Klassenkämpfli durch Franken-Stärke: Längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich

30. März 2015, 05:30
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Die Schweizer Industrie setzt Mitarbeiter unter Druck, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dem Land dürfte eine Rezession erspart bleiben

Es war der härteste Schlag, den die Börse in Zürich je hatte einstecken müssen. Der Schweizer Leitindex SMI rasselte um 15 Prozent in die Tiefe, als am 15. Jänner die Schweizer Währungshüter entschieden, den Euro zum Franken künftig nicht mehr auf einen Mindestkurs von 1,20 zu stützen. Der Eurokurs sank innerhalb weniger Minuten auf 86 Rappen. Konjunkturforscher warnten vor einer dramatischen Rezession, da die Exportindustrie und der Tourismus massiv unter dem starken Franken leiden würden.

Und dann das: Vergangene Woche schloss der SMI mit 9396 Punkten bereits wieder höher ab als vor dem Franken-Schock. Und als der Schweizer Nationalbank-Direktor Thomas Jordan vor wenigen Tagen erstmals seit Mitte Jänner wieder vor die Medien trat, prognostizierte er, dass die Schweizer Wirtschaft 2015 um ein Prozent wachsen dürfte. Von Nullwachstum oder gar der erwarteten Rezession keine Rede mehr. Auch die Arbeitslosenzahlen sind nicht gestiegen; die Quote verharrte im Februar bei 3,5 Prozent.

Urlaub deutlich teurer

War das alles also nur ein Sturm im Wasserglas, ein "Fränkli-Schöckli" und kein Franken-Schock?

Das dann doch nicht. Insbesondere die Tourismus-Industrie wurde tatsächlich von der massiven Währungsaufwertung getroffen, weil der Urlaub in der Schweiz sich für EU-Bürger über Nacht dramatisch verteuerte. Etliche Hotels, die bisher schon nur knapp rentabel waren, werden den Winter nicht überleben, und auch für Bergbahnen, die wie etwa im mondänen Gstaad überschuldet und sanierungsbedürftig sind, wird es noch schwieriger.

Statistisch zu erfassen ist das Ausmaß der Schäden noch nicht richtig. Im Jänner gingen die Nächtigungen ausländischer Gäste um 2,6 Prozent zurück - das könnte aber erst der Anfang gewesen sein. Auch in der Industrie bekamen Exportunternehmen den Schock zu spüren. Viele Firmen reagierten darauf mit Lohnkürzungen. Andere prüfen die Verlagerung von Produktionsstätten.

Mehr Wochenstunden

Vor allem aber erhöhten viele Unternehmen wie der Eisenbahnhersteller Stadler Rail, der Autozulieferer Georg Fischer oder der Anlagenbauer Bühler die Wochenarbeitszeit der Angestellten bei gleichem Lohn von 40 auf 44 oder gar 45 Stunden, um die Stückkosten zu senken und konkurrenzfähig zu bleiben.

Wo es wirklich nötig war, boten dazu auch die Gewerkschaften ein Entgegenkommen an; aber sie warnen die Unternehmer davor, die Arbeitsbedingungen auf breiter Front zu verschlechtern. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass verschiedene Arbeitgeber die Arbeitszeiten verlängern wollten; wenn wir dann aber Einsicht in die Bücher verlangten, um zu prüfen, wie ernst es tatsächlich steht, krebsten viele zurück", so Arno Kerst, der Vorsitzende der Industrie- und Dienstleistungsgewerkschaft Syna. "Das zeigt uns, dass etliche Unternehmer bloß den Vorwand der Frankenkrise ausnützen wollten."

"Gunst der Stunde"

Auch der Verband der Angestellten, dem vor allem Kaderleute und Ingenieure aus der Industrie angehören und dem klassenkämpferische Töne fremd sind, argwöhnt, "dass einige Unternehmen jetzt die Gunst der Stunde nutzen wollen, um ihre Profite zu verbessern. Oder sie schieben das Argument des starken Franken vor, um eine Restrukturierung zu begründen, die sie sowieso vorgenommen hätten."

Von einer flächendeckenden Verschlechterung der Arbeitsbedingungen könne keine Rede sein, kontert der Branchenverband der Metallindustrie Swissmem: Nur einige Prozent aller Unternehmen hätten Lohnsenkungen, Lohnzahlungen in Euro oder die Erhöhung der Arbeitszeit umgesetzt. Aber die Lage sei schwierig: "Neun von zehn Firmen kämpfen mit negativen Folgen. Wir haben Margenverluste, das bereitet uns Kopfschmerzen", sagt Swissmem-Verbandsdirektor Peter Dietrich. Etliche Unternehmen seien in die Verlustzone gerutscht.

Mitte Jänner hat die Schweizer Notenbank die Bindung des Franken an den Euro aufgegeben. Der Franken hat seitdem einen Höhenflug hingelegt. Um dennoch konkurrenzfähig zu bleiben, sollen die Schweizer Arbeitnehmer Extraschichten einlegen. (Klaus Bonanomi aus Bern, DER STANDARD, 30.3.2015)

  • Auch die von der Tourismuswerbung erfundenen Felsenputzer halfen nicht gegen den hohen Frankenkurs, der das Gastgewerbe enorm belastet
    foto: schweiz tourismus / studio babylon

    Auch die von der Tourismuswerbung erfundenen Felsenputzer halfen nicht gegen den hohen Frankenkurs, der das Gastgewerbe enorm belastet

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