit über die Nachbarschaft ausschütten und fühlt sich so respektiert, wie sie es in einem echten Leben gern wäre.

Und ich, wenn so viele Jahre später meine Blicke wieder mal mordlüstern zwischen der Palme und dem Geräteschuppen, wo die Axt schläft, hin und her huschen, beschließe aufs Neue, statt die Axt zu wecken, einen Kaffee zu kochen und ihn auf der Veranda vor der Küche zu trinken. Dabei murmele ich Flüche und zische halblaut Gehässigkeiten zur Palme. Bis meine Freundin, lautlos herangeschlichen, mich fragt, ob ich Selbstgespräche führe, Stimmen höre oder nur wieder mal die depperte Palme beflegele. Dann gieße ich auch meiner Freundin eine Tasse mit Kaffee voll und erzähle ihr von meiner Oma und ihrer Pose als große Dame. Geduldig wartend, dass der Sud sich setzt, hört meine Freundin dieser Geschichte zu, die sie seit zwanzig Jahren kennt und jeden Sommer aufs Neue zusammen mit einer Tasse Kaffee an unserem ersten Tag in Sutivan auf der Veranda neben Omas Palme serviert bekommt.

Zypressen riechen nach Abschied

Die Zypresse hingegen ist nicht nur ganz sicher ein Baum, man unterscheidet sogar zwischen "weiblichen" und "männlichen" Zypressen. Was ich bei der Zypresse nicht weiß, ist, ob diese Unterscheidung biologisch ist oder ob es sich um zwei Sorten von Zypressen handelt oder ob es nur zwei Varianten ein und derselben Art sind.

Die "männlichen" jedenfalls sind ein Logo des Mediterranen: kerzengerade und mit geschlossener Krone, die oben spitz zuläuft. Diese werden traditionell in Reihen auf Friedhöfen des Mittelmeerraums gepflanzt, weswegen ich sie als "Friedhofszypressen" bezeichne. Als ich ein Kind bin, sind sie für mich uninteressant, weil man sie wegen der geschlossenen Krone, deren Äste fast senkrecht nach oben gebogen sind, nicht erklettern kann. Die "weiblichen" Zypressen hingegen sind ein Kletterparadies, weil ihre Äste fast waagrecht aus dem Stamm ragen. Dennoch spielen drei jener männlichen Zypressen in meinem Nostalgiekino im Kopf eine Rolle.

Zwei sind am Südrand des Grundstücks zufällig so angeordnet, dass Großvater dazwischen seine Hängematte befestigen kann. Hier verschläft er die Nachmittage im Schatten, den die große Pinie über die zwei Zypressen wirft, weswegen sie eher kleinwüchsig bleiben. Immer wenn ich an Großvater denken will, dann sehe ich ihn leise schnarchend in dieser Hängematte.

Als ich schon erwachsen genug bin, auch die Romantik des Zeit-verrinnen-Lassens zu begreifen, genieße ich oft verlorene Nachmittage in der Hängematte, weil Großvater es schon so böse mit dem Rücken hat, dass die Hängematte mein Revier wird. Hier suche ich dann in Tagträumen meine Zukunft, und manchmal, wenn der Opa doch seine Tabletten nimmt und deswegen wieder die Hängematte besteigt, liege ich auf einem Handtuch gleich daneben und lasse mir seine Vergangenheit erzählen. Bis jeder von uns beiden leise schnarchend seinen eigenen kleinen Sommertraum träumt. Und seit einigen Sommern träumt dort mittags unser kleiner Sohn.

Abgesägte Wehmut

Die dritte Zypresse ist so kerzengerade und hoch, dass sie alle Vorraussetzungen erfüllt, um eine echte Friedhofszypresse zu sein. Sie steht am Nordrand des Grundstücks, nur zwei Meter von der Treppe zur Terrasse entfernt und nahe beim Tor, wodurch sie jeden Sommer zum ersten Anblick wird, der sich mir bietet, wenn ich, meinen Koffer schleppend, am Haus ankomme. Und zum letzten, wenn ich am Ende des Sommers in das trübe Wien muss. So wird sie zu meiner Wehmut-Zypresse, weil schon ihr erster Anblick an den letzten gemahnt. Irgendwann sehe ich das als baumgewordene Mahnung, jeden Augenblick des Sommers zu genießen und keine Sekunde auszulassen.

Meine Wehmut-Zypresse wird eines Tages gefällt, weil ihre Wurzeln beginnen, die Treppe zur Terrasse anzuheben. Man schneidet sie mit einer Kettensäge und lässt einen etwa 80 Zentimeter hohen Stumpf zurück. Die Idee dahinter ist es, eine quadratische Tischplatte zu montieren, ein paar Klappsessel beizustellen und dort nachmittags, wenn die Sonne auf der anderen Seite des Hauses weilt, Kaffee zu trinken.

Und selbstverständlich ist es eine Idee meiner Oma, die genauso selbstverständlich niemals zu einem Kaffeekränzchen führt, weil es auf der Veranda unter Omas Palme ja bequemer, schattiger und näher an der Küche ist. Doch bevor man das Tischchen montiert, lässt man den Stumpf noch zwei Sommer lang ausbluten, sodass nur dieser traurige, harzende Stumpf mein erster und letzter Sommergruß ist. Als die Tischplatte dann endlich montiert ist, jedoch niemals ihren Zweck erfüllt, wird sie trotzdem dort belassen, wo sie nun mal ist. So wird der Stumpf zu einem ähnlichen Ärgernis wie Omas Palme.

Wenn ich nachts betrunken durch das Tor torkele, sorgt immer eine Ecke des Tisches für Abschürfungen und blaue Flecken, desgleichen, wenn ich anschließend verkatert zum Mittagessen wanke. Eines solchen Mittags, trotz Protesten meiner Oma und unter dem heimlichen, aber augenzwinkernd wohlwollenden Blick meines Großvaters, hacke ich stundenlang am Stumpf, bis nur noch das Wurzelwerk da ist. Anschließend tränke ich die Wurzeln mit Benzin und sehe bis tief in die Nacht hinein, wie sie glosen. Einige Tage später gieße ich Beton in die kreisförmige Öffnung, aus der einst die Zypresse wuchs. Seitdem grinsen Opa und ich heimlich, wenn die Oma in unregelmäßigen Abständen wegen ihres Baumstumpf-Tischs lamentiert und behauptet, sie vermisse die (nie stattgefundenen) Kaffeekränzchen mit den Nachbarinnen.

Ende Teil 1

(Bogumil Balkansky, 30.3.2015, daStandard.at)

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