Kärnten geht es nicht viel schlechter

Blog28. März 2015, 11:32
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Bei der Kaufkraft liegt das ärmste Bundesland nur wenig hinter der Spitze - ein gutes Zeichen für Österreich

Es hat wohl niemanden überrascht, dass in der aktuellen Kaufkraftstudie der Forschungsgesellschaft RegioData Kärnten erneut an letzter Stelle in Österreich steht und sich der Abstand 2014 vergrößert hat.

Überraschend aber ist, wie gering der Unterschied im persönlichen Wohlstand zwischen dem ärmsten und dem reichsten Bundesland ist: Mit einer durchschnittlichen Pro-Kopf-Kaufkraft von 19.017 Euro liegt Kärnten nur zehn Prozent unter dem Spitzenreiter Niederösterreich (21.048 Euro) und nur 6,6 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Das ist ein gutes Zeichen - nicht nur für das vom Hypo-Skandal erschütterte Bundesland, sondern für die ganze Republik. Anders als in vielen anderen europäischen Staaten ist der Wohlstand in Österreich regional recht einheitlich.

Zwar gibt es arme und reiche Bezirke mit Unterschieden von bis zu 40 Prozent, aber sie sind nicht in bestimmten Regionen konzentriert und liegen meist nahe beieinander.

Arme Nachbarn, reiche Nachbarn

Wenn man den Ausreißer Wien 1 (Kaufkraft 39.172 Euro) weglässt, grenzt der ärmste Bezirk der Republik – Wien XV (16.272 Euro) direkt an den reichsten: Hietzing (27.496 Euro). Von Zwettl (16.787 Euro) ist man innerhalb von einer Stunde im nördlichen Wiener Speckgürtel, ebenso von Hermagor (16.878 Euro) ins wohlhabende Velden und Klagenfurt.

Armut ist vielleicht mehr spürbar, wenn der Wohlstand so nahe ist, aber die Betroffenen sind wirtschaftlich und sozial weniger ausgeschlossen. Und geographische Nähe schafft mehr Möglichkeiten, der Armut zu entkommen.

Die einzige Region in Österreich, die gleichzeitig arm und isoliert ist, ist Osttirol: Lienz ist mit 16.316 Euro der Bezirk mit der zweitschwächsten Kaufkraft. Aber inmitten der Berge ist es für viele Menschen leichter, mit wenig Geld zu leben als im städtischen Raum.

Anderswo ist das Gefälle größer

In den meisten Nachbarländern – in Italien und Deutschland ohnehin, aber auch in der Schweiz oder in Ungarn - sind regionale Unterschiede viel stärker ausgeprägt als bei uns. Österreich hat kein West-Ost- und nur ein geringes Nord-Süd-Gefälle. Kärnten liegt nur wenig unter dem Durchschnitt von Deutschland oder Frankreich, und Wien liegt hinter den größten Schweizer und deutschen Städten (ausgenommen Berlin). Das heißt, auch das Stadt-Land-Gefälle ist in Österreich schwächer als anderswo.

Diese sozioökonomische Durchmischung erklärt, warum sich Österreich trotz wachsender Vermögensunterschiede weniger ungleich anfühlt als andere Länder. Und auch wenn Kärnten in den kommenden Jahren als Spätfolge der irrwitzigen Politik Jörg Haiders weiter zurückfallen sollte, ist das Bundesland nicht in Gefahr, zum Armenhaus zu verkommen.

Das ist eine Stärke Österreichs, die viel wert ist. (Eric Frey, derStandard.at, 28.3.2015)

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    foto: martin steinthaler tinefoto.com

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