Der Mangel an Liebe ist eine Behinderung

Kommentar der anderen27. März 2015, 17:05
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Es gibt immer intensivere diagnostische Verfahren vor der Geburt. Dadurch werden beinahe alle Kinder, bei denen es einen Verdacht auf Behinderung gibt, abgetrieben. Es ist in höchstem Maß unmenschlich, dieses Leben beiseitezuschaffen

Am 21. März war nicht nur Frühlingsbeginn. Der Welttag der Menschen mit Down-Syndrom jährt sich heuer zum zehnten Mal. Der 21. 3. steht sinnbildlich dafür, dass bei Menschen mit Down-Syndrom das 21. Chromosom dreimal vorhanden ist. Daher auch der medizinische Begriff Trisomie 21.

Bei mir löst der Gedanke an diesen Tag ein mulmiges Gefühl aus. Weltweit werden etwa 80 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben, in der Schweiz sind es angeblich 92 Prozent. Wie viele es bei uns in Österreich sind, lässt sich aufgrund fehlender Statistiken nicht genau sagen, vermutlich liegen wir nicht sehr weit hinter der Schweiz. Manche verkünden es als Fortschritt, dass Kinder mit Behinderungen nicht mehr zur Welt kommen. Mir läuft es kalt über den Rücken. Die diagnostischen Methoden werden immer besser, die Missbildungen früher und sicherer erkannt, Gott sei Dank mit wenig oder keinem Risiko für die Frau. Für das Kind ist dieser Fortschritt aber zunehmend lebensgefährlich. Schon ein bloßer Verdacht kann ein Todesurteil bedeuten, wobei erwiesen ist, dass Fehldiagnosen gar nicht so selten vorkommen. Persönlich kenne ich mehrere Ehepaare, die die Diagnose erhielten, ihr Kind sei wahrscheinlich behindert, zu keiner Abtreibung bereit waren und in der Folge sehr bange Wochen verbrachten. Wie groß waren dann Erleichterung und Freude, als das Kind gesund zur Welt kam. Groß war aber auch die Liebe, die ein Kind mit einer Behinderung ebenso angenommen hätte.

Derzeit wird in Österreich diskutiert, ob man nicht endlich die eugenische Indikation eines Schwangerschaftsabbruches, also eine straffreie Abtreibung von Kindern mit Behinderung bis in den neunten Monat, abschaffen soll. In Deutschland ist das schon vor einigen Jahren erfolgt. Eine solche Gesetzesänderung ist ohne Zweifel längst überfällig. Es bedeutet ja in der Tat die größtmögliche Diskriminierung behinderter Menschen, wenn die Entdeckung einer Behinderung oder der bloße Verdacht darauf eine Abtreibung bis unmittelbar vor der Geburt straffrei macht. Zudem ist eine Abtreibung bereits lebensfähiger Kinder für Ärzte, Schwestern und alle Beteiligten ganz besonders belastend. Aber ich muss gestehen: Ich halte die Abschaffung der eugenischen Indikation zwar für absolut richtig. Zudem muss es jedoch darum gehen, eine Kultur des Lebens zu etablieren, die eine Abtreibung - an welchem Punkt einer Schwangerschaft auch immer - so undenkbar macht, wie sie es aus ethischen Überlegungen ist. Papst Franziskus hat dies treffend formuliert: Beten wir für die Kinder, die im Egoismus einer Kultur begraben werden, die das Leben nicht liebt.

Sollte man also besser keine Untersuchungen durchführen? In der Tat scheint mir manchmal diese Frage berechtigt. Die Möglichkeiten, bei Behinderungen therapeutisch einzugreifen, sind ja bis jetzt kaum gegeben, und die Untersuchungen werden routinemäßig angeboten, auch wenn die Schwangerschaft normal verläuft. Die Angst vor Schadenersatzforderungen prägt zudem die Ärztinnen und Ärzte: Die unmittelbare Wirkung auf betroffene Patientinnen bei Untersuchungen, Verdachtsäußerungen, Informationen, Diagnosen und Empfehlungen ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Ärzte müssen sich schützen dürfen und auf alle möglichen Gefahren hinweisen, gleichzeitig könnten sie Hilfsangebote aufzeigen und gründliche begleitende Beratung empfehlen.

Die Frauen werden in ihrer schwierigen Entscheidung, in ihrer Not weitgehend alleingelassen. Der Druck ist groß, und immer bleibt ein Schmerz, der nur schwer heilen kann. Das führt zur nächsten oft gestellten Frage: Kann man einer Frau, einer Familie ein behindertes Kind zumuten? Wer könnte nicht verstehen, dass es schwer ist, sich darauf einzustellen, dass das Kind behindert sein wird, besonderer Pflege bedarf, vielleicht sogar für die ganze Familie eine Lebensumstellung mit sich bringt? Auch für das behinderte Kind selbst kann das Leben schwer werden. Aber es deshalb töten? In diesem Zusammenhang ist auch zu bedenken, dass ein zunächst gesundes Kind im Lauf seines Lebens sehr einschränkend krank, auch todkrank werden kann. Was dann?

Wahr ist auch, dass gerade bei Trisomien der Grad der Behinderung sehr unterschiedlich sein kann, manche sind nur wenig, andere sehr stark behindert. Ich denke an so manche Familien, die ihr behindertes Kind ganz besonders lieben, durch dieses Kind oft eine positive Entwicklung erfahren haben, weil sich ihre Lebenseinstellung verändert hat. Ich denke auch an die wertvollen Vereine für Familien mit Down-Syndrom-Kindern oder an Mutter Teresa. Unvergesslich ist mir der Besuch eines Sterbehospizes in Addis Abeba, in dem teils schwerst behinderte Kinder waren. Es wurde mir erklärt, dass die Bevölkerung die Kinder oft einfach in der Nähe des Hospizes ablegt, weil bekannt ist, dass sie dort Aufnahme finden und leben dürfen.

Eine Gesellschaft, die behinderte, chronisch kranke und alte Menschen beiseiteschafft, ist unmenschlich. Die größte und schlimmste Behinderung ist der Mangel an Liebe. Wer sich dagegen armer, kranker, behinderter oder alter Menschen annimmt, wird die Erfahrung machen, dass er von ihnen beschenkt wird. Der 21. März soll uns daran erinnern, dass das Leben aller Menschen gleich an Würde und Wert ist. (Klaus Küng, DER STANDARD, 28.3.2015)

Klaus Küng (74) ist Bischof von Sankt Pölten.

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