Heinisch-Hosek: Rote Tochter, zukunftsreich?

29. März 2015, 11:21
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Seit Gabriele Heinisch-Hosek Bildungsministerin ist, reißt die Kritik nicht ab. Veröffentlichte Schülerdaten und Probleme mit der Neuen Mittelschule und der Zentralmatura machen ihr das politische Leben schwer. An Rücktritt denkt sie bisher nicht. Andere schon.

Für Julia Herr ist die Sache gegessen. Drei Tage nachdem sie von Gabriele Heinisch-Hosek ziemlich unwirsch von der roten Parteitagsbühne bugsiert worden war, folgte eine Einladung ins Unterrichtsministerium, wortreiche Entschuldigung inklusive. Seitdem hat die Chefin der Jungsozialisten "keine bösen Gefühle mehr" gegenüber jener Frau, die der Öffentlichkeit bislang als Unterrichts- und Frauenministerin bekannt, deren Potenzial für die Rolle der hantigen Oberlehrerin zuvor aber noch nicht aufgefallen war.

Kirschenessen mit "Gaby"

Spätestens seit sie als Beamtenministerin die zahlreichen Verhandlungsrunden mit den Lehrergewerkschaftern zum Thema Dienstrecht politisch überlebt hatte, konnte man ahnen, dass mit der "Gaby" - wie sie von allen, die sie näher kennen, genannt wird - nicht immer gut Kirschen essen ist. Sind diese Marathonsitzungen doch "ungefähr das Härteste, was einem in Österreich passieren kann", schätzt der frühere Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, ein langjähriger Freund Heinisch-Hoseks. Aber die Persönlichkeit der "Gaby" sei eben "sozial sehr verträglich", findet Trauzeuge Gusenbauer - in Kombination mit der vorteilhaften Eigenschaft, dass sich Heinisch-Hosek auskenne "in den Dingen, von denen sie redet".

foto: standard/matthias cremer
Glaubt an ihre politische Zukunft, auch wenn ihr nicht immer wohl ist: Seit Gabriele Heinisch-Hosek Unterrichtsministerin ist, will nicht immer alles leicht von der Hand gehen.

Eine Einschätzung, die nicht jeder teilt, der die Ministerin aus dem politischen Tagesgeschäft kennt. Der vorzugsweise anonymisiert vorgebrachte Vorwurf: Sie stütze sich nicht auf das Erfahrungswissen ihrer Beamten, Zugang zu ihr finde nur das politische Kabinett. Heinisch-Hosek weist das zurück: "Jeden Dienstag gibt es ein Treffen mit den Sektionschefs, ich bin jedes zweite oder dritte Mal dabei."

Begonnen hat alles im niederösterreichischen Guntramsdorf. Dort wuchs Gabriele Hosek auf, besuchte Volks- wie Hauptschule, machte 1990 erste politische Schritte im Gemeinderat. Von hier aus startete sie 2008 in den Niederösterreichischen Landtag, zuständig für Gesundheit, Soziales, Jugendwohlfahrt. In der Wiener Speckgürtelgemeinde lebt sie noch heute.

Ortsbekannt

Wer wie der Standard im Ort nach Leuten sucht, die Heinisch-Hosek von früher kennen, wird leicht fündig. Die Mitarbeiterin auf dem Gemeindeamt kennt sie aus Kindheitstagen im Gemeindebau, der Bürgermeister ist einer ihrer ehemaligen Englisch-Nachhilfeschüler. Mit Waltraud Witowetz-Müller ist die Ministerin besonders eng verbunden. Die einstige Obfrau der Kinderfreunde gilt Heinisch-Hosek neben ihrem Mann Walter als Mentorin. Witowetz-Müller erinnert sich an die gemeinsame Zeit bei der Kinderfreunde-Ortsgruppe, an die gemeinsamen Wanderungen ("das war nicht ihres"), an Liederabende am Lagerfeuer.

Nach und nach hat Heinisch-Hosek von der "politischen Ziehmutter" erst die rote Kinder-, dann die Bildungsgruppe übernommen. Was damals bereits auffiel: "Gabys Fähigkeit, Kinder, die nicht der Norm entsprechen, aus der Reserve zu locken." Später sollte auf die Ausbildung zur Haupt- und Sonderschulpädagogin jene zur Schwerhörigenlehrerin folgen. Ein Bereich, in dem sie auch nach ihrem Wechsel in den Nationalrat (2001) noch einige Zeit tätig war. Privat kümmerte sich Heinisch-Hosek mehrere Jahre lang um ein schwerstbehindertes Kind im Kinderheim Schwedenstift. Seit dem Tod von André hängt dessen Kinderkette eng um ihren Hals. Von ihm habe sie viel gelernt, gar die Angst vor dem Tod verloren, sagt sie.

Auch die Zeit bei den Kinderfreunden war für die heute 53-Jährige prägend: "Hier habe ich gelernt, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. So bin ich nämlich nicht erzogen worden." Im Elternhaus wurden traditionelle Rollenbilder gelebt. Der Papa, ein Schlosser, ging arbeiten. Die Mama, Näherin, blieb eine Zeitlang daheim. Die Entwicklung ihres "feministischen Bewusstseins" schreibt Heinisch-Hosek denn auch den Kinderfreunden zu. Ihren Mann Walter, bis vor kurzem Amtsleiter in Guntramsdorf, lernte sie damals in der Jugendorganisation kennen.

Überall Baustellen

Was alle einstigen Weggefährten eint: Sie leiden besonders intensiv mit, wenn es im Ressort einmal wieder nicht ganz rund läuft. Und das war in letzter Zeit - um genau zu sein, seit Amtsantritt Heinisch-Hoseks im Unterrichtsressort - des Öfteren der Fall. Stichwort Bifie, Stichwort Neue Mittelschule, Stichwort Frauenquote. Aber das ist eine andere Baustelle.

Als im Vorjahr Daten des Bildungsforschungsinstituts auf einem rumänischen Server auftauchten, erwischte das die erst seit wenigen Monaten im Amt befindliche Ministerin auf dem falschen Fuß. Sie reagierte überzogen. Kündigte an, an Pisa 2015 aus Datenschutzgründen nicht teilnehmen zu wollen. Wenige Monate und viele Aufschreie aus der wissenschaftlichen Community später nahm sie dieses Vorhaben ebenso wieder zurück wie jene beiden Verordnungen, die eine Erhöhung der Klassenschülerhöchstzahl und weniger Teamteaching-Stunden für die Neue Mittelschule bedeutet hätten.

Und weg war er, der Amtsbonus. Peinlich finden dieses erratische Vorgehen die einen und verlangen - begleitet von Schlagzeilen wie "Ministerin Heinisch-Hosek rücktrittsreif" (Krone) oder "Heinisch-Hosek angezählt" (Vorarlberger Nachrichten) - ihren Rücktritt. Für die anderen ist das einfach nur ehrlich. Mitunter rückt der Kanzler aus, um Heinisch-Hosek gegen Angriffe von FPÖ, Grünen, Lehrergewerkschaftern zu verteidigen. Im Dezember sah er sie "fest im Sattel", Anfang März stand er "voll" hinter ihr.

foto: standard/matthias cremer
"Ich habe mich dabei nicht immer wohlgefühlt." Heinisch-Hosek über Probleme mit der Quote.

Neue Mittelschule, neuer Aufreger. Seit Jahresanfang war die Evaluierung der vom Rechnungshof bereits zerpflückten "besseren" Hauptschule bereits fertig. Im März wurde die Ministerin, die den Bericht wohl seit langem kannte, von der Veröffentlichung dennoch überrascht. Und rückte mit Verspätung aus, ein 230 Millionen Euro teures Projekt mit dem - berechtigten - Argument zu verteidigen, die Ausgangsbedingungen seien nie mit der Erwartungshaltung an die neue Schulform in Einklang zu bringen gewesen.

In Heinisch-Hoseks Umfeld erklärt man all die Patzer damit, dass im ersten halben Jahr als Unterrichtsministerin vieles passiert sei, das nicht antizipierbar gewesen sei. Nicht ganz so wohl Gesinnte werfen ihr vor, aus Überforderung zu Kurzschlussreaktionen zu neigen. Zuletzt trommelten Schüler wie Lehrergewerkschafter laut gegen die Zentralmatura an. Dass eine Serverüberlastung beim Hochladen der vorwissenschaftlichen Arbeit in Anbetracht des Mammutprojektes eigentlich zum Spatzenproblem schrumpft, tat der medial unterstützten Aufregung keinen Abbruch. In der öffentlichen Wahrnehmung setzt sich ein wenig vorteilhaftes Bild fest. Nur Kathrin Nachbaur vom Team Stronach vertrauen die Österreicher noch weniger.

Selbst in Frauenangelegenheiten - eigentlich eine Spezialdisziplin der einstigen Frauenministerin (2008-2013) - hat Heinisch- Hosek an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Parteifreundin Sonja Ablinger formuliert ihre Kritik so: "In Frauenfragen muss man hie und da auf den Tisch hauen und mit dem Liebensentzug der Parteimänner leben können." Aber der Politikstil der "Gaby" sei eben ein anderer, laufe unter der Überschrift "Na, das reden wir uns eh aus". Weil sie nämlich "konfliktscheu" sei. Und das ist, so Ablinger, "ein Problem, wenn man Frauenpolitikerin ist".

E-Mail - und gut ist's

Als Beleg dient der oberösterreichischen SP-Frau ihr eigenes Exempel: Als ob des Nachrückens auf das Mandat Barbara Prammers ein parteiinterner Machtkampf losging, wäre es an der Zeit gewesen, die rote Quote mit Zähnen zu verteidigen. Was tat die Frauenministerin? Schrieb den oberösterreichischen Genossen eine Mail, dass sie deren Bestemm auf Walter Schopf nicht gut findet. Richtete sich im Bundesvorstand aber danach. Heute sagt sie: "Ich habe mich nicht immer wohlgefühlt", aber nach des Kanzlers Zusicherung der Statutenverschärfung "ist es mir besser gegangen".

Recht machen kann sie es ohnehin nie. Als sie Volksrocker Andreas Gabalier via Facebook auf den korrekten Text der Bundeshymne - inklusive Töchter! - aufmerksam machte, hagelte es einen Shitstorm, der in einigen Fällen bis zur Staatsanwaltschaft wehte. Seitdem hat sich Heinisch-Hosek in sozialen Medien auf das Vermelden der täglichen Vorzeigefrau zurückgezogen. Netzwerken ist nicht ihre Stärke. "Habe ich erst lernen müssen", sagt sie. Ihre Kritiker müssen bis auf weiteres mit ihr leben lernen. Sie vermittelt glaubhaft den Eindruck, einiges auszuhalten. Oder, wie es Freund Gusenbauer formuliert: "Alle, die glauben, sie können ihr die Laune verderben, könnten sich womöglich die Zähne ausbeißen." (Karin Riss, DER STANDARD, 28.3.2015)

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