Es gibt kein Copyright auf das Feeling der Siebziger

30. März 2015, 07:42
117 Postings

Das kalifornische Millionenurteil gegen US-Superstar Pharrell Williams, weil er angeblich einen Song von Marvin Gaye geklaut hat, sorgt für Kopfschütteln

Wien - Die deutschen "Prinzen" sangen schon vor etwa 22 Jahren: "Ich schreibe einen Hit, die ganze Nation kennt ihn schon, alle singen mit, (...) alle halten mich für klug, hoffentlich merkt keiner den Betrug. Denn das ist alles nur geklaut, das ist alles gar nicht meines!" Nun ist das Thema "geklaute Songs" wieder in aller Munde.

Anfang März wurden die Superstars Pharrell Williams und Robin Thicke in Kalifornien zu einer Schadenersatzzahlung von 7,4 Millionen Dollar verurteilt, weil ihr Superhit Blurred Lines die Marvin-Gaye-Nummer Got to give it up aus 1977 abgekupfert haben soll. Auch im Vorfeld der Eurovision Song Contest wurden immer wieder Plagiatsvorwürfe erhoben. Aber wo liegt die Grenze zwischen zulässiger Inspiration und unzulässiger Kopie?

Nach der europäischen Rechtsprechung können zunächst auch solche Werke urheberrechtlichen Schutz genießen, die lediglich eine geringe schöpferische Ausdruckkraft haben - man spricht hier von der "kleinen Münze" (vgl. z. B. EuGH, C-4/08 - Infopaq; OGH, 4 Ob 155/90 - "Willkommen in Innsbruck").

Niedrige Latte

Die Latte der Schutzfähigkeit ist also niedrig anzusetzen. Schon einfache Melodien - wie z. B. Jingles - können dem Urheberrecht unterliegen. Eine bloße Idee kann mithilfe des Urheberrechts aber genauso wenig monopolisiert werden wie ein Musikstil. Der Gegenstand des Urheberrechts ist nämlich nicht der Gedanke selbst, sondern erst "die eigenpersönliche Formung und Festlegung einer schöpferischen Idee", und daher ein konkreter Gegenstand, dem der Urheber seinen persönlichen Stempel aufgedrückt hat (vgl. z. B. OGH, 4 Ob 386/81 - "Glücksreiter").

Das kalifornische Blurred Lines-Urteil steht daher zu Recht im Kreuzfeuer der Kritik: Wenn der Song, so Williams' Verteidigung, bloß vom "Feeling der späten Siebziger" geprägt wird, so kann das allein freilich keine Urheberrechtsverletzung darstellen. Im Blurred Lines-Fall spielte es aber eine wesentliche Rolle, dass die Baselines der beiden Lieder ähnlich klingen, zumindest wenn man sie isoliert betrachtet.

Der ähnliche Rhythmus des funkigen Schlagzeugs und des weichen Basses, der von Glocken begleitet wird, mag auf den ersten Blick tatsächlich auffällig sein. Aber genau diese Stilelemente waren in den 1970ern weit verbreitet. Da Williams und Thicke die Baseline von Got to give it up weder direkt "gesampelt" (=digital abgegriffen), noch mit eigenen Instrumenten Takt für Takt nachgespielt haben, kam das kalifornische Urteil für viele Fachleute überraschend.

Aus europäischer Sicht ist das Urteil noch verwunderlicher: Einzelne Werkteile sind nämlich nur dann geschützt, wenn sie selbst hinreichend originell sind (vgl. z. B. OGH, 4 Ob 136/90 - "So ein Tag"). Bei Plagiatsvorwürfen ist daher zuerst zu fragen, in wieweit diejenigen Teile übereinstimmen, die für sich selbst schutzfähig - und damit originell - sind. Bei den fraglichen Baselines ist schon die Originalität der Got to give it up Baseline zweifelhaft und die Übereinstimmung der beiden Baselines sogar noch zweifelhafter.

Freie Bearbeitung ist erlaubt

Darüber hinaus ist die sogenannte "freie Bearbeitung" gesetzlich verankert: § 5 Abs 2 UrhG erlaubt es jedem, ein vorbestehendes Werk zur Schaffung eines eigenen Werkes zu verwenden, sofern das "Original" im Vergleich zum eigenen Werk völlig in den Hintergrund tritt. Dies gilt selbst dann, wenn das "Original" im neuen Werk erkennbar bleibt. Bei der Beurteilung einer freien Bearbeitung sind beide Werke in ihrer Gesamtheit zu vergleichen (vgl. z. B. OGH, 4 Ob 125/05v - "Aus dem Schneider").

Aus diesem Grund würde es für die kalifornischen Kläger in Österreich endgültig nichts mehr zu gewinnen geben: Während Blurred Lines von Thickes klarer Stimme, seinen prägnant-betonten Lyrics und dem "Hey-Hey-Hey - Uh!"-Background-Chorus lebt, ist Marvin Gayes Stimme in Got to give it up durchwegs höher, und sein Song wirkt weitaus "unaufgeräumter". Während Got to give it up also ein klarer Repräsentant der 70er-Jahre ist, handelt es sich bei Blurred Lines um eine moderne Interpretation dieser Musikrichtung. Hinzu kommt, dass beide Lieder in verschiedenen Tonarten gespielt werden - Dur versus Moll.

Im Sinne der freien Bearbeitung käme es daher letztlich gar nicht darauf an, ob man Marvin Gayes Baseline vielleicht doch noch irgendwie heraushört, wenn man es darauf anlegt. Blurred Lines ist ein eigenständiges Werk, in dem Marvin Gayes Baseline komplett im Hintergrund verschwindet, sofern sie sich überhaupt im Lied befinden sollte. Es ist daher nicht zu befürchten, dass das - ohnehin noch nicht rechtskräftige! - US-Urteil Auswirkungen auf die europäische bzw. österreichische Rechtsprechung haben wird. (Alexander Schnider, DER STANDARD, 30.3.2015)

Alexander Schnider ist Partner bei Geistwert Rechtsanwälte.

  • Anfang März wurden die Superstars Pharrell Williams (im Bild) und Robin Thicke in Kalifornien zu einer Schadenersatzzahlung von 7,4 Millionen Dollar verurteilt, weil ihr Superhit Blurred Lines die Marvin-Gaye-Nummer Got to give it up aus 1977 abgekupfert haben soll.
    foto: chris pizzello/invision/ap

    Anfang März wurden die Superstars Pharrell Williams (im Bild) und Robin Thicke in Kalifornien zu einer Schadenersatzzahlung von 7,4 Millionen Dollar verurteilt, weil ihr Superhit Blurred Lines die Marvin-Gaye-Nummer Got to give it up aus 1977 abgekupfert haben soll.

Share if you care.