Johanna Rachinger: "Unser Vorteil sind die Synergien"

Interview28. März 2015, 15:00
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Österreichs erstes Literaturmuseum wird am 17. April eröffnet. Die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, spricht über Ziele, Tiefenspeicher und das Haus der Geschichte

STANDARD: Wien ist nicht gerade arm an Museen. Alle müssen sparen. Wie geht sich da ein neues Museum aus?

Johanna Rachinger: Das Literaturmuseum ist an sich finanziert, wir nehmen niemandem Geld weg, im Gegenteil: Wir haben auch einiges an Sponsorengeldern dafür eingebracht. Aber natürlich, im laufenden Betrieb wird das Museum etwas kosten. Wir Direktorinnen und Direktoren sind uns einig, dass es ab 2016/2017 eine Anpassung der Basisabgeltung geben muss. Prinzipiell ist es schön, dass auch in Sparzeiten ganz bewusst die Entscheidung für solch ein Haus getroffen wurde. Unser Glücksfall ist das Gebäude, das Hofkammerarchiv in der Johannesgasse, wo einst Franz Grillparzer Direktor war. Der Archivcharakter, die Regale, alles eignet sich hervorragend. Im ersten Literaturmuseum eines Landes, das viele bedeutende Autorinnen und Autoren hervorgebracht hat, können nun an einem prominenten Ort die Phänomene der Literatur innerhalb der jeweiligen Grenzen Österreichs thematisiert werden. Die historischen Bruchlinien wurden ja immer ganz stark von der Literatur aufgegriffen.

STANDARD: Wo wird das Literaturmuseum zeitlich ansetzen?

Rachinger: In der Dauerausstellung wollen wir die österreichische Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart sowohl chronologisch als auch thematisch darstellen. In der thematischen Ausrichtung führen wir dann hin zu den Meilensteinen und Zäsuren, die es in der österreichischen Geschichte gab. Themen wie die soziale Situation von Autorinnen und Autoren werden aufgegriffen. Oder: Warum schaffen es manche Werke, in den Kanon aufgenommen zu werden, andere nicht? Wir werden Gegensätze analysieren, etwa politische Enthaltsamkeit versus Engagement. Es wird Veranstaltungen und Diskussionen mit Autorinnen und Autoren auch für Schulklassen geben. Wir haben Medien- und Hörstationen eingerichtet, wo man real mit Texten in Bezug treten kann.

STANDARD: Es heißt, jedes Museum brauche Gastronomie. Gilt das auch für Ihr Museum?

Rachinger: Nein. Die Johannesgasse ist ein urbaner Ort mit einigen Lokalen und vor allem mit einem interessanten Umfeld: Metrokino und Filmarchiv sind in unmittelbarer Nachbarschaft, das Konservatorium, das Haus der Musik und auch das Winterpalais als neuer Ort für zeitgenössische Kunst sind ums Eck. Das heißt: Dort entsteht eine Kulturmeile.

STANDARD: Vom Wirtschaftsministerium kamen 2,8 Millionen Euro für die Sanierung, das Kulturministerium finanzierte Einrichtung und Installation der Dauerausstellung mit 2,6 Mio. Welches Budget steht für den Betrieb zur Verfügung?

Rachinger: Jährlich etwa 500.000 Euro. Unser Vorteil sind die Synergien: Viele Objekte kommen aus dem Literaturarchiv, dessen Leiter Bernhard Fetz Direktor des Museums ist. Das Literaturarchiv wird die wissenschaftliche Arbeit leisten; auch die mediale Betreuung läuft über das Haupthaus. Und es hilft dem Museum, dass wir in den letzten Jahren viele Nach- und Vorlässe für das Literaturarchiv erwerben konnten.

STANDARD: Ein weiteres Projekt der Nationalbibliothek ist ein - aus Kostengründen redimensionierter - Tiefenspeicher unter dem Heldenplatz. Warum eigentlich nicht, so wie bei den meisten Museen, an der günstigeren Peripherie?

Rachinger: Für uns ist die unmittelbare Anbindung an die Lesesäle wichtig. Museen brauchen ihre Objekte oft nur alle zehn Jahre oder für eine spezielle Ausstellung, wir die Bücher täglich, weil rund 800 Leserinnen und Leser pro Tag unsere Lesesäle frequentieren. Daher ist die Nähe schon aus praktischen Gründen wichtig. Außerdem haben wir eine Nachhaltigkeitsstudie in Auftrag gegeben, die eindeutig besagt, dass der Heldenplatz die kostengünstigere und auch umweltfreundlichere Variante ist.

STANDARD: Verändert das Internet das Bibliotheksnutzungsverhalten?

Rachinger: Wir sind ja mit Google dabei, den urheberrechtsfreien Buchbestand zu digitalisieren. Die Wissenschaft bezieht ihre Informationen bereits großteils aus dem Netz. Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Zahl der Leserschaft vor Ort nicht sinkt, sondern im Gegenteil wächst, obwohl wir immer mehr Inhalte ins Netz stellen. Das sagt mir, dass es auch in Zukunft zwei Arten von Bibliotheken geben wird: eine virtuelle, aber auch eine physische, weil es Menschen gibt, die der Einsamkeit des wissenschaftlichen Arbeitens zu Hause entkommen wollen und an Orte gehen, wo sie zwar in Ruhe arbeiten können, aber doch unter Menschen sind. Wir brauchen so etwas wie dritte Orte, das können Kaffeehäuser sein oder eben Bibliotheken. Oder Museen.

STANDARD: Vermutlich wird auch das geplante Haus der Geschichte der Nationalbibliothek zugeordnet?

Rachinger: Wie das Haus organisatorisch aufgestellt sein soll, ist noch nicht entschieden. Wir sind im Gespräch. Sollte sich Bundesminister Ostermayer dafür entscheiden, es an die Nationalbibliothek anzudocken, werden wir das gern machen - weil wir in diesem Bereich viele Erfahrun- gen mitbringen und auch wieder viele Synergien nutzen können. Die Nationalbibliothek stellt sicherlich neben dem Staatsarchiv, der Mediathek und dem ORF-Archiv am meisten Content für ein Haus der Geschichte bereit. Wir haben beispielsweise die größte Fotodokumentationsstelle Österreichs.

STANDARD: Es gab und gibt heftige Diskussionen, weil das geplante Weltmuseum wegen seines neuen Nachbarn, eben des Hauses der Geschichte, redimensioniert werden muss. Wie groß ist die Gefahr gegenseitiger Kannibalisierung?

Rachinger: Ich tu mir mit dem Konkurrenzgedanken im Kulturbereich sehr schwer. Es gibt immer gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Ergänzung. Ich bin sicher, dass das auch für das Haus der Geschichte und das Weltmuseum gilt. Aber man muss sich auf das Machbare konzentrieren und zur Kenntnis nehmen, dass es kein Geld für ein neues Gebäude gibt. Der Heldenplatz ist ein unglaublich starker Erinnerungsort, auch ein Ort der Schande. Dort stand Hitler, dem die Massen zugejubelt haben. Deshalb bin ich für den Bücherspeicher dort. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Gedächtnis dieser Republik und das Haus der Geschichte dorthin kommen. ( Andrea Schurian, DER STANDARD, 28./29.3.2015)

Johanna Rachinger (55) ist seit 2001 Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. Ihr Vertrag läuft bis 2016.

  • Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek: "Die historischen Bruchlinien wurden ja immer ganz stark von der Literatur aufgegriffen."
    foto: hauswirth/önb

    Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek: "Die historischen Bruchlinien wurden ja immer ganz stark von der Literatur aufgegriffen."

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