Fischer-Nachfolge aus der "Dienstaristokratie"

Kolumne29. März 2015, 17:38
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Was einen typischen Österreicher ausmacht

Als "echter Österreicher" ließ sich der ÖVP-Spitzenkandidat Josef Klaus 1970 im Wahlkampf gegen Bruno Kreisky plakatieren. Obwohl diese anti-semitische Propaganda keinen Erfolg hatte (Klaus verlor), war sie nebenbei von der Absicht getragen, so etwas wie einen typischen Österreicher zu porträtieren - im Fall Klaus einen Kärntner, der in Salzburg Landeshauptmann, später Finanzminister wurde.

Ein typischer Österreicher auch in der Hofburg? Im Herbst des heurigen Jahres werden bereits Vorentscheidungen fallen, wer Heinz Fischer, dem amtierenden Bundespräsidenten, Mitte 2016 nachfolgen wird.

Im medialen Boulevard werden derzeit Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) die besten Nominierungschancen eingeräumt.

Der "österreichische Mensch"

Um die Profile vorzuschärfen, könnten die Parteispitzen nachforschen, was den "österreichischen Menschen" überhaupt ausmacht. Sie würden zum Beispiel in einem Buch dieses Titels fündig werden, das der Kulturhistoriker William M. Johnston geschrieben hat (2009, Böhlau-Verlag).

Johnston zitiert eine vom Wiener Soziologen und Literatur-Professor Oskar Benda (1886-1954) formulierte Typologie, die dem österreichischen Menschen folgende Charakterzüge zumisst:

1. Schwerfälligkeit und Neigung zur Anpassung.

2. Unruhiger Aktivismus.

3. Einschmeichlerische Liebenswürdigkeit.

4. Galliges Nörglertum.

5. Leicht entzündbarer Optimismus, verbunden mit schneller Resignation.

6. Heroisch in der Fantasie.

7. Lebensfreude verknüpft mit abgründiger Schwermut.

Weil Benda diese Ausformungen einer "gespaltenen Seele" und eines "Vagantentums" umherziehender Beamter und Offiziere als Nachwirkungen der Monarchie begreift, haben sie heute nur abgeschwächte Bedeutung. Weil aber Fischer, Hundstorfer und Pröll aus der um Parteihierarchien erweiterten "Dienstaristokratie" stammen, kann man Benda durchaus folgen. Er hat die "Geistigkeit" der österreichischen Beamten-Politiker als "verdünnten Aufguss" feudaler, josephinischer und literarisch-musikalischer Denkweisen interpretiert.

Weitere mögliche Kandidaten

Vor die Kulisse dieser Skizzen typischer österreichischer Eigenarten sollte noch der mögliche grüne Kandidat Alexander Van der Bellen gestellt werden, ebenso die als Exponentin des unabhängigen Justizwesens und als Hauptverfasserin des Hypo-Berichts mehrheitsfähige "Dienstaristokratin" Irmgard Griss. Die ehemalige Höchstrichterin wäre eine moderne Staatsnotarin.

Bei Van der Bellen, dem Professor und wie aus dem Fin de Siècle gestiegenen Kaffeehaus-Menschen mag man noch etwas ganz anderes entdecken. Paul Thun-Hohenstein (1884-1963) hat für Wiener "Einzelgänger" im Buch Österreichische Lebensformen (1937) einen "inneren Maßstab" im Umgang mit "artfremden Völkern" konstatiert. Das sei die Parallele zum "gentleman".

Heinz Fischer ist auf seine Weise auch einer - und die meisten Vorvorgänger in der Hofburg ebenfalls. Eine passable Tradition. (GERFRIED SPERL, DER STANDARD, 30.3.2015)

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