Pampe mit Eisbein und Moussaka

27. März 2015, 17:00
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So nahe sind sich Berlin und Athen beim Essen

Goethe, Schiller, Hölderlin: Es hat schon Zeiten gegeben, da die ganze deutsche Intelligenzija das Land der Griechen mit der Seele suchte und den Blick sehnsuchtsvoll Richtung Peloponnes richtete, um dem Muff der Duodezfürstentümer, in denen man selber zu Hause war, zu entfliehen. Die Zeiten sind vorbei.

Heute liegen sich die Deutschen und Griechen seit Jahren in den Haaren und liefern sich ein trauriges Match. Katzbalgereien auf tiefstem Niveau, Stinkefingerverdacht, und alle überwunden geglaubten Vorurteile sind frischfröhlich wieder da. Die Deutschen? In Wahrheit immer noch die alten Nazis, die am liebsten den Kontinent unter den Stiefeln hätten. Die Griechen? Faulsäcke, die sich auf Kosten der fleißigen Germanen einen schönen Tag machen und lieber am Strand Ouzo süffeln, anstatt in der Werkshalle bei VW das Bruttosozialprodukt zu steigern.

Höchste Zeit also, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. Deutsche und Griechen mögen sich in vielem unterscheiden, aber in ihren Kochgewohnheiten und Essenspräferenzen sind sie einander ähnlicher, als sie es wahrhaben wollen. Sowohl in Athen wie in Berlin mag man eine anspruchslose, aber robuste Küche. Mahlzeiten mit weniger als 1200 Kalorien werden da wie dort nicht als Mahlzeiten, sondern als Snacks betrachtet.

Daher legt man in beiden Ländern großen Wert auf einen üppigen Fettgehalt des Essens. In Deutschland setzt man auf Eisbein und Rostbratwürste, die Griechen begießen jede Speise traditionell mit mindestens einem halben Liter Olivenöl. "Gehen wir doch heute Abend einmal zum Griechen" bzw. "Gehen wir doch heute Abend einmal zum Deutschen", das bedeutet immer: Kalorien Ende nie. Wie die Griechen lieben es auch die Deutschen, möglichst das gesamte Essen in ein und demselben Gericht zu vermengen. In Deutschland nennt man das dann abwechselnd Grütze, Pampe oder Eintopf, in Griechenland Pastitsio oder Moussaka. Mindestens ein Drittel der Pampe bzw. des Moussakas muss dabei aus Kartoffelpüree bestehen.

Angesichts dieser flagranten kulinarischen Gemeinsamkeiten wäre es wünschenswert, wenn Tsipras und Merkel ihre Differenzen einmal entspannt bei einem gemeinsamen griechisch-deutschen Abendessen ausräumen würden, am besten bei einer schönen Pampe mit Eisbein und Olivenöl. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 28./29.3.2015)

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